Die Jungs, die in die Bar eintreten, gaffen die 19-jährige Jasmin Hardegger regelrecht an. Keine Frage, Jasmin ist hübsch. Das Gaffen aber, das provoziert sie mit zehn Piercings, elf Tattoos und zwei gedehnten Ohrläppchen. Sie gestaltet ihren Körper kompromisslos, ihre Tattoos und Piercings lassen sich nicht mit Textilien verdecken. Kürzlich liess sie sich ein Herz unterhalb eines Auges stechen, und auf ihre Finger verteilt verläuft der Schriftzug «VIDA LOCA», «verrücktes Leben». Jasmin wurde von ihrer Mutter unlängst gefragt: «Warum hast du mit den Tattoos nicht gewartet, bis ich tot bin?» Immer wieder komme es vor, dass Männer sagen, sie habe ein schönes Gesicht, aber ihre Piercings seien «gruusig».

Auch der 19-jährige Bruce Steiner (Name geändert) liebt Piercings und Tattoos. Mit 17 begann er, sich an den Armen tätowieren und an Bauchnabel, Brustwarzen und im Gesicht Piercings stechen zu lassen. «Der Vater sah es locker, die Mutter war enttäuscht», erinnert er sich an die Anfänge.

Jasmin und Bruce empfinden ihre Lust an der Körpergestaltung als Verschönerung. Sie wissen aber, dass sie von vielen Menschen mit Kopfschütteln quittiert wird.

Piercings am Bauchnabel, in den Brustwarzen und im Gesicht: Bruce Steiner (Name geändert)

Quelle: Vera Hartmann

«Sie verbaut sich sehr viele Möglichkeiten»

Diese Ablehnung ist eigentlich seltsam, verschönern sich doch alle Menschen seit je und überall auf der Welt. «Wenn wir uns eine neue Frisur leisten, im Fitnesscenter Muskelmasse antrainieren, Ohrringe tragen oder am Schminktisch den Lidschatten ziehen, verfolgen wir nur ein Ziel: den eigenen Körper zu optimieren», sagt der Psychologe Erich Kasten von der Universität Lübeck. Kasten ist Verfasser des Buchs «Body-Modification», in dem er sich mit Aspekten von Piercing, Tattoos, anderen Körperveränderungen und deren Abgrenzung zur Selbstverletzung befasst. Warum verändern wir denn unseren Körper, färben die Haut ein oder durchstechen sie? Erich Kasten lapidar: «Wir wollen uns von der grauen Masse abheben.»

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Bruce wirkt beim Treffen schüchtern. Er sagt, dass er nicht gerne im Mittelpunkt stehe. Auf die Motivation für seine Piercings und Tattoos angesprochen, antwortet er erst nach mehrmaligem Insistieren: «Ich würde mich einfach nicht wohl fühlen, wenn ich so wäre wie alle andern.»

Der Wunsch nach körperlicher Individualität habe in den letzten 20 Jahren stark zugenommen, sagt der auf das Thema spezialisierte Psychologe Norbert Hänsli, Leiter der Jugendseelsorge Kanton Zürich. Von der Arbeitswelt bis zur Familie: Es gebe kaum einen Bereich im heutigen Leben, der nicht flexibilisiert und aufgeweicht worden sei. Übrig bleibe nur noch der Nahbereich mit Kleidung und Körper, an dem die Identität festgemacht werden könne. «Über unseren Körper können wir allein verfügen, niemand redet uns drein», so Hänsli.

Der Psychologe Erich Kasten bezeichnet sich nicht als Gegner von Körperveränderungen. Vereinzelte Tätowierungen findet er sogar toll. Dennoch prophezeit er Jasmin, dass sie ihre Tattoos auf den Händen und im Gesicht noch bitter bereuen wird: «Sie verbaut sich sehr viele Möglichkeiten für die Zukunft, private wie auch berufliche.» Jasmin, die in Zürich als Piercerin arbeitet, sieht es anders: «Lieber bin ich selbständig und verdiene weniger, als dass ich als Schalterangestellte bei der UBS arbeiten muss.» Sie wolle sich nicht in die normale Arbeitswelt integrieren und sich darin fremdsteuern lassen – «auch in zehn Jahren nicht». Und auch Bruce ist überzeugt, dass er in zehn Jahren noch «ein Freak» sein werde, der nur an einem Ort arbeiten könne, an dem sein Äusseres kein Problem sei. Derzeit ist er im zweiten Lehrjahr zum Polygraphen, und niemand im Büro stört sich an seinem Äusseren.

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Wenn Jasmin und Bruce sich Piercings stechen lassen, führen sie einen Trend fort, der in der Punkbewegung Ende der siebziger Jahre seinen Anfang nahm: Damals begannen Punks, sich ihre Wangen mit Sicherheitsnadeln zu durchbohren. Ab den achtziger Jahren setzte im Westen ein regelrechter Boom der Körperkunst ein. Waren es zu Beginn noch Freaks und Exoten, die sich tätowieren und piercen liessen, sind diese Praktiken heute Mainstream.

Akzeptanz provoziert neue Extreme

Die kurze Zeitspanne der vergangenen 30 Jahre, in der sich Menschen im Westen ihre Haut stechen, tätowieren und dehnen lassen, gründet auf einer jahrtausendealten Tradition. Die Trends, die wir auf der Strasse antreffen, sind fast ausnahmslos abgekupfert von Urvölkern: So stammen die Tätowierungen von Südsee-Insulanern, Schmucknarben und gedehnte Körperteile aus Afrika – und alle hatten eine besondere Bedeutung und mussten durch spezielle Leistungen verdient werden. Heute lässt sich die Primarlehrerin einfach so eine Rose aufs Schulterblatt und der Bankangestellte eine Eidechse in die Leistengegend stechen. «Inzwischen tätowiert sich die Generation der 50-Jährigen», weiss Psychologe Kasten.

Das hat zur Folge, dass die Avantgarde versucht, die zum Teil bereits extremen Formen der Körperveränderung nochmals zu steigern. Die Ergebnisse werden fotografiert und ins Internet gestellt – virtuelles Schaulaufen der Szene und Vorlagensammlung zugleich. Derzeit angesagt: das Tätowieren der Zunge oder des Augenweisses, das schlangenähnliche Spalten der Zunge oder das keilförmige Einschneiden der Ohrmuscheln, die dann zu spitzen Elfenohren zusammenwachsen. Solche Extreme können sich auch in einem Ganzkörpertattoo manifestieren. Denn wer die Haut tätowiert, sticht oder dehnt, der lässt es kaum bei einem einzigen Mal bewenden. So hat auch Bruce klare Vorstellungen für seine künftige Körperoberfläche: «Der eine Arm soll voll mit Tattoos werden. Ich könnte mir auch vorstellen, die Hände zu tätowieren.» Jasmin plant, ihren ganzen Körper tätowieren zu lassen. Piercings und Tattoos, sagt Jasmin, seien ihre Passion, ihr Lebensgefühl. Sie bekennt mit einem Lachen: «Ja, ich bin süchtig nach Tattoos und Piercings!»

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Wann wird es gefährlich?

Wo endet die Kunst am Körper, und wo beginnt das Verletzen des eigenen Körpers? Entscheidend seien der Verletzungsgrad, die soziale Akzeptanz und der psychische Zustand zum Zeitpunkt der selbst zugefügten Veränderung, sagt Psychologe Hänsli. Menschen, die ihre Haut ritzen und schneiden, bis sie blutet, tun dies aus einer seelischen Not, «aus einem inneren Zwang heraus». Die Frage sei also, mit welcher Motivation eine Person ihren Körper verändere. Menschen, die sich selbst verletzen, wollen sich weder verschönern, noch finden sie toll, was sie tun – im Gegensatz zu jenen, die sich aus optischen Gründen piercen, tätowieren oder sonst wie verändern lassen. Vorsicht sei geboten, wenn jemand es tue, um seinen psychischen Zustand zu verbessern. Dann sei professionelle Hilfe gefragt, denn das Problem sei mit Tätowieren oder anderen Körpermodifikationen nicht lösbar. «Es ist falsch, ein psychisches Problem auf der körperlichen Ebene lösen zu wollen.»

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Ratgeber: Was tun, wenn sich Ihr Kind tätowieren lassen will?

Psychologe Norbert Hänsli rät: Eltern sollten darauf bestehen, dass Jugendliche mit Tätowieren zuwarten, bis sie das 18. Lebensjahr erreicht haben. Wer unter 18 ist, muss dem Tätowierer die schriftliche Einwilligung der erziehungsberechtigten Person vorweisen können – so halten es zumindest die Mitglieder des Schweizerischen Verbands der Berufstätowierer. Hänsli weiss aber: «Wenn ein Jugendlicher sich ­unbedingt tätowieren lassen will, findet er immer einen Weg.»

Psychologe Erich Kasten empfiehlt ein ausführliches Gespräch mit dem Jugendlichen. Der Entscheid für ein Tattoo soll gründlich überlegt sein: «Think before you ink!» – überlege, bevor du zur Tinte greifst. Und ein Tattoo solle man sich nur von wirklich professionellen Künstlern stechen lassen, auch wenn es etwas teurer wird. «Schlechte Tattoos sind einfach nur furchtbar. Man ärgert sich unter Umständen sein rest­liches Leben darüber.» Ist das Tattoo einmal da, gibt es ein Zurück nur noch über die Laserbehandlung beim Hautarzt – ohne ­Erfolgsgarantie, dafür mit finanziellen wie körperlichen Schmerzen. Zum Vergleich: Das Entfernen eines Tattoos kostet rund das Zehn- bis Zwanzigfache der Anbringung. Viele Tätowie­rungen lassen sich zudem nicht vollständig wegmachen. Besser seien da Piercings, da sie meist nur winzige Narben hinterliessen.

Weitere Informationen

Jugendberatung und Information: www.tschau.ch
Für Angehörige von Menschen, die sich selbst ­verletzen: www.rotelinien.de

Buchtipp
Erich Kasten: «Body-Modification. ­Psychologische und medizinische Aspekte von ­Piercing, ­Tattoo, Selbstverletzung und anderen Körperveränderungen»; Verlag Ernst Reinhardt, 2006, 393 Seiten, Fr. 49.90