Jeden Abend das Gleiche: «Erzählst du mir eine Gute-Nacht-Geschichte?» Natürlich möchten Sie Ihrem Kind diesen Wunsch nicht abschlagen, doch hält sich Ihre Begeisterung in Grenzen, zum 147. Mal «Schneewittchen» oder «Pippi Langstrumpf» vorzulesen. Warum erfinden Sie also nicht einfach selber eine Geschichte? Sie sind skeptisch, vielleicht weil Sie glauben, Ihre Phantasie reiche nicht aus?

Die zweifache Mutter Katrin Zogg Bircher kennt diese Bedenken. In ihrem Kurs «Verzellsch mir no ä Gschicht?» ermutigt sie Eltern: «Es gibt keine schlechten oder guten Geschichten. Zentral ist das Zusammensein mit dem Kind. Man sollte sich das Erfinden von Geschichten einfach zutrauen, es versuchen und Vertrauen gewinnen.» Sie müssen ja nicht gleich Harry Potter ausbooten. Fangen Sie klein an. Jeder findet im Alltag Inspirationsquellen - und Sie werden sehen, dass das nicht nur Ihrem Kind Spass macht.

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  • Kindheitserinnerungen: «Erzählen Sie zum Beispiel aus der Zeit, als Sie selbst klein waren - Kinder finden das extrem interessant», sagt Katrin Zogg Bircher. Berichten Sie von Ausflügen mit Ihren Eltern: Was war besonders schön? Ist mal etwas schiefgelaufen? Oder erinnern Sie sich an den schrulligen Lehrer, dem Sie Streiche spielten. Denken Sie zurück, schmücken Sie aus und erfinden Sie ruhig auch frei dazu. Bei Gute-Nacht-Geschichten geht es nicht darum, das Kind wahrheitsgetreu über die Vergangenheit zu informieren, sondern es zu unterhalten.

  • Wortkombinationen: Nehmen Sie zwei beliebige Wörter. Je weiter sie inhaltlich auseinanderliegen, desto mehr wird Ihre Phantasie beflügelt - oder wie Kinderbuchautor Gianni Rodari es in «Grammatik der Phantasie» beschreibt: «Das einzelne Wort handelt nur, wenn es auf ein anderes stösst, das es provoziert und zwingt, das Gleis der Gewohnheit zu verlassen.» Bei der Suche nach solchen Wörtern können Sie den Zufall spielen lassen: Denken Sie sich beispielsweise das eine Wort selber aus und bitten Sie Ihren kindlichen Zuhörer, das zweite zu nennen. So könnte sich die Kombination «Musik» und «Frosch» ergeben: Vielleicht möchte der Frosch eine Band gründen. Welches Instrument spielt dann der Regenwurm? Und wer übernimmt das Schlagzeug?

  • Fragen Sie Ihr Kind: Nehmen Sie Dinge, einen Gegenstand oder eine Figur, die Ihr Kind grundsätzlich faszinieren, wie zum Beispiel einen Bagger, einen Bären oder einen Drachen. Wenn Sie die Gestalt allein nicht inspiriert, verpassen Sie der Figur eine etwas unpraktische Beschaffenheit. So könnte der Drache zum Beispiel aus Gummi sein: Was bedeutet das für ihn? Das Material kann die Geschichtsfindung enorm erleichtern: Eine Gestalt «aus Durchschlagpapier erwarten ganz andere Abenteuer als eine aus Marmor, aus Stroh, Schokolade oder Rauch», macht Rodari deutlich.

  • Bildvorlagen: Auch Bilder erzählen Geschichten. Lassen Sie sich von einer Postkarte oder einem Foto inspirieren. Was ist auf dem Bild zu sehen? Und vor allem: Was nicht? Und warum nicht? Was steckt hinter alldem? Oder kombinieren Sie mehrere Bilder - die Geschichte ergibt sich, indem Sie eine Verbindung zwischen ihnen herstellen. Johannes Merkel, Bremer Professor für Vorschulerziehung, gibt in seinem Internet-Erzählkabinett (siehe «Internet», rechts) zudem den Tipp: «Bei jedem Bild hat man die Wahl, es konkret oder metaphorisch aufzufassen. Eine durch die Wolken schwebende Verkehrsmaschine kann ebenso gut wie die tatsächliche Reise des Helden auch seinen Wunsch oder gar seine unüberwindliche Abneigung zu fliegen bezeichnen.»

  • Was wäre, wenn: Eine hilfreiche Methode, der Phantasie auf die Sprünge zu helfen, ist die Frage: «Was wäre, wenn...?» Gehen Sie von etwas Alltäglichem aus, zum Beispiel Salat. Was wäre, wenn Salatköpfe plötzlich sprechen könnten? Was erzählen sie sich auf dem Feld? Worüber plaudern sie im Ladenregal? Was sagen die Gurken und Radieschen nebenan dazu? Gianni Rodari lässt mit dieser Methode gar ganze Städte fliegen und Krokodile um Rosmarin bitten.

  • Kettenreaktion: Wie schon Mani Matter mit dem Lied «I han es Zündhölzli azündt» bewies, kann selbst aus einem banalen Missgeschick eine abenteuerliche Angelegenheit werden, wenn es eine Kettenreaktion auslöst. Stellen Sie sich etwa eine Familie vor, die beim Abendessen sitzt. Nun lassen Sie den Vater ungeschickt zum Salzstreuer greifen, so dass dabei sein Wasserglas herunterfällt, das wiederum die unter dem Tisch schlafende Katze aufschreckt, die sich auf das Fenstersims rettet, dabei die Blumenvase umstösst, deren Inhalt sich auf die Strasse ergiesst. Und dann - wer weiss?

Was Sie erzählen, ist das eine, ebenso wichtig ist aber, wie Sie erzählen. Wer die Geschichte mit monotoner Stimme kurz zusammenfasst, weil im Fernsehen gleich «Tatort» anfängt, wird sein Kind kaum begeistern können. Eine Erzählung lebt von den Bildern, die sie auslöst. Wie sieht zum Beispiel der musikalische Frosch aus? Welche Farbe hat er? Wo lebt er: am Waldrand, an einem Teich, in den Tropen? Scheint die Sonne, oder regnet es? Mit welchen Gestalten hat er es dort zu tun? Stellen Sie sich alles genau vor und beschreiben Sie es detailfreudig.

Dasselbe gilt für die Klangwelt. Stellen Sie sich vor, was man am Ort des Geschehens hört. Zwitschern Vögel? Wie redet der Frosch? Was sagen die Figuren um ihn herum? Wie klingt es, wenn eine Grille Geige spielt? Lassen Sie Ihre Gestalten reden, diskutieren, musizieren und laut denken - erwecken Sie sie zum Leben und spazieren Sie mit Ihrem Kind durch diese neuen Welten. Schiefgehen kann dabei ohnehin nichts. Im schlimmsten Fall langweilt sich das Kind - und schläft ein.

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Erzähltipps

  • Lassen Sie sich Zeit: Geben Sie dem Kind nicht das Gefühl, dass Sie die Erzählung möglichst schnell hinter sich bringen wollen - geniessen Sie die gemeinsame Zeit.

  • Vermeiden Sie Monotonie: Schnurren Sie Ihre Geschichte nicht eintönig herunter. Gehen Sie aus sich heraus - gestikulieren Sie und lassen Sie Ihre Stimme lauter, leiser, verschwörerischer oder bedrohlich klingen - was halt gerade passt.

  • Bauen Sie Pausen ein: Eine kleine Unterbrechung an der richtigen Stelle steigert die Spannung - und gibt Ihnen nötigenfalls Zeit, sich die nächste Situation auszumalen.

  • Bauen Sie Wiederholungen ein: Die wörtliche Rede ist flüchtig. Wiederholungen helfen, die Geschichte zusammenzuhalten.

  • Bleiben Sie gelassen: Sollten Sie mal steckenbleiben, versuchen Sie es ebenfalls mit einer Kunst­pause. Oder fragen Sie einfach das Kind, wie es weitergehen soll.

  • Lassen Sie es gut enden: Die Geschichte darf kein schlechtes Ende nehmen. Das Kind soll ja nicht in Tränen ausbrechen oder Alpträume haben.

  • Seien Sie nicht traurig: Sollte Ihnen das Kind zu verstehen geben, dass es die Geschichte nicht so toll fand - seien Sie nicht eingeschnappt, fragen Sie nach den Gründen und machen Sie es das nächste Mal besser.

Buchtipps

  • Gianni Rodari: «Grammatik der Phantasie. Die Kunst, Geschichten zu erfinden»; Reclam, 2. Auflage, 1999, 218 Seiten, CHF 16.50
  • Jochem Westhof: «Erzähl mir was. Tipps für fantasievolles und lebendiges Erzählen»; Kaufmann-Verlag, 1999, 72 Seiten, 15 CHF
  • Sylvia Görnert-Stuckmann: «Mit Kindern Geschichten erfinden»; Ernst-Reinhardt-Verlag, 2003, 124 Seiten, CHF 15.90
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