Frage von Nicole G.: «Ich bin mit meinem Aussehen überhaupt nicht zufrieden. Vor allem meine Nase ist unförmig. Ich will sie operieren lassen. Darf ich das? Ich bin gerade 17 geworden.»

Die Nase verkleinern? Das kann man. Allerdings sind Sie aus mindestens zwei Gründen nicht im richtigen Alter für eine Korrektur. Erstens ist das Wachstum der Nase oft bis über das 18. Lebensjahr hinaus nicht abgeschlossen, eine allfällige Operation wäre erst danach sinnvoll. Zudem geht es im Jugendalter psychologisch um Identitätsfindung, und da kann es sein, dass Ihnen die dazugehörende Unsicherheit die Nase als störender erscheinen lässt, als sie wirklich ist. Mein Tipp: zuwarten, und wenn die Nase auch nach 20 noch stört, sich von einem Schönheitschirurgen beraten lassen.

Wir leben in einer Zeit, in der ein eigent­licher Schönheitswahn grassiert. Bereits jedes fünfte Kind zwischen fünf und vierzehn wünscht sich eine Schönheitsoperation. Die Schönheitsindustrie setzt auch ohne Skalpell mit Kosmetika Milliarden um.

Durchschnitt ist gleich Schönheit

Wieso ist Schönheit so wichtig – und was ist überhaupt Schönheit? Ist sie Geschmackssache, oder gibt es objektiv schöne Menschen? Die wissenschaftliche Schönheits­forschung befasst sich mit solchen Fragen. Wenn man Tausende von Versuchspersonen Fotos bewerten lässt, kristallisieren sich tatsächlich Gewinner heraus, die von der Mehrheit als schön bewertet werden. Kopiert man Alltagsgesichter übereinander, erscheint ein Mischgesicht, das ebenfalls als schön bewertet wird. Das ‹schöne› Gesicht ist also nichts anderes als ein Durchschnittsgesicht.

So viel zur äusseren Schönheit. Bereits der griechische Philosoph Platon hat aber davon noch eine innere Schönheit unterschieden. Diese hat etwas mit dem Charakter zu tun und drückt sich über die Augen, die Mimik, die Bewegungen und den Klang der Stimme aus. Jemand kann äusserlich dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, aber wenn er oder sie zu sprechen beginnt, ist der ganze Zauber weg. Die Masse und Proportionen stimmen, aber die Ausstrahlung fehlt. Innere Schönheit hat mit Freundlichkeit zu tun. Menschen, die zugänglich erscheinen, bei denen man den Eindruck hat, hier kommt eine Freundin oder ein Freund, werden als schöner empfunden als emotionslose oder abweisende Personen.

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Das Äussere wird überschätzt

Schönheit und sexuelle Anziehung sind übrigens nicht dasselbe. Bildgebende Verfahren haben gezeigt, dass jeweils unterschiedliche Hirnareale aktiviert werden. Das erkennen wir auch daran, dass wir ja auch Landschaften, Kunst oder Musik schön finden können, nicht nur Vertreter des anderen Geschlechts. Der Mensch hat offenbar einen Schönheitssinn, und wenn er Schönes sieht oder hört, gibt ihm das Energie, bereitet ihm das Vergnügen. Auch das lässt sich im Gehirn nachweisen. Anderseits bedeutet das, dass wir sexuell erfüllende und warmherzige Beziehungen haben können, ohne dass wir oder unsere Partner Schönheiten sind. Der Wert äusserer Schönheit wird als Glücksbringer in unserer Gesellschaft massiv überschätzt.

Es lohnt sich aber durchaus, an seiner inneren Schönheit zu arbeiten. Ausserdem kann man sich schön anziehen und schön frisieren. Platon erkannte, dass das schön ist, was zu einer Sache oder einem Menschen passt, was seinem Wesen entspricht.

Schliesslich gibt es die Redewendung «Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters». In einem gewissen Masse ist eben Schönheit doch Geschmackssache. Und was wir lieben, empfinden wir immer als schön.

4 Tipps für äussere und innere Schönheit

  • Äussere Schönheit hat viel mit Gesundheit zu tun. Gönnen Sie sich also viel Bewegung, frische Luft und eine gesunde, wohldosierte Ernährung.

  • Entwickeln Sie mit Kleidern, Accessoires und Frisur einen individuellen Stil, der zu Ihrem Wesen passt.

  • Innere Schönheit hat mit einem guten Charakter zu tun. Pflegen Sie also Ehrlichkeit, Freundlichkeit und Dankbarkeit.

  • Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie an sich schön finden und an Ihrem Wesen mögen – und nicht auf Ihre «Mängel».
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Buchtipp

Ulrich Renz: «Schönheit. Eine Wissenschaft für sich»; Verlag Seva, E-Book, 2012, 340 Seiten, CHF 8.90