Mein Zeichenlehrer hasste mich. Und er hatte diese Macke, uns Schüler stets in der dritten Person anzusprechen: «Er soll doch nach draussen gehen und etwas tun, was seinen Fähigkeiten entspricht», sagte er zu mir. Oder: «Er ist unerträglich.»

Was soll ich sagen? Der Mann hatte recht. Ich war damals tatsächlich unerträglich – wie die meisten meiner Klassengspäändli. Und wir hatten nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Als Pubertierender glaubt man, Erwachsene – Eltern und Lehrer insbesondere – hätten keine Ahnung vom Leben und es deshalb verdient, zur Verzweiflung gebracht zu werden.

Der Gedanke, dass die Erwachsenen mit vielem vielleicht doch richtig lagen, kommt erst Jahre später auf. Und kaum reift er zur Gewissheit, hat man eigene Kinder, die ihrerseits finden, ihre Eltern hätten keine Ahnung.

Wie die Pubertät völlig zurechnungs­fähige Kinder zu psychischen Sonder­lingen werden lässt, ist ein Faszinosum. Auf einmal sind sie gleichzeitig arrogant und zurückgezogen, motivationslos und überdreht. Sie sind zu faul, um den Rasen zu mähen, aber haben endlos Energie und Ideen, um sich und ihre Freunde Gefahren und Problemen auszusetzen.

Früher nahm man an, an diesem Ausnahmezustand seien die Sexualhormone schuld. Diese lösen die Pubertät zwar aus – dass Jugendliche dann aber plötzlich wie von Sinnen sind, liegt gemäss neueren Erkenntnissen am Gehirn selbst.

In der Pubertät vollzieht sich ein neurologischer Wandel, in dem sich oft genutzte Verbindungen zwischen Nervenzellen verstärken und andere zurück­bilden. Erinnerungen, Vorlieben, Erlebtes und Erlerntes prägen diese Netzwerke und formen damit unsere Persönlichkeit.

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Die Störung im Stirnlappen

Dieser Reifeprozess passiert von hinten nach vorne. Ganz am Schluss wird der Stirnlappen auf Vordermann gebracht. Und dieser ist zuständig für rationale Aufgaben wie Planung, Risikoabschätzung und Bewertung.

Im Umbau funktioniert der Stirnlappen nicht, wie er sollte. Stattdessen funkt ihm das limbische System dazwischen, das Gefühle wie Wut und Angst reguliert und verarbeitet. Die Vernunft hat entsprechend oft das Nachsehen.

Darum sind unnötige Konfrontationen mit Pubertierenden zu vermeiden. Eltern sollten sich besser darauf konzentrieren, in erzieherischen Kernfragen ihre Position zu behaupten, und dafür bei verhandel­baren Punkten Kompromisse eingehen.

Nachgeben ist wichtig. Die Pubertierenden sind nicht nur neurologischen Turbulenzen ausgeliefert, sie stehen auch vor schwierigen Entwicklungsaufgaben: Ihr Kindsein geht zu Ende, sie müssen selbständiger werden und für sich eine neue Rolle finden. Das bedingt eben auch, dass sie Distanz zu den Eltern schaffen.

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Die Kunst der Eltern wiederum ist es, trotzdem Kontakt zu halten und Zeit mit dem pubertierenden Kind zu verbringen. Warum nicht mal gemeinsam vor den Computer sitzen und einen Nachmittag lang Ballerspiele über sich ergehen lassen? Hauptsache, im Gespräch bleiben.

In manchen Situationen werden allerdings alle erzieherischen Kniffe nicht helfen. Dann ist Gelassenheit angesagt. Und leiser Trost liegt in der Hoffnung, dass sich die picklige Nervensäge im Kinderzimmer irgendwann selbst mit pubertierendem Nachwuchs herum­schlagen wird.