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MutterschaftDer erste Schrei zu Hause

Nicht einmal eins von hundert Babys kommt in der Schweiz daheim zur Welt. Eine Gruppe junger Mütter will das ändern.

Lieber in den eigenen vier Wänden (von links nach rechts): Nathalie Bünter mit Janis, Rebekka Trösch mit Mirjam, Beryll Atz mit Baby Nanook und Sohn Jimmy vorn links
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Rebekka Trösch hat ihr Kind in einem Einfamilienhaus geboren. Beryll Atz in einer Altbauwohnung. Und Na­thalie Bünters Baby wird in einem ehe­maligen Restaurant das Licht der Welt erblicken. Die drei Mütter haben alle bereits mindestens eine Spitalgeburt erlebt und danach entschieden: «Das nächste Mal gebären wir zu Hause.»

Beryll, Rebekka und Nathalie kennen sich aus einer Facebook-Gruppe, in der sich Frauen austauschen, die jung Mutter geworden sind. Die Gruppe hat 250 Mitglieder. Sechs davon haben ihr Baby zu Hause geboren oder stehen kurz vor einer Hausgeburt. Das sind statistisch betrachtet ­aus­sergewöhnlich viele: In der Schweiz kommt nicht einmal jedes hundertste Kind daheim zur Welt.

«Welcher Arzt sagt schon: ‹Wenn Sie ­gesund sind, können Sie auch zu Hause ­gebären›?», meint Rebekka Trösch, 26. Die Spielgruppenleiterin aus Thayngen SH wurde mit 21 zum ersten Mal Mutter. Sohn Aaron kam im Spital zur Welt. Aber: «Das war keine gute Erfahrung. Man hat mich gezwungen, während der ganzen Geburt auf dem Rücken zu liegen. Total unnatürlich. Und das nur, weil so der Wehenschreiber besser angezeigt hat.» Als sich ein Jahr später wieder Nachwuchs ankündigte, war für die Eltern klar: «Wir bleiben daheim.»

Trösch meldete sich bei der einzigen freischaffenden Hebamme im Kanton und fühlte sich gleich verstanden. Ein paar Monate später gebar sie mit deren Hilfe ihre Tochter im Wohnzimmer. Auch für Baby Nummer drei ist eine Hausgeburt geplant. «Für mich stimmt das. Ich war viel entspannter, und auch die Schmerzen habe ich als weniger schlimm empfunden.»

Die zweite Geburt fand in der Stube statt

«Genau», sagt Beryll Atz, «es ist kein Vergleich! Im Spital fühlst du dich ausgeliefert. Du bekommst Medikamente und hängst ständig an Geräten.» Vor drei Jahren gebar Atz ihren ersten Sohn im Spital, vor sechs Monaten wurde die 22-Jährige zum zweiten Mal Mutter. In der Stube. Als die Wehen einsetzten, stellte sie mit ihrem Mann im Wohnzimmer einen Geburtspool auf und füllte ihn mit warmem Wasser. Mit Hilfe der freischaffenden Hebamme Blanca Landheer brachte sie wenige Stunden ­später den dreieinhalb Kilo wiegenden ­Nanook zur Welt. «Ein phantastisches Erlebnis, so eine Wassergeburt», sagt Beryll Atz. «Ganz anders als im Spital.»

Ihr Mann nickt. Er war sofort mit der Hausgeburt einverstanden. Nun steht der 25-jährige angehende Lehrer den Müttern der Facebook-Gruppe mit technischem Know-how zur Seite: Die Website haus­geburt-schweiz.ch soll der traditionellen Form des Kinderkriegens zu neuem Schwung verhelfen. «Die Hebammen­geburt ist wieder im Kommen», sind sich die jungen Eltern einig.

Hebamme Blanca Landheer ist weniger euphorisch: «Leider geht die Entwicklung in eine andere Richtung: Die Kaiserschnitt­rate steigt, die Zahl der natürlichen Geburten ohne medizinische Eingriffe sinkt.» Umso mehr freut sich Landheer über die jungen Mütter. «Ich schliesse nicht aus, dass sie etwas in Bewegung setzen können. Wer weiss schon, wie gesellschaftliche Veränderungen zustande kommen.»

Zufall oder nicht: Der Schweizerische Hebammenverband lancierte diesen Frühling eine Petition, die nichts Geringeres als das Ende der Ärzteherrschaft im Gebärsaal fordert. Geht es nach den Hebammen, sind sie in Kliniken bald nicht mehr den Ärzten unterstellt, sondern führen selbständig Geburtsabteilungen. Die damit verbundene Hoffnung: die Zahl der natürlichen Geburten zu erhöhen.

Tatsächlich zeigt die einzige gross­angelegte Studie zu Hausgeburten in der Schweiz, eine Nationalfonds-Studie aus dem Jahr 1993, dass Hausgeburten für gesunde Schwangere sicher sind. Die Studie zeigt weiter, dass Frauen, die ihr Kind daheim bekommen haben, deutlich seltener an Geburtsverletzungen leiden.

«Das Umfeld zeigt wenig Verständnis»

Auch für Mona Schwager, Studiengangleiterin am Institut für Hebammen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, braucht es einen Arzt erst dann, wenn Komplikationen auftauchen. Dass sich diese Ansicht bis heute nicht etabliert hat, weiss Schwager: «Gerade kürzlich hat eine junge schwangere Hebamme das Gespräch mit mir gesucht. Sie wünscht sich ­eine Hausgeburt. Doch ihr Umfeld zeigt wenig Verständnis.»

Beryll Atz und Rebekka Trösch hatten Glück. Ihre Mütter hatten selber bereits im Geburtshaus oder daheim geboren und unterstützten die Entscheidung ihrer Töchter. «Natürlich bin ich auch Leuten begegnet, die mich für unverantwortlich halten», sagt Atz. «Aber ich habe mich nicht beeindrucken lassen.» Schliesslich passiere im Spital auch viel Schlimmes. Ob denn die Freundin, die an den Folgen einer schlecht gestochenen Rückenmarksanästhesie leide, auch verantwortungslos sei, fragt sie.

Der Stubenwagen steht bereit

Nathalie Bünter geht solchen Diskussionen am liebsten aus dem Weg. Den Entscheid, ihr drittes Kind daheim zu gebären, hat sie nur den direkten Nachbarn und den engsten Verwandten mitgeteilt. «Das geht keinen etwas an.» Die 30-Jährige hat bereits einen dreieinhalb- und einen zweieinhalbjährigen Sohn. Beide Kinder kamen im Spital zur Welt.

Die Mutter streicht sich über den kugelrunden Bauch: «Ich bin froh, daheimbleiben zu können. Wer weiss, vielleicht kann sogar mein älterer Sohn die Ankunft seines Geschwisterchens miterleben.»

Ihre letzte Geburt haben Nathalie Bünter und ihr Mann in schlechter Erinnerung. «Die Hebamme im Spital hatte Feierabend und wollte uns unbedingt der nächsten Schicht übergeben. Niemand hörte uns zu, als wir sagten, dass das Baby gleich da sein wird.» Jetzt freuen sich Nathalie Bünter und ihr Mann auf eine Geburt mit einer Hebamme, die ganz für sie da ist. Im Saal des ehemaligen Restaurants, das die Familie seit kurzem bewohnt, steht schon ein Stubenwagen bereit.

Wenn das Baby da ist, wird Nathalie Bünter einen Bericht schreiben und ihn auf hausgeburt-schweiz.ch veröffentlichen. Rebekka Trösch und Beryll Atz haben das bereits getan. Der Bericht von Atz schliesst mit: «Unser Nanook Yuma Nicolà kam am 30. Dezember 2012 um 03.01 Uhr bei uns an. 3460 g schwer, 51 cm lang und mit ­einem Kopfumfang von 36 cm. Im Gegensatz zu meiner ersten Geburt – die im Krankenhaus stattfand – habe ich bei dieser Geburt das Gefühl, ‹es› alleine geschafft zu haben. Zusammen mit unserem Baby – aber ohne ‹Nachhelfen› von aussen.»

2012 wurden in der Schweiz 81'500 Babys geboren. Von 100 Babys kommen 98 im Spital und zwei in einem Geburtshaus oder zu Hause zur Welt. Die Zahl der Hausgeburten – zwischen 1300 und 1400 – ist seit Jahren relativ stabil. Dafür kommen immer mehr ­Kinder mit medizinischen Eingriffen wie Geburtseinleitung, Zangen- und Vakuum­extraktion oder Dammschnitt zur Welt: In der Schweiz waren es im Jahr 2010 zwei von drei Babys. Jede dritte Geburt erfolgte per Kaiserschnitt, wobei die Rate regional stark schwankt: 2010 fanden im Kanton Zug zwei von fünf, im Kanton Jura eine von fünf Geburten per Kaiserschnitt statt.

Veröffentlicht am 09. Juli 2013