Beobachter: Sie halten Förderkurse für Kleinkinder im besten Fall für herausgeschmissenes Geld. Und im schlechtesten Fall?
Elsbeth Stern
: Schaden sie sogar. Dann, wenn Babys und Kleinkinder mit Dingen konfrontiert werden, mit denen sie noch gar nichts anfangen können. Statt an der langen Leine ihre ersten Spiel- und Sozialerfahrungen zu sammeln, müssen sie am Samstag Punkt 14.30 Uhr in den Englischkurs. Und wehe, das Kind hat grad keine Lust darauf und schreit 60 Minuten durch.

Beobachter: Was dann?
Stern
: Dann bekommen Eltern schnell den Gruppendruck zu spüren, und die Lektion wird – unter den Argusaugen der anderen Kurs­teilnehmerinnen – zum Spiessrutenlauf.

Beobachter: Soll man Kleinkinder also einfach sich selbst überlassen?
Stern
: Kinder fordern Eltern geradezu auf, sich mit ihnen zu beschäftigen. Aber dafür braucht es nichts Künstliches. Wenn ein Kleinkind Eltern hat, die seine Neugier befriedigen, ihm vorlesen, mit ihm reden und ihm Vertrauen und Geborgenheit schenken, dann braucht es für seine geistige Entwicklung keine Extras. Das ist, wie wenn Sie meinen, Sie frühstückten nur im teuren Viersterne­hotel gesund. Dabei stecken im Orangensaft zu Hause genau gleich viel Vitamine drin.

Beobachter: Und wenn ich zu Hause keinen Orangensaft ­habe, sprich: keine Lust oder Zeit, mich mit dem Kind sinnvoll zu beschäftigen?
Stern
: Dann erwarte ich von verantwortungsvollen Eltern, dass sie sich um eine Fremdbetreuung kümmern, die ihrem Kind genau das bietet. Doch zu meinen, man könne fehlendes Interesse am Kind und mangelnde Empathie für seine Bedürfnisse mit einem wöchentlichen Förderkurs kompensieren, ist garantiert falsch – ja, gefährlich.

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Beobachter: Welchen Einfluss haben Eltern auf die ­Früh­entwicklung ihres Kindes?
Stern: Natürlich einen grossen. Aber Eltern sind nicht die Architek­ten des Kindergehirns. Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten, deren Entwicklung gerade im Bereich der Intelligenz zu einem nicht geringen Teil durch den genetischen Mix vorbestimmt ist. Grundsätzlich gilt: Eltern haben viel mehr Einfluss auf die soziale als auf die kognitive Entwicklung. Sie können also nicht ­zwingend ein Mathe-Genie züchten, aber dafür ­sorgen, dass es mit fünf nicht mehr weint, wenn es etwas Falsches zu essen gibt. Die Fähigkeit zur Frustrationsbewältigung und der Aufbau von Vertrauen sind entschei­dend – und die können Eltern sehr stark mit beeinflussen.

Beobachter: Was treibt Eltern an, die ihre Kleinkinder in solche Förderkurse stecken?
Stern: Zum Grossteil sicher die Angst vor dem so­zialen Abstieg. Sie wissen, wie unsicher die Welt ist, und wollen ihrem oft einzigen Kind alles ermöglichen und ja nichts verbauen.

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Beobachter: Das Kind als Hoffnungsträger.
Stern: Oder Sündenbock. Denn was, wenn das Kind in der Schule eine Niete ist, obwohl die Eltern viel Geld und Zeit in seine Zukunft investiert haben? Ob Hoffnungsträger oder Sündenbock – beide Male wird das Kind in eine Rolle gedrängt, die ihm nicht zukommt. Und ich warne vor Ego-Problemen.

Beobachter: Das heisst?
Stern: So ein Kind hat stets gedacht und gesagt bekommen, es sei etwas Besonderes. Am Ende ist es aber einfach nur Durchschnitt – das muss es dann erst mal verkraften.

Beobachter: Malen Sie nicht etwas schwarz? Für viele Eltern sind diese Kurse primär ein Begegnungsort für die Kinder – ohne Leistungsdruck.
Stern: Dann ist wenig daran auszusetzen. Ausser dass sie ihr sauer verdientes Geld besser für die Ausbildung der Kinder sparen würden.

Beobachter: Warum sind es sehr oft Erzieherinnen oder Krankenschwestern, die solche Kurse anbieten?
Stern: Sie arbeiten im Alltag mit kranken und tatsächlich entwicklungsgestörten Kindern zusammen. Leider haben sie dann oft die Tendenz, heiltherapeutische Programme, die für kranke Kinder sinnvoll sind, auf gesunde zu übertragen. Das ist absurd.

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Beobachter: Sie sind gegen Frühförderangebote…
Stern: …die sich nur bestimmte Kreise leisten können und deren Nutzen umstritten ist.

Beobachter: Aber Sie sind für Schulpflicht ab vier Jahren.
Stern: Kinder ab vier sind biologisch und geistig bereit für institutionelles Lernen. Wir würden uns Chancen vergeben, wenn wir diese Zeit nicht nutzen würden. Wir können auch mit 30 noch schreiben und lesen lernen, da macht unser Hirn mit, aber dann sind uns 24 Jahre Leseerfahrungen entgangen.

Elsbeth Stern, 51, ist Professorin für Lehr- und Lernforschung am Institut für Verhaltenswissenschaften der ETH Zürich.

Quelle: Iris Stutz
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