Teenies: Muss Auflehnung und Trotz sein? Bild: Getty Images

PubertätAuflehnung und Streit - was tun?

Eltern liegen oft mit ihren Teenager-Kindern im Clinch. Warum das so ist und wie man den einen oder anderen Krach vermeiden kann.

von Christine Harzheim

Frage von Mike A.: «Wir haben zwei Kinder im Teenageralter. Ständig gibt es Krach wegen Dingen, die eigentlich selbstverständlich sind. Ist das normal? Ich finde es extrem anstrengend.»

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Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Solange der Krach die Beziehung nicht grundsätzlich in Frage stellt, ist alles im grünen Bereich. Wie anstrengend es wird, hängt ab vom Temperament von Kindern und Eltern. Ausserdem davon, welche Qualität die Beziehungen in der Familie bisher hatten.

Wenn ich Eltern frage, was sie sich für ihre Kinder wünschen, antworten die meisten: Sie sollen aufrechte, selbstbewusste Erwachsene werden. Solche, die sich wehren können, die ehrlich sind, die sich nicht von der Masse manipulieren lassen. Genau diese Fähigkeiten trainieren Kinder und Jugendliche etwa ab dem zehnten Altersjahr. Und sie üben sie idealerweise im vertrauten Umfeld.

Doch wir Eltern, die wir unsere Kinder später als unabhängige, verantwortungsvolle Erwachsene sehen, haben auch andere Wünsche. Die Kinder sollen bis dahin möglichst angepasst und ruhig funktionieren, unsere Werte teilen und spätestens nach einer unserer wortreichen Belehrungen mit Einsicht reagieren: «Stimmt, Vater, ja, jetzt, wo du es sagst…» Wir wollen ihnen Leid ersparen, indem sie aus unseren Fehlern lernen.

Die Familie ist das wichtigste Spielfeld

Für uns wäre es einfacher, wenn sie unsere schmerzlichen Erfahrungen nicht wiederholen müssten. In dieser Phase sind wir oft beruflich stark eingespannt, müssen leisten und funktionieren und kommen durch die alltäglichen Konflikte an unsere Grenzen.

Die Jugendlichen aber brauchen ein Spielfeld, auf dem sie ausprobieren können, wie es sich anfühlt, die eigene Meinung zu verteidigen, falsche Entscheidungen zu treffen, sich einsam gegen die Macht zu stellen und ganz allein verantwortlich zu sein – etwa für Dinge, die man heimlich tut. Wenn sie dieses Spielfeld zu Hause nicht haben, suchen sie es sich woanders, ausserhalb des familiären Schonraums. Oft mit bitteren Folgen.

Kinder lernen durch Erfahrung, durch Versuch und Irrtum. Stellen Sie sich ein Kind vor, das laufen lernt. Unzählige Male fällt es hin, schlägt sich irgendwo an und tut sich weh. Wir begleiten es wohlwollend bei seinen Bemühungen. Seine Ungeschicklichkeit werfen wir ihm nicht vor, wir wissen, dass sie dazugehört. Niemand käme auf die Idee, ein Kind zwei Jahre lang liegen zu lassen, um es dann auf die Füsse zu stellen in der Annahme, es könne nun souverän gehen.

 

«Wir sollten gegenüber Jugendlichen authentisch bleiben, statt eine falsche Souveränität vorzuspielen.»

 

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Die Pubertät funktioniert ähnlich. Anpassung haben die Kinder in den zehn Jahren vorher geübt. Um eine erwachsene Persönlichkeit zu werden, müssen sie jetzt darauf verzichten und eigenständige, ungesicherte Wege ausprobieren. Das schafft Konflikte. Eltern sind hier für eine persönliche Auseinandersetzung sehr gefragt.

Das ist anstrengend, denn wir fühlen uns von jugendlichem Verhalten auf vielfältige Weise strapaziert. Die laute Musik geht uns auf die Nerven, die nassen Handtücher auf dem Parkett und die Schimmelkulturen auf dem Geschirr in ihrem Zimmer brüskieren den Hausmeister in uns. Und sie fordern uns als Führungsperson heraus, indem sie unsere Rollenautorität als Eltern in Frage stellen.

Unsicherheit und neue Kräfteverhältnisse

Wenn Jugendliche das Bedürfnis haben, die Welt mit all ihren Facetten kennenzulernen, können wir Erwachsene sie nicht einfach mit sachdienlichen Hinweisen abspeisen. In dieser Zeit brauchen sie unsere ganze Persönlichkeit, unsere Haltung als Mensch. Mit anderen Worten: Es ist wichtiger, dass wir ihnen gegenüber authentisch bleiben, statt ihnen eine falsche Souveränität vorzuspielen. Unsere Hilf- und Ratlosigkeit, unsere Verletzlichkeit dürfen nicht aussen vor bleiben.

Es ist eine grosse Herausforderung, sich wirklich persönlich zu zeigen und den Unterschied zwischen uns und den Kindern langsam verschwinden zu lassen. Für beide Seiten. Es schafft Unsicherheit und neue Kräfteverhältnisse. Doch setzen Sie das gleiche Vertrauen in Ihr Kind wie damals, als es laufen lernte. Entwicklungsprozesse sind immer auch anstrengend, das gehört nun mal dazu. Hier helfen Gelassenheit und Humor.

Achten Sie aber auch darauf, dass Sie sich als Eltern und Liebespaar nicht vernachlässigen. Im Gegenteil: Leben Sie wieder mehr Ihr eigenes Leben, ohne die Kinder ständig «mitzudenken». Lassen Sie nicht zu, dass Lebendigkeit, Leichtsinn und Wildheit nur bei der jungen Generation stattfinden. Wagen Sie selber wieder etwas und haben Sie Spass.

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Veröffentlicht am May 08, 2017