Der Fremde versuchte ihn plötzlich zu packen und aus dem Kinder­wagen zu zerren. Schockiert musste der knapp dreijährige Jean zusehen, wie sein Kindermädchen mit dem Fremden rang. Das Kindermädchen der Familie ­Piaget trug Kratzer im Gesicht davon, als es sich auf den mutmasslichen Entführer stürzte. Und ein Polizist in kurzem Umhang und mit einem weissen Knüppel rannte dem Mann hinter.

Diese Episode war die früheste Erinnerung des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget (1896 bis 1980). Und wie das bei frühesten Erinnerungen oft der Fall ist, betraf sie etwas Ungewöhnliches. «Meist sind es emotional sehr intensive Momente, die zu unseren frühesten Erinnerungen gehören», sagt Oscar Jenni, Leiter der Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich.

Dennoch erinnert sich kaum jemand an Ereignisse, die vor dem dritten Geburtstag liegen. Viele fragen sich, warum sich ein Schleier des Vergessens über die ersten Jahre legt. Warum wir uns nicht erinnern können, wie wir das erste Mal drei Schritte gelaufen sind, welche ersten Worte wir brabbelten oder wie es sich anfühlte, mit der Hand aufs Badewasser zu patschen.

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Was wir speichern, was nicht

Experten nennen dieses Phänomen Kindheits- oder infantile Amnesie. Lange Zeit glaubte man, kleine Kinder hätten kein Gedächtnis – dass wir uns also später nicht erinnern, weil nichts gespeichert wird. Wer mit einem dreijährigen Kind spricht, der weiss, dass diese Vorstellung falsch ist. Kleinkinder können sich sehr wohl an Dinge erinnern, die eine gewisse Zeit zurückliegen, beispielsweise wie gut das Eis geschmeckt hat, das sie jetzt im Schwimmbad unbedingt wieder haben möchten, oder dass die nette Praxisassistentin sie das letzte Mal plötzlich in den Arm gepiekst hat.

Babys entwickeln sogar schon im Mutterleib ein Gedächtnis; es gibt Hinweise, dass Kinder nach der Geburt die Stimme ihrer Mutter erkennen, sie erinnern sich ­offenkundig daran, wie sie während der Schwangerschaft geklungen hat.

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Warum frühe Erinnerungen auch früh versickern, interessiert die Wissenschaft seit über hundert Jahren. Doch erst in den letzten 15 Jahren begannen Forscher auch Kinder in ihre Studien einzubeziehen. Die kanadische Psychologin Carole Peterson etwa befragte Kinder verschiedenen Alters nach ihren frühesten Erinnerungen. Zwei Jahre danach wiederholte sie das Experiment mit denselben Kindern und stellte fest, dass sie sich bis im Alter von etwa neun Jahren nicht mehr erinnerten, was sie der Psychologin erzählt hatten. Vierjährige aber besinnen sich an Erlebtes, das sich vor der magischen Grenze von drei Jahren zugetragen hatte. Je älter die Kinder waren, umso konstanter, aber auch später waren ihre Erinnerungen.

Am tiefsten gruben sich traumatische Erlebnisse ins kindliche Gedächtnis. «Kinder, die wegen eines Unfalls ins Krankenhaus mussten, oder Kinder, die einen Hurrikan miterlebten, konnten sich am weitesten zurückerinnern, aber jeweils nur an dieses eine Ereignis», sagt Carole Peterson. Diese Tendenz verstärkt sich im Erwachsenenleben noch. Während die meisten Kinder in Petersons Studien eine Alltagserfahrung als ihre früheste Erinnerung erzählten, geben Erwachsene viel häufiger eine Episode an, die sie emotional aufwühlte. Der Alltag jedoch geht vergessen.

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Ein Beispiel: Christine, 43, erinnert sich kaum noch an Episoden aus dem zweiten Primarschuljahr. Sie wuchs in Deutschland auf, dumpf sieht sie das Klassenzimmer vor sich, weiss aber nicht mehr, wo sie damals sass. Nur ein einziger Morgen hakte sich in ihrem Hirn fest. Das war jener Tag, an dem eine Mitschülerin auf dem Schulweg ermordet worden war. Die Polizisten hatten Kleider und Thek in einem nahen Wald gefunden. Und nur das sei ihren Eltern von der Tochter geblieben, habe der Lehrer gesagt. Noch heute erinnert sich Christine deutlich an seine Worte und wie sie sich vorstellte, wie der lederne Thek und die ordentlich gefalteten Kleider im leeren Kinderzimmer liegen.

Vergessen wir alles Alltägliche?

Die Frage ist, was in unserem Kopf mit den vielen unbedeutenden täglichen Episoden geschieht, wenn die Zeit verstreicht. Eine Studie der amerikanischen Emory University zeigte, dass das kritische Alter, in dem Erinnerungen an die ersten Lebensjahre verwischen, bei ungefähr sieben Jahren liegt. Verflüchtigen sie sich, weil das Gehirn Speicherplatz braucht? Werden sie ­irgendwo in den hintersten Winkeln abgespeichert, wo sie nicht so leicht hervorzulocken sind? Forscher geben auf diese Fragen unterschiedliche Antworten. Sie alle haben mit der Entwicklung des Gehirns zu tun.

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Der Hippocampus ist ein zweiteiliges Areal im Zentrum des Hirns. Er ist Teil des Temporallappens, eines der vier Lappen des Grosshirns, und zentral im Schädel. Der Hippocampus spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Erlebtes in Erinnertes zu verwandeln. Er ist vor allem daran beteiligt, Informationen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu übertragen. Dabei filtert er die kurzzeitig gespeicherten Informationen und leitet, was länger bleiben soll, in andere Hirn­areale weiter.

Menschen, deren Hippocampus beschädigt ist, können keine neuen Erinnerungen mehr formen und sich nur an Dinge vor der Schädigung erinnern. Auch bei Demenzerkrankungen ist der Hippocampus betroffen. Bei kleinen Kindern hingegen ist der Hippocampus nicht ausgereift. Das könnte erklären, warum es in den ersten Jahren nicht gelingt, Erfahrungen und Erlebnisse bleibend in anderen Hirnarealen abzuspeichern.

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Die Macht des Wortes auf das Hirn

Die Forschungen in diesem Bereich sind methodisch äusserst anspruchsvoll. Niemand will kleine Kinder unnötigen Tests unterziehen. Auch über die Entwicklung des Hippocampus wissen die Neurologen noch längst nicht alles. Dass er seine Form während der ersten Jahre verändert, ist bekannt, weil es heute mit Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRI) möglich ist, ins Innere des Kopfes zu schauen. «Was das allerdings auf der funktionalen Ebene bedeutet, darüber wissen wir noch zu wenig», sagt Oscar Jenni.

Der Hippocampus verdoppelt seine Grösse im ersten Lebensjahr und wächst auch zwischen dem ersten und dem zweiten Geburtstag nochmals deutlich. Nachher verlangsamt sich das Wachstum. Allerdings verändert sich seine Struktur auch zwischen dem vierten und dem 25. Lebens­jahr. «Auch die Sprachentwicklung könnte eine Rolle spielen», sagt Moritz Daum, Entwicklungspsychologe an der Universität Zürich. Babys nehmen ihre Umwelt zuerst vor allem visuell wahr. Ein Auto etwa ist ein eckiger blauer Gegenstand mit vier runden schwarzen Dingern dran. Lernt das kleine Kind sprechen, bekommt das Ding einen Namen, heisst Auto und wird auch als Wort im Hirn gespeichert. Vielleicht, so die Vermutung, sind mit dem Spracherwerb dann Erinnerungen, die vor allem als Bilder abgelegt wurden, nicht mehr so leicht zugänglich. Allerdings findet der Sprach­erwerb schon sehr früh statt, und Babys verstehen viele Worte, bevor sie sie selbst mit Lippen und Zunge formen können.

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Löscht Pubertät Kindheitserinnerungen?

Wenig erforscht ist, was mit dem Gedächtnis während der Pubertät geschieht, wenn ein tiefgreifender Umbau des Gehirns stattfindet. Kinder haben ungefähr doppelt so viele Verbindungen zwischen den Nervenzellen wie Erwachsene. Im Lauf der ­Pubertät werden viele dieser Verbindungen gekappt, um die Effizienz des Gehirns zu steigern. Forscher vermuten, dass während dieses Grossreinemachens auch die Erinnerungen nicht unbehelligt bleiben.

Sowieso sind Erinnerungen nicht in Stein gemeisselt. Sie verändern sich und lassen sich leicht beeinflussen. Erzählungen können die Erinnerungen an Kindheitserlebnisse prägen. So manche vermeintliche Episode aus den ersten Jahren hat ihre Wurzel in einem Foto, zu dem Mama oder Papa eine schöne Geschichte zu erzählen wusste. Erzählungen sind jedoch eine wichtige Stütze unserer Erinnerungen. Nur eingebettet in eine Erzählung, lassen sich Episoden rückblickend einordnen.

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Aktuelle Studien zeigen zudem, dass in westlichen Kulturen, wo es heute üblich ist, dass die Eltern viel mit ihren kleinen Kindern sprechen, die Erinnerung meist weiter zurückreicht als in Gesellschaften, wo wenig kommuniziert wird. Wer viel mit Kindern über Erlebtes spricht und die Kinder dabei vor allem selbst die Richtung des Gesprächs bestimmen lässt, der festigt deren Erinnerungen.

Manchmal jedoch sind unsere Kindheitserinnerungen nicht nur unzuverlässig, sondern schlichtweg falsch. Das erfuhr ausgerechnet Entwicklungspsychologe ­Jean Piaget. Die Szene mit dem Entführer, den die Nanny in die Flucht schlug, und dem Polizisten mit dem weissen Knüppel: Alles war erfunden. Piagets früheres Kindermädchen schrieb den Eltern 13 Jahre nach dem Vorfall, sie habe sich alles bloss ausgedacht. Und Jean Piaget kommen­tierte: «Ich muss diese Geschichte als Kind gehört und sie als visuelle Erinnerung abgespeichert haben. Als Erinnerung einer Erinnerung… Aber falsch.»

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