Beobachter: Sie haben drei Patenkinder. Sind Sie eine gute Gotte?
Gabriella Selva: Hm. Das müssen Sie meine Patenkinder fragen. Und ihre Eltern.

Beobachter: Hatten Sie sich denn je Gedanken darüber ­gemacht, was eine gute Gotte ausmacht?
Gabriella Selva
: Damals, als ich angefragt wurde, viel zu wenig bewusst. Deshalb rate ich Eltern und potentiellen Paten: Setzen Sie sich vorher zusammen und reden Sie über Ihre Erwartungen. Sagen Sie offen, was Sie sich als ­Eltern erhoffen. Aber auch, was Sie als ­Paten zu leisten imstande sind. Das hilft, Missverständnisse zu vermeiden – und ein schlechtes Gewissen.

Beobachter: Das klingt, als liefe eine gute Beziehung zum Gottenkind zwangsläufig über eine gute Beziehung zwischen den Erwachsenen.
Gabriella Selva
: Ja. Zumindest so lange, bis das Kind selbständig Kontakt zum Gotti aufnehmen kann. Die Eltern sind es schliesslich, die das Kind den Pateneltern «präsentieren».

Beobachter: Was ist das Wichtigste, was Gotti und Götti ­ihren Patenkindern bieten können?
Gabriella Selva
: Zeit! Gemeinsame Erlebnisse! Das gegenseitige Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Beobachter: Zeit können auch andere Erwachsene bieten.
Gabriella Selva: Aber der Götti ist nicht irgendwer. Ihn gibt es nur einmal, und ihn muss es mit niemandem teilen. Deshalb dürfen Eltern diese besonderen Menschen ruhig heraus­heben und die Patenschaft zelebrieren.

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Beobachter: Ist das der Grund, weshalb Ihre beiden Töchter die Namen ihrer Pateneltern als Zweitnamen tragen?
Gabriella Selva
: Ja. Es ist einerseits ein Brauch in meiner Herkunftsfamilie. Gleichzeitig wollten wir damit das Gotti symbolisch ehren und ihren Stellenwert deutlich machen.

Beobachter: Wenns schiefgeht mit der Dreiecksbeziehung, ist der Schaden umso grösser.
Gabriella Selva
: Dieses Risiko muss man in Kauf nehmen. Wie in jeder menschlichen Beziehung gibt es auch bei der Patenschaft keine Gelinggarantie. Doch das darf kein Grund sein, von vornherein darauf zu verzichten.

Beobachter: Entspricht der Götti nicht den Erwartungen, darf man ihn «entgötten»?
Gabriella Selva
: Wessen Erwartungen? Denen des Kindes oder denen der Eltern? Grundsätzlich soll man sich bei Differenzen hinsetzen und reden. Wenn das nicht hilft, kann das Auflösen des Patenschaftsverhältnisses eine Lösung sein. Ich meine, dass in den meisten solcher Fälle weniger die Patenschaft selber als vielmehr die Beziehung der Eltern zum Paten zur Diskussion steht. Bei einer Auflösung ist darauf zu achten, wie es dem Kind dabei geht. Deshalb nochmals: lieber vorher die Erwartungen klären und realistische Vorstellungen entwickeln, als nachher die Scherben zusammenkehren.

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Beobachter: Aber kann man überhaupt vorhersagen, was man als Eltern und was später das Kind von seinem Gotti erwartet?
Gabriella Selva
: Exakt nicht. Deshalb braucht es von Seiten der Eltern auch eine gewisse Offenheit und Toleranz. Nach der Geburt hat man vielleicht lieber einen Götti, der Lust hat zum Kinderhüten, nicht den abenteuerlustigen Hansdampf. Aber die Zeiten ändern sich. Ist das Kind älter, ist vielleicht gerade der windelscheue, leidenschaftliche Tüftler oder Sportler die ideale Götti-Besetzung.

Beobachter: Darf man das als Appell für Vielfalt verstehen?
Gabriella Selva
: Ja. Das Leben ist bunt, Kinder sind bunt, da dürfen auch die Pateneltern bunt sein. Das bringt neuen Wind und neue Perspektiven in den Kreis der Familie. Bei der Wahl von Götti und Gotti sind deshalb weniger die Fragen zentral: Selber mit Kind oder ohne? Aus der Verwandtschaft oder nicht?

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Beobachter: Sondern?
Gabriella Selva
: Interessieren sich die Pateneltern für Kinder? Haben sie Zeit, die sie mit dem Kind verbringen können? Haben sie ein Interesse, sich auf seine Welt einzulassen und mit ihm etwas zu erleben? Können sie mit der Liebe, die es ihnen entgegenbringt, sorg­fältig umgehen, auch auf Dauer?

Beobachter: Wenn ja, ist ihnen die Liebe der Kinder gewiss?
Gabriella Selva
: Das ist ja das Schöne: Das Kind wird sie als Götti oder Gotti automatisch ins Herz schliessen. So wie Sie damals die Kindergärtnerin ins Herz geschlossen haben. Ein Kind wählt da nicht, es bindet sich einfach. Dessen müssen sich Pateneltern bewusst sein. Und sie müssen umgehen können mit dieser kindlichen Zuneigung – und sie mit Respekt behandeln.

Beobachter: Wenn man nicht damit umgehen kann?
Gabriella Selva
: Dann sagt man lieber von Anfang an Nein zur Patenschaft. Man erweist dem Kind ­einen Bärendienst, wenn man allein aus Pflichtgefühl Ja dazu sagt oder nur, weil man sich persönlich gebauchpinselt fühlt.

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Beobachter: Dürfen Götti und Gotti eigentlich alles, auch das, was Mami und Papi verboten haben?
Gabriella Selva
: Nun, so weit würde ich nicht gehen. Die Extreme, besonders in Erziehungsfragen, müssen geklärt sein. Aber eine gewisse Toleranz gerade der Eltern ist auch hier angebracht. Für die Entwicklung der Kinder ist es jedenfalls völlig unproblematisch, wenn die Regeln und Massstäbe beim Götti oder auch beim Grosi andere sind als zu Hause. Im Gegenteil: Das ist eine Bereicherung für sie. Die Frage ist eher: Können die «Gros­sen» untereinander damit umgehen?

Gabriella Selva, 51, ist Psychologin und arbeitet als Paar- und Familientherapeutin in Zürich und Uster. Sie ist Mutter von Zwillingen und Gotti von drei mittlerweile erwachsenen Kindern.erwachsenen Kindern.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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