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ErziehungSoll ich mein Kind ausprobieren lassen?

Das beste Lern-Rezept? Ausprobieren! Bild: Getty Images

Lassen Sie Kinder experimentieren – auch wenn das manchmal Zeit und Nerven kostet. Ausprobieren macht sie in jeder Hinsicht klüger.

von Gabriele Herfortaktualisiert am 2017 M07 17

Der vierjährige Manuel hat auf dem Spielplatz ein Plastikrohr gefunden. Immer wieder holt er im Sandkübel Wasser und schüttet es durchs Rohr in den Sandkasten. Fasziniert beobachtet er, wie der Wasserstrahl genau in das Loch fliesst, das er im Sandkasten bis zum Boden gegraben hat, und wie sich dort ein kleiner See bildet. Bald steckt der Kleine von Kopf bis Fuss im Dreck – doch die Mutter lässt ihn gewähren. Gut so – denn Manuel lernt gerade fürs Leben.

Versuche machen klug. Davon war schon die Reformpädagogin Maria Montessori (1870–1952) überzeugt und begründete darauf die nach ihr benannte Pädagogik. «Hilf mir, es selbst zu tun» – dieser Leitgedanke gilt bis heute noch als Fundament des Montessori-Bildungskonzepts.

Unbändige Experimentierfreude

Kinder sind Forscher, sie sind von Natur aus neugierig. Mit all ihren Sinnen experimentieren sie und überprüfen ihre Theorien. Ganz nach dem Prinzip «Versuch und Irrtum» machen sie Erfahrungen und gelangen zu Erkenntnissen, die ihnen helfen, Phänomene ihres Alltags zu verstehen. Was sie auf diese Weise begriffen haben, verankert sich nicht nur nachhaltiger, sondern fördert auch die Freude am Lernen. Wenn Manuel zum Beispiel das Rohr seitlich hält, fliesst das Wasser am Loch vorbei und versickert sofort. Also hält er es wieder direkt über die Öffnung, um den See zu vergrössern.

Dass Manuel experimentieren und seine Ideen ausprobieren kann, fördert auch die Entwicklung seines Gehirns. Im Klartext: Kinder brauchen Erlebnisse, die sie das Staunen lehren.

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Wie können Eltern motorische Störungen ihres Kindes erkennen und was hilft dagegen? Ist ein Kind unsozial, wenn es die Spielsachen nicht mit anderen Kameraden teilt? Mitglieder von Guider erhalten im Merkblatt «Motorische und moralisch-soziale Entwicklung von Kleinkindern» Antworten auf diese und weitere Fragen.

Das beginnt bereits im Babyalter. Jedes Mal, wenn das Baby auf dem Wickeltisch strampelt, bewegt sich durch den Luftzug das Mobile. Der kleine Mensch merkt: Das Mobile dreht sich, weil ich mit den Beinen strample. Es ist ein wichtiger Lernprozess.

«Wenn sich Eltern mit dem Kind über dieses Aha-Erlebnis freuen, dann spürt es, dass sein Tun eine Bedeutung hat», sagt der Pädagoge Karl Gebauer. «Im Körper des Babys werden Glückshormone freigesetzt. Sie sind Grundlagen für Gefühle wie Freude, Zufriedenheit und Glück.» Diese positiven Emotionen motivierten zum Lernen. Gleichzeitig entstünden im Gehirn des Kindes neue Verbindungen, sogenannte Synapsen. «Damit ist der Grundstein fürs Klugwerden gelegt.»

«Kinder müssen die Möglichkeit haben, das Rad neu zu erfinden, wenn auch nicht jeden Tag.»

Gabriele Haug-Schnabel, Verhaltensbiologin 

Spass am Lernen hat auch Manuel. Inzwischen hat sich im Sandkasten ein grosser See gebildet, und der Knabe fängt an, Steine ins Wasser hineinzuwerfen. Sie tauchen sofort unter. Ob er etwas findet, das schwimmt? Siehe da: Zweige treiben obenauf, eine Feder und auch ein Papierschnipsel. Und wie verhält es sich mit einer Schnur? Der Experimentierlust sind keine Grenzen gesetzt. Inzwischen haben sich weitere Kinder um das Wasserloch versammelt. Ein Knirps klaubt ein Papierschiffchen aus der Hosentasche. So entstehen in Teamarbeit immer wieder neue Ideen. An diesem Sandkasten wird also nicht sinnlos herumgematscht – hier gehen naturwissenschaftliche Experimente über die Bühne.

Auch die Feinmotorik wird besser

Ganz nebenbei verfeinern Manuel und seine Freunde auch ihre Feinmotorik – die Fähigkeit des Körpers, auch kleine Bewegungen präzise auszuführen –, wenn sie zum Beispiel vorsichtig die Ästchen schwimmen lassen. Ausserdem fördert das Spiel ihre Körperbeherrschung. Im Alltag werden die Kinder in ihrer Experimentierfreudigkeit allerdings immer wieder eingeschränkt. Das sei nicht gut, sagt Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel. «Kinder müssen die Möglichkeit haben, das Rad neu zu erfinden, wenn auch nicht jeden Tag», sagt sie. Deshalb lautet ihr Aufruf an alle Eltern: «Lasst eure Kinder ausprobieren!»

Das fördert den Forschergeist

Unsere Tipps sorgen für einen anregenden, experimentierfreudigen Alltag.

Natur:

Kalkulieren Sie für den Weg auf den Spielplatz genügend Zeit ein. Jeder Stein, jedes noch so winzige Tierchen ist anregend und will erforscht werden. Überhaupt ist die Natur eine unerschöpfliche Spielwiese: über Wurzeln balancieren, auf Bäume klettern, mit Wasser planschen, Ball spielen oder Tiere beobachten – täglich Freiluft ist ein Muss.

Selbständigkeit:

Überlegen Sie, wo das Kind selber zupacken kann – beim Blumengiessen, Tischdecken, Wäscheaufhängen, Safteinschenken, Geschirreinräumen? Greifen Sie nicht sofort ein, wenn es den Reissverschluss nicht auf Anhieb schliessen oder die Jacke zuknöpfen kann. Warten Sie, bis es um Hilfe bittet oder bis es nach längerem Versuch auf Ihre Frage «Soll ich helfen?» mit einem klaren Ja antwortet. Das fördert den Forschergeist Unsere Tipps sorgen für einen anregenden, experimentierfreudigen Alltag.

Umgebung:

Sorgen Sie für eine inspirierende, nicht überladene Umgebung, die das Kind erforschen kann. Beobachten Sie seine Interessen. Wenn es etwa mit unterschiedlichen Gegenständen Geräusche erzeugt, könnte das auf eine Vorliebe für Rhythmusinstrumente hinweisen.

Begleitung:

Bei aller Experimentierfreudigkeit – geben Sie dem Kind stets das Gefühl, dass Sie da sind, wenn es Sie braucht. Wenn es etwa die Leiter am Spielplatz hochklettert, stehen Sie darunter bereit, um es nötigenfalls aufzufangen. Klappt die Kraftprobe, sind Kinder und Eltern stolz. Das schafft Mut, Vertrauen und Selbstvertrauen.

Krimskrams:

Geben Sie dem Kind die Möglichkeit, mit einfachen Dingen zu spielen. Fäden, Stoffteile, Kochlöffel, Softbälle, Hölzer, Äste, Zeitungspapier oder Rinde regen zum Experimentieren an.

Fehler:

Lassen Sie auch negative Erfahrungen zu. Wenn das Kind zum Beispiel auf den Stuhl klettern will und dabei runterfällt, speichert es das sicher nicht als positives Erlebnis ab. Aber es lernt, dass ein Sturz schmerzhaft ist, und wird künftig vorsichtiger sein. Wenn es sich nicht entmutigen lässt und weiter probiert, wird es irgendwann ein Erfolgserlebnis verbuchen. Diese Erfahrung spornt das Kind zu weiteren Probeläufen an.

Zeit:

Lassen Sie dem Kind genügend Zeit zum Üben und Ausprobieren. Erwachsene vergessen manchmal, dass es für ein Kind Schwerarbeit bedeutet, beispielsweise einen Turm aus verschiedenen Klötzen zu bauen.

Buchtipps

  • Karl Gebauer: «Klug wird niemand von allein»; Patmos-Verlag, 2012, ca. CHF 21.90
  • Liz Lee Heinecke: «Die spannendsten Outdoor-Experimente mit Kindern»; Moses-Verlag GmbH, 2017, ca. CHF 17.90