Seit den Übergriffen in Zürich-Seebach ist die sexuelle Gewalt unter Schülern ein Thema. Eine Studie der Uni Zürich zeigt aber die meisten Kids als verantwortungsbewusst und einfühlsam. Teenager erzählen - Mädchen und Jungs getrennt -, wie sie Sexualität erleben.

Die Zürcherinnen Meret, 14, Noëmi, 15, und Julie, 15, haben sich als Sechsjährige in der Pfadi kennen gelernt. Heute sind sie beste Freundinnen. Julie geht in die Sekundarschule, Meret und Noëmi besuchen das Gymnasium. Die drei halten sich für normale Jugendliche: Sie shoppen gern, gehen nur am Wochenende aus, spielen Instrumente, haben ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Gewalt haben sie nie am eigenen Leib erfahren, trotzdem beschäftigen sie die sexuellen Übergriffe in Zürich-Seebach sehr.

Beobachter: Was haben die mutmasslichen Vergewaltigungen bei euch ausgelöst?
Meret: Ich war schockiert, vor allem darüber, dass so viele Jungen gegen ein Mädchen los sind, das ist grausam und feige.
Noëmi: Und dass sie so jung sind. Die Täter sind 15, wie wir. Das macht Angst.

Beobachter: Wurde der Fall in der Schule thematisiert?
Julie: Ja. Wir mussten einen Aufsatz dazu schreiben. Sogar die Buben haben vier Seiten verfasst. Das Thema beschäftigt alle.
Meret: Bei uns im Gymi wurde in den Schulstunden nicht darüber geredet, keine Diskussionen, nichts. Ich finde das schade.
Noëmi: Ich habe mit meiner Mutter darüber geredet und mit Julie und Meret. Kein Lehrer hat nur einen Ton verloren. Sind sie zu verklemmt? Das Thema geht doch alle an.

Beobachter: Hätte das in eurem Umfeld passieren können?
Meret: Nein, in unserem persönlichen Umfeld kann ich mir das unmöglich vorstellen. Wenn wir «Stopp» sagen, dann akzeptieren das unsere Kollegen. Sie hören auf uns.
Julie: Unsere Freunde würden uns nie so etwas antun.

Beobachter: Wieso hat es wohl dieses Mädchen getroffen?
Meret: Es kommt sicher sehr darauf an, wie man sich anzieht und sich verhält.
Julie: Ob man «umeschätzelet». Und wie kurze Jupes man trägt. Aber Mädchen sollen sich aufreizend anziehen dürfen.

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Beobachter: Werdet ihr oft angemacht?
Meret: Oh ja. Im Ausgang dauernd, egal, wie man angezogen ist.
Noëmi: Sie machen uns mit Sprüchen an…
Julie: …aber nie handgreiflich.
Meret: So weit würden wir es auch nie kommen lassen.

Beobachter: Wie reagiert ihr auf Anmache?
Julie: Wenn du abends allein unterwegs bist und es kommt dir so ein Typ entgegen und pfeift dir nach oder so, dann ignorierst du das und gehst einfach weiter. Wir würden nie mit solchen ein Gespräch anfangen. Nie, nie, nie.

Beobachter: Seid ihr nachts allein unterwegs?
Meret: Meist sind wir zu dritt. Aber ich gehe auch allein nach Hause.
Noëmi: Wir haben einen Trick: Ich stelle auf dem Natel 117 ein, den Polizeinotruf, und tue so, als ob ich mit jemandem rede. Wenn etwas passieren würde, müsste ich nur die Gesprächstaste drücken und wäre sofort mit der Polizei verbunden.

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Beobachter: Wie reagiert ihr, wenn ihr Belästigungen von Kolleginnen mitkriegt?
Julie: Bei uns in der Schule wurde mal ein Nacktfoto von einer Schülerin rumgereicht und sogar an einer Tür aufgehängt. Das war unterstes Niveau. Aber im Moment wusste ich nicht, wie reagieren.

Beobachter: Und bei euch?
Meret und Noëmi: Man wird schon schnell als Schlampe abgestempelt, wenn man es gut hat mit den Jungs.
Julie: In der Primarschule war alles friedlich. Aber in der Oberstufe hat sich das geändert: Da wirst du in eine Schublade gesteckt. Die ist eine Schlampe, der ist ein Gauner, die eine Streberin. Wenn sich wer wehrt, gibts schnell Schlägereien.

Beobachter: Was wird anders in der Oberstufe?
Noëmi: Man orientiert sich ganz stark an den Mädchen der oberen Klassen. Die Schönen und Coolen, was die anziehen - das macht man dann nach.
Julie: Man schminkt sich. Man imitiert die Älteren. Wenn sie friedlich drauf sind, sind es alle. Und umgekehrt.

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Beobachter: Ist Sexualität in der Oberstufe ein Thema?
Meret: Ja, vom ersten Tag an. Am Anfang waren Mädchen und Buben getrennt, ziemlich schnell gabs aber die ersten Pärchen, und man hatte es miteinander lustig. Fast alle haben aber den Freund oder die Freundin ausserhalb der Schule.
Julie: Wir haben es friedlich. Handypornos etwa zirkulieren nur unter Jungs.

Beobachter: Wurdet ihr aufgeklärt?
Meret: Etwa fünf Mal in der Schule. Die kamen mit dem Köfferchen voller Dildos und Kondome.
Noëmi: Bei uns wurde die Sexualität vertieft in der Biologie. Die ganze Palette.
Julie: Wir haben Sexualität nie in der Schule durchgenommen. Das bespricht man im Freundeskreis. Aber alle wissen, wie es geht. Aus Heftli zum Beispiel.
Meret: Viele wissen es aber nur so halb, wie es wirklich ist. Viele Jungs etwa wissen gar nicht, was eine Spirale ist.

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Beobachter: Schläft man in eurem Alter mit Jungen?
Julie: Bei vielen fängt das so mit 13 Jahren an, bei den so genannten Schlampen wohl noch früher.
Meret: Wer mit 14 noch nie hat, wird ein bisschen komisch angeguckt. Man weiss von jeder, ob sie schon hat oder nicht.
Noëmi: Es wird so ein wenig als Pflicht dargestellt: Du musst es gemacht haben.
Julie: Bei den Jungs ist es schlimmer, das verletzt ihre «Ehre», wenn sie mit 14 nie mit Mädchen geschlafen haben. Vielleicht kam es auch deshalb in Seebach so weit.
Noëmi: Das stimmt. Der Druck für die Buben ist enorm.

Beobachter: Die Täter in Seebach mussten eurer Meinung nach also «etwas aufholen»?
Julie: Ich denke es. Sie mussten sich beweisen, dass sie auch mit einem Mädchen können, dass sie dazugehören.
Meret und Noëmi: Das war sicher der Gruppendruck.

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Beobachter: Was empfindet ihr gegenüber dem Seebacher Opfer?
Meret: Sie tut mir megaleid. Mir wäre es sehr peinlich, wenn ich wegen so etwas in der Öffentlichkeit stehen würde.
Julie: Wenn mir so etwas passieren würde, würde ich mich abgrundtief schämen. Ich würde mich nicht rausgetrauen, mir würde es die Sprache verschlagen.
Noëmi: Sie hat sicher auch abgrundtiefe Scham empfunden und vielleicht deshalb so lange mit niemandem geredet.

Beobachter: Wenn ihr in so eine Lage kommen würdet, was würdet ihr tun?
Alle: Miteinander darüber reden. Wir können uns alles erzählen.

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Meret (l.), 14, Probezeit im Gymi, lebt als Einzelkind bei ihrer Mutter in Zürich, singt im Chor, Pfadimitglied.
Noëmi (m.), 15, Langzeitgymi, Einzelkind, lebt bei den Eltern in Zürich, spielt Klavier, singt, Pfadimitglied.
Julie (r.), 15, Sekundarschülerin, zwei Brüder, lebt bei den Eltern in Zürich, spielt Klarinette, Pfadimitglied.

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Jungs

«Minirock und tiefer Ausschnitt ziehen an»

Tim, Serge und Alfredo, alle 14, besuchen die Sekundarschule: Tim und Alfredo die zweite Klasse in Rüschlikon, Serge die dritte in Thalwil. Die drei kennen sich schon lange, sind gute Kollegen und bezeichnen sich als «normale Jugendliche». Sie treiben viel Sport, trinken und rauchen kaum und waren noch nie in eine Schlägerei verwickelt. Wer sich als Frau aufreizend kleidet, müsse mit allem rechnen, finden sie.

Beobachter: Was haben die mutmasslichen Vergewaltigungen bei euch ausgelöst?
Tim: Ich erschrak, dass 13 Typen auf ein Mädchen los sind, ich finde es bescheuert.
Serge: Krass, sie war erst 13. Diese Typen müssen ziemlich frustriert gewesen sein.

Beobachter: Habt ihr in der Schule darüber gesprochen?
Tim: Nein. Weder in der Schule noch auf dem Pausenplatz unter Freunden.
Serge: Vor einer Woche sprachen wir in einer Schulstunde darüber. Vor allem die Mädchen äusserten sich, die Buben schwiegen. Ich fand das schade.

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Beobachter: Hätte das in eurem Umfeld passieren können?
Alfredo: Rüschlikon ist ein kleines Dorf, jeder kennt jeden. Ich kann es mir schlecht vorstellen. Vielleicht in Thalwil, das ist ein Gangstadorf.
Serge: Ich komme aus Thalwil, ich kenne dort alle Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren von der Schule her. Thalwil hat einen zu krassen Ruf, die Jungs in unserem Alter würden nie so etwas tun.

Beobachter: Wieso traf es wohl gerade dieses Mädchen?
Tim: Wie ich gehört habe, wollte sie es am Anfang selber, dann kamen immer mehr, und es wurde ihr zu viel. Vielleicht war sie mit einem Minirock und tiefem Ausschnitt unterwegs, das zieht Buben an. Eine Frau muss aufpassen, was sie trägt oder sagt, und immer wieder deutlich Nein sagen.
Serge: Vermutlich stand das Mädchen unter Druck. Ihr Freund wollte unbedingt, dass sie mit ihm und anderen schläft.

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Beobachter: Was ist wohl in den Köpfen dieser Jungs vorgegangen?
Alfredo: Wenn ein Mädchen etwas aufreizend angezogen ist, wird es sicher mehr beobachtet. Das ist auch in unserem Schulhaus so. Vermutlich zwang der Freund die 13-Jährige, mit ihm ins Bett zu gehen. Er erzählte es seinen Kollegen, und diese dachten, wenn sie schon so weit ist, können wir es ja auch mit ihr versuchen.
Tim: Es gibt Mädchen mit weitem Ausschnitt, solche, die mit jedem rummachen. Wir nennen sie Schlampen. Trotzdem: Ich finde die Jungs respektlos. Wenn ein Mädchen Nein sagt, akzeptiere ich das.

Beobachter: Wie ist das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungs in euren Schulhäusern?
Tim: Wir reden nicht mehr so offen mit ihnen wie noch in der Primarschule. In der Oberstufe kam das Thema Sex auf. Jetzt treffen wir uns gelegentlich mit Mädchen.
Serge: Es gibt Jungs, die reden aus Prinzip nicht mit Mädchen. Andere sitzen ständig in der Pause mit den Mädchen zusammen.

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Beobachter: Wie sprecht ihr Mädchen an?
Tim: Ich gehe jetzt nur noch mit meiner Freundin aus.
Serge: Es ist einfach, hier jemanden kennen zu lernen. Wir fragen nach der Handynummer, schreiben SMS und treffen uns.
Alfredo: Bei mir beginnt es immer mit Augenkontakt.

Beobachter: Tim, du hast eine Freundin?
Tim: Ja, seit fünf Wochen, doch übernachtet hat sie noch nie bei mir.
Serge: Meine Freundin geht ins gleiche Schulhaus wie ich. Wir sehen uns vor allem nach der Schule.

Beobachter: Wie wurdet ihr aufgeklärt?
Tim: Einmal sprachen wir in der dritten Primarschulklasse über Liebe. Im kommenden Frühling steht Sexualkunde auf dem Programm. Wir wissen das meiste aus eigener Erfahrung. Wir probieren es einfach aus.
Serge: Wir hatten in der zweiten Sek Sexualkunde. Wir mussten Fremdwörter auswendig lernen und uns langweilige Filme über den menschlichen Körper anschauen. Das hat voll nichts gebracht. Ich weiss alles von meinen Kollegen.

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Beobachter: Wisst ihr zum Beispiel, was eine Spirale ist?
Tim: Ja, ein Kondom für die Frau.
Serge: Nein, das ist ein Femidom. Eine Spirale sagt dem Gehirn, dass es genug Hormone hat. Sie funktioniert wie die Pille, damit man nicht schwanger wird.
Tim: Wir Jungs müssen doch nur über das Kondom Bescheid wissen.

Beobachter: Wisst ihr, wenn Mädchen die Pille nehmen?
Serge: Zum Teil. Wir wissen ziemlich genau, wer schon mit jemandem geschlafen hat. Bei den Jungs ist das ein Status. Und den Mädchen merkt man es an. Es spricht sich schnell herum, zum Teil mit allen Einzelheiten.
Alfredo: Man sieht es Mitschülerinnen an, wer schon hat und wer nicht. Erst sind sie kindisch, dann werden sie plötzlich ruhiger und haben einen umwerfenden Blick.

Beobachter: Stehen Jungs unter Druck, dass man ab 13 mit einer Frau geschlafen haben muss?
Tim: Bei Gangstas gehört das dazu. Wir sind aber keine Gangstas, wir sind normal.

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Beobachter: Habt ihr schon einmal mit einem Mädchen geschlafen?
Serge: Nein.

Beobachter: Habt ihr schon mal Pornos gesehen?
Alle: Ja.
Serge: Pornos hatte früher jeder auf dem Handy.
Tim: In der ersten Sek war das cool, jetzt ist es nicht mehr so wichtig. Ich kenne jemanden, der jeweils selber gedrehte Pornos herumzeigt.

Beobachter: War seine Freundin mit den Filmaufnahmen einverstanden?
Tim: Ich denke schon, sie weiss aber sicher nicht, dass der Film herumgereicht wird. Ich finde das Ganze behämmert.
Alfredo: Der Angeber ruft das Mädchen jeweils an und lässt alle mithören.

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Alfredo (l.), 14, zweite Sek, Einzelkind; Hobbys: Fussball und Kung-Fu.
Tim (m.), 14, zweite Sek, ein Bruder; Hobbys: Tennis, Rudern und Computer, spielt Schlagzeug.
Serge (r.), 14, dritte Sek Thalwil, zwei Schwestern, Hobbys: Eishockey, Tennis.

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