Die Geschichte der Schweizer Kindertagesstätten lässt sich grob in drei Kapitel unterteilen: Zuerst gab es einen miserablen Zustand mit viel zu wenig Plätzen. Dann kam die Goldgräberstimmung zu Beginn der Anschubfinanzierung durch den Bund. Und nun ist eine Konsolidierung des Angebots im Gang.

Es gibt heute zwar gerade für Säuglinge noch lange nicht ausreichend Kita-Plätze, aber immerhin deutlich mehr als auch schon. In Sachen Quantität hat sich also ­etwas getan. Und in Sachen Qualität?

Qualität besteht immer aus zwei Faktoren, den objektiven, messbaren, allgemeingültigen – und den individuellen, die sich an persönlichen Vorlieben messen. Um Eltern einen Überblick zu ermöglichen, hat der Kita-Verband Kibesuisse letztes Jahr das Label «QualiKita» geschaffen.

Vegetarisch? Schweinefleisch?

Um dieses Label zu bekommen, müssen die Kitas Anforderungen in acht Bereichen erfüllen. «Dabei steht klar das Kindswohl im Zentrum – und nicht so sehr die Erfüllung der Bequemlichkeitsansprüche der Eltern», sagt Talin Stoffel, Co-Geschäfts­leiterin bei Kibesuisse.

Werdende Eltern hätten oft falsche Vorstellungen – und das sei ein Problem, sagt Markus Guhn, Präsident des Vereins «Orte für Kinder». «Werdende Eltern, mit denen wir Verträge abschliessen, wünschen sich möglichst lange Öffnungszeiten, am liebsten auch Übernachtungs- und Wochenendbetreuung. Wenn das Kind dann einmal auf der Welt ist, merken sie, dass sie so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen möchten.» Aus den ursprünglich vier vereinbarten Betreuungstagen werden dann oft nur noch drei oder höchstens zwei.

Dass die Kita innert nützlicher Frist erreichbar ist und dass dort auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes eingegangen wird, wünschen sich alle Eltern. Vielen ist dabei nicht bewusst, wie viele unterschiedliche Ansprüche Eltern stellen: Das jüdische Kind soll koscher essen, die Tochter der Veganerin vegan, der kleine Muslim kein Schweinefleisch, ein Gspäändli wächst vegetarisch auf, eines hat eine Laktose­intoleranz, und eins verträgt kein Eiweiss. Ebenso vielfältig und oft widersprüchlich sind die gewünschten Erziehungsgrundsätze: Darf ein Kleinkind in der Kita schlafen, wenn es müde ist, oder wird es zum Essen geweckt? Dürfen die Grösseren das Essen selber schöpfen, müssen sie den Teller leer essen?

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Keine Kita kann alles erfüllen

Je mehr Kulturen und Traditionen aufeinandertreffen, umso schwieriger wird es. Deshalb ist es nicht nur wichtig abzuklären, was eine Kita bietet und welchen Standards sie entspricht – das lässt sich auf den jeweiligen Homepages gut herausfinden. Ebenso sinnvoll ist es, sich zuerst über die eigenen Prioritäten klar zu werden. Am einfachsten erstellen Sie eine Checkliste, damit Sie abklären können, wie gut eine Kita Ihren Bedürfnissen und Vorstellungen entspricht. Bedenken Sie dabei: Keine Kita kann alles bieten. Klare Prioritäten schützen vor Enttäuschungen.

Sprechen Sie unbedingt mit anderen Eltern, schauen Sie sich ein paar Kitas an und erlauben Sie sich Fragen wie: Wie kann es sein, dass eine Kita, die freie Plätze hat, einen schlechten Ruf geniesst? Vielleicht ist sie bloss vor nicht allzu langer Zeit eröffnet worden. Oder die meisten Kinder haben gerade in den Kindergarten gewechselt. Bleiben Sie so flexibel wie möglich: Weil viele Teilzeit arbeitende Eltern das Wochenende durch einen freien Freitag oder Montag verlängern möchten, sind die meisten Kitas von Dienstag bis Donnerstag am besten ausgelastet. Wenn es für Sie also möglich ist, am Montag oder Freitag zu arbeiten, erhöht sich die Chance auf einen Platz in der Wunsch-Kita.

Checkliste: Was muss die Kita bieten?

  1. Trägt die Kita das «QualiKita»-Qualitätslabel oder ist sie dabei, es zu bekommen?
  2. Stimmt das Erziehungskonzept der Kita mit Ihren Vorstellungen überein? Man kann nicht darauf setzen, die Betreuerinnen früher oder später von den eigenen Erziehungsvorstellungen zu überzeugen. Kitas suchen ihr Personal nach eigenen Prioritäten aus. Klüger ist es, sich von Anfang an eine Kita zu wählen, deren pädagogisches Konzept den eigenen Vorstellungen entspricht.
  3. Bietet die Kita eine Eingewöhnungs­phase an? Und wie sieht diese aus? Viele Eltern betrachten für ihr Kind zwar eine Eingewöhnungsphase als überflüssig. Doch das ist in den meisten Fällen ein Fehler: Nicht jedes Kind fühlt sich in einem ungewohnten Umfeld sofort wohl.
  4. Wie viele gelernte Erzieherinnen sind präsent (und nicht nur im Büro tätig)? Wie viele Kinder kommen maximal auf eine erwachsene Person, und wie viele Lernende und Praktikantinnen kommen auf eine gelernte Erzieherin?
  5. Wie geht eine Kita mit dem Thema Strafen um? Werden Kleinkinder bestraft, und falls ja, wie? Wie sieht es bei grösseren aus? Der «stille Stuhl» etwa ist pädagogisch umstritten, wird aber nach wie vor angewandt.
  6. Wie ist die Zusammenarbeit mit den Eltern? Wie wird kommuniziert? Gibt es einen regelmässigen mündlichen Austausch, auch spontan und ohne Termin? Gibt es einen Newsletter, der Eltern über anstehende Termine rechtzeitig informiert?
  7. Gibt es genug Platz für Bewegung? Gibt es Aussenräume? Gehen die Kinder jeden Tag nach draussen oder ist das wegen der Lage der Kita gar nicht sinnvoll?