Timothy Pescatore, 18, besucht die Kantonsschule.

Tiemo Pedergnana, 17, geht ebenfalls ins Gymi und möchte danach Maschinenbau studieren.

Silvan Hungerbühler, 19, steht kurz vor der Matura. Er schwankt zwischen «vernünftigen» Studienrichtungen wie Jus oder Wirtschaft und jenen, für die er sich am meisten interessiert – Anglistik oder Philosophie.

Silvan und Tiemo sind dicke Freunde, Timothy ist oft mit dabei. Alle drei spielen Basketball und wohnen in Winterthur und Umgebung.

Beobachter: Timothy, Silvan, Tiemo, wo seht ihr euch in 15 Jahren?
Timothy: So richtig überlegt habe ich mir das noch nie. Im Moment tendiere ich dazu, Jus zu studieren. Danach will ich einen guten Job finden. Alles andere lass ich noch offen.

Silvan: Bei mir ist das ähnlich. Über Fami­lienpläne oder so habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber die Karriere plant man natürlich schon. Fragen wie: Welches Studium, welcher Beruf erlaubt mir eine gute Balance zwischen Karriere im klassischen Sinn und Lebensfreude? 15 Jahre – das ist ziemlich weit weg. Was bis dann passiert, hängt von so vielen Zufällen ab, dass Planen sowieso keinen Sinn macht.

Tiemo: Ich habe die Erwartung an mich, dass ich in 15 Jahren mein Studium abgeschlossen und bereits in etwas doktoriert haben werde. Ich möchte mich irgendwann selbständig machen, unternehmerisch tätig werden.

Beobachter: Eure Gedanken zur Zukunft drehen sich vor allem um den Job.

Silvan: Ich glaube, das ist bei allen Gymischülern so. Eine Matura zu machen ist ein rechtes Investment. Zeitlich und von der aufgewendeten Energie her. Da will man etwas zurück, finanziell und was den Lebensstandard angeht.

Beobachter: Sind das Werte, die eure Eltern teilen?

Timothy: Bei mir ist das ein bisschen spe­ziell. Ich habe sechs ältere Geschwister. Meine Mutter hat sich ausschliesslich um uns Kinder gekümmert. Mein Vater hin­gegen arbeitete sehr viel. Ich möchte für mich nicht, dass die familiäre Situation meine Berufswahl so stark beeinflusst, und es ist mir wichtig, dass mir neben der Arbeit genügend Freizeit bleibt.

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Silvan: Bei mir ist es ganz anders und trotzdem ähnlich. Ich bin ein Einzelkind, und meine Mutter war von Anfang an allein­erziehend. Sie war mit ihrem Job und mir voll ausgelastet. Mein Vater hat, als ich noch klein war, Karriere gemacht und viel verdient. Dann hat er sich irgendwann entschieden, wieder mehr zu tun, was ihm wirklich Spass macht. So hat er zum Beispiel sein Erspartes genutzt, um zu reisen oder ein Studium zu beginnen, obwohl er schon über 50 ist. Er hat keine Lebensziele im klassischen Sinne verfolgt. Ich meine Status, Familie, Geld. Ich denke, dass sein Lebensentwurf mich nicht wirklich glücklich machen würde. Das Leben, das meine Mutter führen musste, natürlich auch nicht.

Tiemo: Meine Eltern haben zwei ganz verschiedene Wege gewählt. Meine Mutter war früher Sekundarlehrerin. Später ist sie in die Politik eingestiegen. Das ist ein undankbarer Job. Man steckt sehr viel rein, und der Ertrag ist mässig. Mein Vater war Dozent und daneben unternehmerisch tätig. Das ist näher an meinem Ideal. Schön ist, dass beide beruflich genau das machen, was sie immer machen wollten. Dafür respektiere ich sie. Ich werde genauso versuchen, meine Leidenschaften zu verfolgen.

Silvan: Das ist nicht mehr wie früher. Wir müssen uns nicht unbedingt von unseren Eltern abgrenzen. Für uns sind die Lebens­entwürfe unserer Eltern nachvollziehbar, auch wenn wir sie im Detail nicht genau so wiederholen möchten.

Tiemo: Die meisten Jobs sind doch heute ein Stück weit ein Kompromiss. Darum will ich eine Doktorarbeit machen. Ich möchte unabhängig bleiben, mich nur so wenig ins System eingliedern müssen, wie es nötig ist.

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Silvan: Ich glaube zwar nicht, dass du dich dem total entziehen kannst. Aber man muss es versuchen. Ich kann Leute, die sich bereitwillig ein Plätzchen in diesem System suchen, auch nicht verstehen.

Beobachter: Matura, Studium, guter Job…? Das klingt jetzt nicht wahnsinnig idealistisch…

Silvan: Der Beruf ist halt in unserer Gesellschaft zentral. Freiheit und Geld sind fast Synonyme. Wir sind so sozialisiert worden, dass es zählt, was wir beruflich machen. Jedenfalls bei den Männern. Bei Frauen ist es viel normaler, wenn sie sagen: Ich möchte einmal eine Familie. Unter Männern herrscht der Druck, sich über den Beruf zu profilieren. Frauen haben da eine zusätzliche Option, die ihnen den Druck nehmen kann. Das ist okay, limitiert aber halt zum Teil auch die Phantasien, Ambi­tionen und Träume.

Tiemo: Es klingt jetzt vielleicht etwas hart, aber wir sehen die Familie eher als Nebenprodukt in unserem Leben.

Silvan: Mehr als ein Symptom des Lebens als ein Ziel.

Beobachter: Und wer kümmert sich um dieses Nebenprodukt, den Haushalt und die Kinder?

Silvan: Kein Kommentar… (lacht)

Timothy: Man muss doch einfach so lange mit der Familiengründung warten, bis beide genau wissen, was sie beruflich machen wollen. Dann kann man klären, ob es sich überhaupt organisieren lässt.

Beobachter: Heisst das, du würdest dich an der Kinderbetreuung beteiligen?

Timothy: Wieso nicht? Gegen einen freien Tag pro Woche kann man doch nichts haben…

Tiemo: Ja, sicher. Eine Familie ist doch etwas Wunderschönes. Innerhalb unserer Gesellschaft, in der nur noch finanzielle Werte zählen, ist sie ein fast utopischer Ort, an dem noch andere, menschliche Werte etwas bedeuten.

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Silvan: Das ist so. Darum wäre ich auch bereit, Kompromisse zu machen für eine Familie.

Tiemo: Ganz ehrlich, auch unsere Genera­tion ist halt noch geprägt von überholten Rollenmustern. Wir sind zwar rational zur Einsicht gekommen, dass Frauen gleichberechtigt sind, aber das Unterbewusste, das etwas anderes sagt, lässt sich nicht einfach ausschalten.

Silvan: Das ist doch auch bei den Frauen so. Viele wählen freiwillig die klassische Rolle der Schwachen, Hilfsbedürftigen, Konfliktscheuen…

Tiemo: Das gilt halt als attraktiv.

Silvan: Wir Männer schätzen und fördern das. Gerade in unserer Altersgruppe ist das noch stark verankert.

Beobachter: Scheint so… Worüber redet ihr eigentlich, wenn ihr euch trefft?

Tiemo: Genau über solche Dinge. Über gesellschaftliche Fragen.

Silvan: Ja, dieses Gespräch ist sehr realistisch. Wir unterhalten uns gerne über die Wirtschaft, über alternative Wirtschaftssysteme.

Tiemo: Über die Missstände in dieser Welt.

Silvan: Worüber reden eigentlich Frauen?

Tiemo: Das würde mich eben auch interessieren…

Beobachter: Sie beklagen sich zum Beispiel darüber, dass sie in Clubs rüde angemacht werden.

Tiemo: Ohne Scheiss?

Silvan: Schon?

Tiemo: Können wir die mal treffen?

Silvan: Das wär zu lustig…

Beobachter: Es stimmt also nicht, was sie erzählen?

Timothy: Doch. Es ist genau so. In Clubs geht man halt nur wegen der Frauen.

Beobachter: Und betatscht sie von hinten…

Timothy: Die Frauen tanzen immer im Kreis. Wenn du einer näherkommen willst, musst du dich ja von hinten nähern. Ich dachte, die machen das bewusst so…

Tiemo: Das mit den Clubs ist halt ziemlich komplex.

Silvan: Es kommt sicher vor, dass man mal etwas macht, das nicht so aufgenommen wird, wie man es beabsichtigt hat.

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Tiemo: Es gehen verschiedene Menschen mit verschiedenen Ansprüchen in die Clubs. Viele betrunkene junge Frauen und Männer. Das kann nicht funktionieren. Dazu kommt, dass heute eh keiner mehr tanzen kann. Darum steht man halt hinter eine Frau und imitiert den Sexualakt. Das kann jeder. Die sexuellen Ansprüche prägen das Clubleben durch und durch. Das hat das Niveau definitiv gesenkt. Das ist mir kürzlich in Tunesien aufgefallen. Die sind auch aufdringlich, aber sie haben Charme und Stil. Sie gehen respektvoll um mit den Frauen. Daran mangelt es hier schon manchmal.

Beobachter: Interessant. Was sagt ihr dazu: Laut dem Jugendbarometer 2011, einer grossangelegten Befragung der Schweizer Jugendlichen, sind gerade «Ausländer» respektive deren mangelnde Integration die grösste Sorge der heutigen Jugendlichen.

Silvan: So ein Blödsinn!

Timothy: Dieses Resultat zeigt doch einfach, dass wir sonst keine ernsthaften Probleme haben…

Tiemo: Solche Tendenzen sind Ausdruck unseres Wohlstands. Sie zeigen, welch mechanistische Vorstellung wir von der Inte­gration haben. Wir gehen davon aus, dass Integration ein Prozess ist, in dem Ausländer eingegliedert werden in unsere Gesellschaft. Obwohl eigentlich klar sein müsste, dass Integration etwas ist, das mit klaren Abfolgen sublim abläuft. Etwas, das nicht aufgehalten werden kann.

Silvan: Amen. Das ist doch ein reines Medienthema.

Timothy: Uns gehts doch einfach gut. Wir haben eigentlich keine Sorgen.

Silvan: Genau. Wir leben in einem privi­legierten Land und gehören zu einer privilegierten Klasse. Uns steht alles offen. Niemand sonst auf der Welt hat solch ideale Voraussetzungen.

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Tiemo: Darum ist es ziemlich arrogant, wenn wir uns über nichtige nationale Probleme beschweren. Wir würden uns besser um die globalen kümmern.