Damaris Herzog, 18, ist Tiermedizinische Praxis­assistentin. Nach dem Lehrabschluss zog es sie für einen Sprachaufenthalt nach Australien. Sie möchte die Ausbildung zur Rettungssanitäterin machen.

Selina Schlumpf
, 19, besucht das Kunstgymnasium. Zwischen Matura und Studienbeginn möchte sie einen Einsatz in einem Hilfswerk in Osteuropa leisten.

Tina Meier
, 18, ist im 3. Lehrjahr als Hochbauzeichnerin, macht die Berufsmaturität und würde danach gern studieren – was, weiss sie noch nicht genau.

Damaris Herzog und Selina Schlumpf sind seit dem Kindergarten beste Freundinnen. Tina Meier lernten sie vor zwei Jahren im Ausgang kennen. Seither gehört sie dazu. Die drei wohnen in und um Winterthur.

Beobachter: Selina, Damaris, Tina, wo seht ihr euch in 15 Jahren?

Selina: Ich hab mir das schon oft überlegt. Ich finds schwierig. Ich möchte studieren und im Job vorwärtskommen, aber vielleicht trotzdem einmal eine Familie gründen. Auch wenn ich einen Partner finden würde, der sich an der Erziehung beteiligt, stellt sich die Frage: Wie viel Berufserfahrung muss man haben, bevor man sich eine Babypause erlauben kann?

Tina: Das ist das Brutale als Frau. Du musst alles planen. Ich würde zum Beispiel nach der Lehre gern mal ins Ausland und vielleicht etwas studieren, das finanziell nicht so Zukunft hat, aber das kann man sich kaum mehr erlauben. In der Schweiz zu leben ist einerseits toll, aber anderseits ist alles so teuer, sind die Ansprüche so hoch, dass es kaum mehr Freiräume gibt. Man muss so überlegt vorgehen, dass man manchmal nicht mehr weiss, ob man für heute lebt oder nur für die berufliche Zukunft. Und zusätzlich gibt es viele Männer, die erwarten, dass die Frau den ganzen Haushalt macht.

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Selina: Auch viele Frauen denken in so veralteten Rollenmustern. Ich habe Freundin­nen, die studieren wollen, aber sagen, sie bleiben dann daheim, wenn sie ein Kind haben. Das ist doch total bireweich.

Damaris: Die sind vielleicht so aufgewachsen und kennen nichts anderes. Du hast Eltern, die beruflich sehr engagiert sind.

Tina: Das ist bei mir auch so. Ich glaube, heute arbeiten doch die meisten Mütter. Ich finde das gut. Natürlich muss man am Anfang für die Kinder da sein, aber wenn Teenager noch das Gefühl haben, Mama müsse daheimsitzen, läuft etwas falsch.

Damaris: Ich glaube, ich würde durchdrehen, wenn ich nicht arbeiten könnte. Am liebsten würde ich die Betreuung der Kinder mit meinem Partner teilen.

Tina: Da musst du aber noch viel Erziehungsarbeit leisten bei den Männern…

Selina: Säg nüt. Wenn ich mit Kollegen in die Ferien gehe, heisst es sofort: Wir können im Fall nicht kochen. Obwohl die mit uns in der Kochschule waren… Auch Männer, die eigentlich keine Machos sind, verhalten sich so.

Tina: Ich habe zum Glück ein paar Kollegen, die gut und gern kochen.

Selina: Ich glaube manchmal, dass die ­Frauen auch ein wenig mitschuldig sind. Wenn ich beobachte, wie sich Kolleginnen von mir im Ausgang verhalten, stellen sich schon Fragen. Sie lassen sich zum Beispiel immer einladen. Auch wenn sie mehr Geld haben als der Mann. Zum Teil ist das dann ein richtiges Kaufen der Frau. So im Stil: Ich bezahl dir einen Drink, dafür darf ich dich nachher betatschen. Da machen viele Frauen einfach mit.

Tina: So versauen wir doch die jahrelange Arbeit unserer Mütter!

Selina: Genau! Ich habe sogar Kolleginnen, die dem Freund die Wohnung putzen und die Wäsche machen… Tschuldigung, so fängt es doch an. Wenn wir jetzt nicht wachsam sind, werden wir die tollen Jobs haben, Karriere machen und daneben noch den ganzen Haushalt erledigen.

Damaris: Wir jungen Frauen lassen uns oft extrem unterdrücken. Wie du gesagt hast, Selina – auch im Ausgang.

Selina: In den Clubs bist du für die Männer nur Objekt. Die schauen, welche geil aussieht, und geben dann Gas. Die Frauen lassen es sich einfach gefallen.

Tina: Ich erschrecke manchmal auch, wenn ich andere Mädchen im Ausgang sehe. Die verhalten sich teilweise schon sehr fragwürdig. Schmuggeln sich halbnackt in Clubs, in die sie noch gar nicht reindürften, nehmen kein Geld mit…

Selina: Ich finde es okay, wenn eine Frau in den Ausgang geht und sagt, ich will meinen Spass haben und einen Typen aufreis­sen. Aber die Art und Weise, wie dich heute die Typen anmachen, geht gar nicht. Sie kommen von hinten und halten dich am Bauch und drücken dich an sich. Da muss ich einfach sagen: Tschuldigung, du kannst von vorn kommen und mich ansprechen.

Damaris: Das nervt viele. Ich sehe das oft bei Kolleginnen. Aber sie trauen sich nicht, sich zu wehren.

Selina: Viele fühlen sich halt im ersten Moment begehrt, wenn sie angemacht werden. Und dann verpassen sie den Zeitpunkt, sich zu wehren. Dazu kommt, dass man schnell als Zicke gilt, wenn man nicht mitmacht.

Damaris: Der Alkohol hat sicher auch einen Einfluss. Ich habe früher auch viel getrunken, aber jetzt nervt es mich, wenn immer alle besoffen sind.

Beobachter: Redet ihr mit den Eltern über diese Erlebnisse?

Selina: Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern und finde, sie machen es mega gut. Trotzdem bespreche ich solche Dinge eher mit Kollegen.

Tina: Bei mir ist es umgekehrt. Als ich noch in der Pubertät war, habe ich mich voll auf meine Freundinnen gestützt. In dieser Zeit hat man sowieso das Gefühl, man sei allein und die Eltern checken gar nichts. Seit ich etwas älter bin, habe ich mich wieder angefreundet mit meinen Eltern. Ich erzähle ihnen mehr denn je, auch wenn ich Pro­bleme habe. Ich gehe sogar ab und zu in den Ausgang mit meinem Vater.

Damaris: Ich habe vor kurzem beschlossen, meinen Eltern nicht mehr alles zu erzählen. Ich weiss, dass sie beide voll hinter mir stehen und für mich da sind, wenn ich sie brauche. Trotzdem möchte ich in Zukunft mehr meinen eigenen Weg gehen. Ich hatte oft Streit daheim, weil ich alles erzählt habe.

Selina: Was heute im Ausgang läuft, ist halt für Eltern schwierig zu verstehen.

Damaris: Ich glaube manchmal, sie erinnern sich nicht mehr so richtig daran, wie es bei ihnen war. Mein Vater noch eher. Der hat in seiner Jugend so viel Seich gemacht, dass er sich nicht gross Sorgen macht, meine Mutter aber schon.

Selina: Das ist ein Vorteil. Unsere Eltern haben selber schon viel erlebt. Wenn mein Vater motzt, sag ich zu ihm: Ihr wart ja viel schlimmer. Das ist ein grosser Unterschied zu vorhergehenden Generationen: Unsere Eltern haben selber schon gekifft. Da ist es nicht mehr so der grosse Schock, wenn es die Kinder tun.

Beobachter: Ist denn nicht Alkohol das grosse Thema der heutigen Jugend?

Selina: Das kommt mega drauf an, in welcher Szene du bist. Es gibt solche, die nehmen Amphetamine, andere trinken, und wieder andere Kreise kiffen vor allem.

Tina: Kiffen ist halt normal geworden in der Schweiz. Wie Alkohol trinken.

Selina: Stimmt. Ich kenne fast niemanden, der es nicht ausprobiert hat. Ich kenne auch niemanden, für den das ein Problem ist.

Apropos Schweiz, ihr seid ja alle seit kurzem volljährig. Geht ihr abstimmen und wählen?

Selina: Ja, ich gehe immer. Ich finde, das ist eine Verpflichtung. Obwohl es schon verlockend ist, Dinge wie Klimawandel und Atomkatastrophen einfach zu verdrängen.

Tina: Ich stimme auch ab. Ich glaube, viele Leute sind heute so beschäftigt mit Arbeit, Kino, Ausgang, dass sie gar keine Zeit haben, sich eine Meinung zu bilden. Seit ich meine Maturaarbeit über den Klimawandel geschrieben habe, bin ich sicher, dass unsere Enkel uns einmal fragen werden, warum wir nichts unternommen haben, obwohl wir wussten, was passieren wird.

Damaris: Säg nüt. Ich habe mich auch lange nicht für Politik interessiert. Aber als die Minarettinitiative Thema wurde und ich mit Kollegen darüber geredet habe, bin ich echt erschrocken. Die hatten keine Ahnung und plapperten einfach der SVP nach. Ich bin gern in der Schweiz. Es ist cool hier, aber wenn man merkt, wie rassistisch viele Schweizerinnen und Schweizer sind, vergeht einem der Stolz auf sein Land.