Frage von Franziska S.: «Seit über zwei Jahren versuche ich, schwanger zu werden. Mein Mann und ich sind schon sehr verzweifelt. Es tut mir jedes Mal weh, wenn ich eine Familie mit kleinen Kindern sehe. Zugleich habe ich eine grosse Wut und frage mich dauernd, warum gerade ich davon ausgeschlossen bin.»

Wenn Sie Paare sehen, deren Wunsch nach einem Kind in Erfüllung gegangen ist, erinnert Sie das jedes Mal schmerzlich daran, dass Ihnen das verwehrt bleibt. Dass dies Wut, Hoffnungslosigkeit und Neid auslöst, ist sehr verständlich.

Aber Sie sind mit Ihrem unerfüllten Kinderwunsch nicht allein. Dauerhafte oder vorübergehende ungewollte Kinderlosigkeit ist ein Thema, das viele Frauen und Männer betrifft. 10 bis 15 Prozent der Paare wünschen sich vergeblich ein (weiteres) Kind und kennen die Achterbahn von Gefühlen zwischen Hoffnung, Bangen und Enttäuschung.

Wir hätten gern alles unter Kontrolle

Das Problem ist: Unser Zeitgeist nährt ein Gefühl, dass alles machbar und kontrollierbar sei. Und unser inneres Leitbild verlangt, das Leben selbstbestimmt und durch Eigeninitiative zu gestalten. Darin ist ein Machbarkeitsanspruch enthalten, der uns zu sagen scheint, wir müssten nur richtig leben, ein Problem richtig angehen, dann könne es auch gelöst werden.

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Und nun stellt sich etwas Natürliches – das Kind – nicht ein. Das kann tief verunsichern und Fragen aufwerfen wie: Was stimmt nicht mit mir? Was muss ich anders machen?

Manche setzen auf die diversen Hilfeangebote der Medizin. Was viele dabei unterschätzen: Die Behandlungen sind für die Frauen und deren Partner eine starke Belastung. Es werden noch mehr Hoffnungen aufgebaut, entsprechend gross kann die Enttäuschung werden.

Wie schwere Erkrankungen und Schicksalsschläge ist eine ungewollte Kinderlosigkeit ein kritisches Lebensereignis, das uns aus dem Takt bringt. Es ist eine Zäsur im Leben und kann die betroffenen Menschen in eine Sinnkrise führen. Millay Hyatt, eine selber betroffene Autorin, ­beschreibt die ungewollte Kinderlosigkeit wie den Verlust eines geliebten Menschen. Und jedes Mal, wenn die Menstruation ­anzeigt, dass sich erneut keine Schwangerschaft eingestellt hat, verliert man ein Kind. Und wieder einen Teil der Hoffnung.

Tragen Sie sich Sorge!

In diesem Gefühlsbad wird das eigene Ich und der Selbstwert oft herausgefordert. Achten Sie deshalb darauf, dass Sie sich Sorge tragen:

  • Versuchen Sie, Ihre Gefühle, wie sie auch sind, anzunehmen. Es ist in Ordnung, sich niedergeschlagen zu fühlen oder Wut zu empfinden. Unterdrücken Sie diese Gefühle nicht, sie können sonst verstärkt und unkontrolliert immer wieder auftreten. Es geht nicht darum, die Situation zu akzeptieren, sondern die Gefühle, die Sie dabei haben. Meist lässt deren Intensität mit der Zeit von selber nach.

  • Lassen Sie Ihre Trauer zu, wenn sich eine Schwangerschaft erneut nicht eingestellt hat, und geben Sie sich genug Zeit, über diese Enttäuschung hinwegzukommen.

  • Seien Sie gut zu sich. Finden Sie für sich liebevolle und ermutigende Gedanken, die Ihnen helfen, schwierige Situationen zu bewältigen.

  • Überlegen Sie im Voraus, wie Sie auf ­Fragen wie etwa «Warum hast du denn keine Kinder?» reagieren wollen. Oft hilft es, ehrlich zu sein.

  • Vergessen Sie nicht, dass auch andere Aspekte im Leben wichtig sind und Freude bereiten. Planen Sie Aktivitäten, die Ihnen guttun und die Sie als Person und als Paar stärken. Überlegen Sie, was vor der Um­setzung des Kinderwunschs für Sie wichtig war, was Sie vielleicht wegen des Kinderwunschs aufgegeben haben. Scheuen Sie sich nicht, neue Projekte anzugehen, die Ihnen die Gewissheit geben, ein wertvoller Mensch, eine komplette Frau zu sein. 

Buchtipps

  • Millay Hyatt: «Ungestillte Sehnsucht. Wenn der Kinderwunsch uns umtreibt»; Verlag Links, 2012, 224 Seiten, CHF 23.90

  • Tewes Wischmann, Heike Stammer: «Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch»; Verlag Kohlhammer, 2010, 188 Seiten, CHF 31.90