Plötzlich freut sich die Tochter nicht mehr über das Kompliment zu ­ihrem hübschen Pullover, sondern nimmt es zum Anlass, sich vor der Schule doch besser nochmals umzuziehen. Der Sohn ist launischer als üblich, seine Kleider in der Sporttasche müffeln etwas strenger als früher. Und auf gemeinsame Familienausflüge haben die Kinder schon überhaupt keinen Bock mehr – aus­ser vielleicht, wenn es zum Shopping nach New York geht. Die Pubertät beginnt nicht mit einem Paukenschlag, sondern schleichend.

Dass diese Zeit der Verwandlung schwierig wird, darüber sind sich die meisten Eltern im Klaren. Sie stellen sich auf konfliktreiche Jahre ein. Die Frage ist allerdings, wie man die Zeit davor optimal nutzt, um die Kinder und sich selbst auf diese Phase vorzubereiten. Noch vor 150 Jahren bekamen junge Frauen ihre erste Periode durchschnittlich mit 17 bis 19 Jahren, die heutigen Mädchen mit 12. Auch die Buben erleben ihren ersten ­Samenerguss in diesem Alter.

Das Familienschiff auf Kurs bringen

Schon ab etwa acht Jahren – Mädchen etwas früher, Buben etwas später – ­treten die Kinder in die Vorpubertät ein. Soziale Beziehungen bekommen mehr Gewicht. Die Kinder streben nach mehr Autonomie. Das perfekte Bild der Eltern fängt allmählich an zu bröckeln. «Diese Ruhe vor dem Hormongewitter gilt es zu nutzen, denn während ein Vorpubertärer sich noch in den Arm nehmen lässt, ist dies bei einem Pubertierenden meist nicht mehr der Fall. Diese Zeit ist also ­eine riesige Chance», erklärt Henri Guttmann, Psychologe und Familientherapeut aus Winterthur.

Die Vorpubertät sei daher eine ­ideale Phase, um das Familienschiff nochmals auf Kurs zu bringen und eine tragfähige Beziehung zum Kind aufzubauen, bevor sich in der Pubertät alles um die Ab­lösung vom Elternhaus dreht.

Gerade in dieser Zeit ist es zudem wichtig, gut hinzuschauen und hin­zuhören, um zu verstehen, wie das Kind auf die allmählichen Veränderungen ­reagiert, weiss Claudia Reiser, die als ­Sexualpädagogin an Schulen im Einsatz ist. «Insbesondere wenn die körperliche und die seelische Entwicklung nicht ­parallel verlaufen, kann das für Kinder sehr verwirrend sein. Darum ist es ­wichtig, schon früh möglichst offen über ­diese Veränderungen zu sprechen.» ­Allerdings sollte man das nicht erst kurz vor der Pubertät tun, sondern schon von klein auf immer wieder.

«Man kann gar nicht früh genug damit beginnen, Themen wie Körper, Sexualität, Periode und Samenerguss altersgerecht mit den Kindern zu besprechen», findet auch Marina Costa, Schulärztin und Leiterin der Zürcher Fachstelle für Sexualpädagogik und Beratung «Lust und Frust». Das Thema Sexualität sei nicht zeitlich verankert, sondern be­gleite uns von der Geburt bis zum Tod. Dabei müsse die Art der Kommunika­tion dem Entwicklungsstand des Kindes angepasst werden, so Costa.

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«Die Kleinen nehmen ohnehin nur das mit, was sie mitnehmen wollen. Was sie nicht interessiert, vergessen sie wieder. »

Claudia Reiser, Sexualpädagogin

Schul-Sexualpädagogin Reiser betont zudem, wie wichtig es ist, gerade die ­unverkrampften Kinderjahre zu nutzen, in denen die Kleinen noch ohne Hemmungen wissen wollen, wie das Kind in den Bauch gekommen ist oder warum Papa anders aussieht als Mama.

«Ist das Interesse an der Sexualität einmal richtig geweckt – im Schnitt ab der sechsten Klasse –, fragen sie aus Scham oft nicht mehr von selbst nach», so Reiser. Eltern müssen indes keine Angst haben, ihre Kinder zu überfordern. «Die Kleinen nehmen ohnehin nur das mit, was sie mitnehmen wollen. Was sie nicht interessiert, vergessen sie wieder.» Man könne diesbezüglich eigentlich nur eines falsch machen: die Fragen nicht ernst zu nehmen. «Kinder sind nie zu jung, um eine vernünftige Antwort auf ihre Fragen zu erhalten.»

Lernen, mit der eigenen Lust umzugehen

Ebenfalls ein Thema, das frühzeitig ­aufgegriffen werden sollte, ist Nähe und Dis­tanz. Essenzielle Fragen sind: Wo darf mich Mami berühren, wo das Schulgspäändli, wo ein Lehrer, wo ein Fremder? «Es geht darum, dem Kind schon früh verständlich zu machen, ­welche Art von Berührung von ­welchen Personen in Ordnung ist und welche nicht», erklärt die Kinder- und Jugendpsychologin Joëlle Gut.

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Einerseits soll dies dem Schutz vor sexuellen Übergriffen dienen, anderseits ist dieses Verständnis auch bedeutsam, damit das Kind nicht selbst übergriffig wird, wenn es zum ersten Mal mit dem Thema Lust konfrontiert wird. «Gerade bei Buben ist es wichtig, dass sie ver­stehen, mit der Lust umzugehen, die sie irgendwann verspüren, und welche Konsequenzen es haben kann, wenn sie aus dieser Lust heraus einfach ein Mädchen berühren», so Gut weiter. Nur schon aufgrund des frühen Zugangs zum Internet sei es empfehlenswert, mit der Aufklärung nicht zu lange zu warten. «Heute kommen Kinder sehr früh mit pornografischen Bildern und Videos in Kontakt. Doch das sollte keinesfalls das erste Mal sein, dass sie mit dem Thema Sexualität konfrontiert sind», so Gut.

Der wichtigste Ratschlag der Zürcher Schulärztin Marina Costa für Eltern ist, das Thema nicht zu tabuisieren. «Sie sind ein Vorbild für ihre Kinder. Je offener und unkomplizierter die Eltern mit dem Thema umgehen, desto wohler fühlen sich die Kinder damit», so Costa.

Das betrifft nicht nur Fragen, sondern auch Reaktionen im Alltag. Wie ­reagieren, wenn das Kind einen nackt im Bad sieht? Was sagt man, wenn man die Tür zum Kinderzimmer öffnet und dort gerade eine körperliche Erkundungstour unterbricht? Schlägt man schockiert die Zimmertür zu oder bleibt man verständnisvoll und ruhig? All diese Momente und Reaktionen entscheiden letztlich darüber, welches Gefühl dem Kind vermittelt wird: Sexualität als etwas Schambehaftetes oder als natürlicher und genussvoller Teil des Lebens.

Ein heikles Thema für Strenggläubige

Obwohl die meisten Eltern heute relativ locker mit der Aufklärung umgehen, stellt dieses Thema Menschen aus konservativeren Milieus immer noch vor gros­se Probleme, wie Costa aus ihrem beruflichen Alltag weiss. Gerade in strenggläubigen Familien – unabhängig von der Religion – komme es bei den Kindern deshalb immer wieder zu Loyalitätskonflikten zwischen den wissenschaftlich fundierten Informationen, die ihnen in der Schule vermittelt werden, und den Werten der Eltern.

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Doch selbst relativ aufgeschlossene Eltern stossen teilweise an ihre Grenzen. Auch das ist in Ordnung. «Man sollte sich nicht zu sehr unter Druck ­setzen und sich nicht zwingen, über ein Thema zu sprechen, über das man nicht ­sprechen will», so Costa. Eine bessere ­Lösung sei es in diesem Fall, eine ­Ansprechperson in der Familie zu finden oder allenfalls eine externe Fachstelle zu konsultieren. «Man darf sich dem Thema nicht verschliessen, aber man muss auch nicht zwingend alles selbst übernehmen», so die Fachfrau.

Unabhängig von moralischen Werten sei es das Wichtigste, eine Vertrauens­basis zu schaffen, die dem Kind das ­Gefühl vermittelt, dass es sich in jeder Situation an seine Eltern wenden kann. «Das Kind muss wissen, dass ihm die volle Unterstützung sicher ist.»

Checkliste «Pubertierende Jugendliche» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Wie verhalten sich Mädchen und Jungen während der Pubertät? Welche Erfahrungen und körperlichen Veränderungen durchleben sie in dieser Zeit? Mitglieder von Guider finden in der Checkliste «Pubertierende Jugendliche» Rat zu diesen und weiteren Erziehungsfragen.