Der Bub schreit, weil Papi ihm das Spielzeug nicht kaufen will. Er brüllt: «Ich will aber!» Der Vater versucht, den Dreijährigen zum Ausgang zu schieben. Der aber wird noch wütender und stampft auf den Boden Erziehung Quengelnde Quälgeister . Andere Kunden drehen sich um und gaffen. Das macht den Vater noch nervöser. Was tun?

«Wenn Eltern nicht auf die Gefühle ihrer Kinder reagieren, ist das kontraproduktiv und nicht gut für die Beziehung», sagt Tina Hascher, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Bern. «Meist haben sie vor allem bei negativen Gefühlen Angst, dass sie diese noch verstärken könnten. Dabei ist es umgekehrt: Indem sie ignoriert werden, steigern sich Kinder zunächst noch viel mehr hinein.»

Kinder brauchen eine Reaktion

Bei Gefühlen gehe es nämlich um Aufmerksamkeit. «Meistens beruhigen sich Kinder, wenn sie merken, dass die Eltern ihren Ärger wahrnehmen und verstehen», sagt Hascher. Wenn das Kind Resonanz bekomme, sei seine Enttäuschung leichter zu verkraften. Ein Satz wie «Du bist enttäuscht und wütend» kann schon genügen.

«Mit Gefühlsausbrüchen signalisiert das Kind, dass es Hilfe braucht, um mit einer Situation zurechtzukommen», sagt Hascher. Die Forschung zeige, wie wichtig es auch in der Schule sei, auf Gefühle einzugehen. Denn lernen kann ein Kind nur, wenn es sich gefühlsmässig aufgehoben und verstanden fühlt. «Empathie Empathie Ich weiss, was du fühlst schafft die Sicherheit, die es braucht, um lernen zu können.»

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Oder sogar, um überhaupt denken zu können. «Gefühle und Denken gehen zusammen», sagt Beatrice Uehli von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. «Kinder, die ihre Gefühle kennen, können auch ihr Denken entwickeln. Und umgekehrt: Kinder, die sich kognitiv entwickeln, bilden auch emotionale Kompetenzen aus.»

Eltern, für die vor allem Wissensfächer wie Lesen und Schreiben im Fokus stehen, lassen Wesentliches beiseite. Denn im Kindergarten und in den ersten Schuljahren Einschulung Was muss ein Kind für die Schule können? geht es nicht nur darum, Farben, Zahlen und Buchstaben zu lernen, sondern auch Gefühle wahrzunehmen.

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Entwicklung zum sozialen Wesen

Im Kindergartenalter lernt man fremde und eigene Gefühle zu unterscheiden. War zuvor die ganze Welt wütend, merken Kinder dann, dass sie selbst es sind, die die Gefühle haben. Das Kind lernt: «Wenn ich wütend bin, bin ich das und nicht du.» Die Entwicklung zum sozialen Wesen setzt ein.

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Ein Zeichen dafür sind Rollenspiele. Dabei schlüpft das Kind mit Freunden, Puppen oder Spielfiguren in fremde Rollen. Es ahmt typische Situationen wie Eltern und Kind nach und lernt so, sich in eine andere Person hineinzuversetzen und Gefühle auszudrücken.

Das hilft Kindern, mit Gefühlen klarzukommen

  • Fragen Sie das Kind, wie sich ein bestimmtes Gefühl in seinem Körper anfühlt. Ruft Nervosität ein Kribbeln im Bauch hervor? In welcher Situation schlägt sein Herz schneller?
  • Benennen Sie auch Ihre eigenen Gefühle. Statt zu schimpfen Erziehung Eine Anleitung für korrektes Schimpfen , wenn das Kind nicht zugehört hat, können Eltern etwa sagen: «Ich fühle mich nicht ernst genommen, wenn ich das so oft sagen muss. Das ärgert mich.»


Quelle: Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (Zepp) an der Universität Basel.

Gefühle benennen

Emotionale Entwicklung heisst auch: Gefühle sind nicht einfach nur da – man muss lernen, sie wahrzunehmen und zu benennen. Dabei muss das Kind zunächst erfahren, dass es überhaupt unterschiedliche Gefühle gibt. Darum ist es wichtig, dass Erziehende die verschiedenen Emotionen benennen und je nach Situation sagen «Jetzt bist du enttäuscht» oder «Jetzt freust du dich».

Vor allem aber müssen Kinder Emotionen fühlen und ausdrücken dürfen. Gerade die Kleinen tun das oft sehr physisch. Sie zeigen Emotionen wie Erwachsene durch die Körperspannung und übers Gesicht. Hier setzt die Psychomotorik-Therapie an. Sie versucht etwa durch Bewegungsspiele, das Körperempfinden und damit verbundene Gefühle zu stärken. «Die Körperempfindungen des Kindes sind wichtig», sagt Alexander Grob, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Basel. «Die Eigenwahrnehmung ist elementar: Nur wenn das Kind seine Erregungszustände spürt, kann es lernen, mit ihnen umzugehen.»

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Erziehende sollten Erregungszustände also nicht ignorieren oder überspielen, sondern die Aufmerksamkeit des Kindes genau darauf lenken. Und ihm die Möglichkeit zum körperlichen Ausdruck wie Stampfen, Schreien, Weinen geben. Auch wenn es für Erwachsene anstrengend und in der Öffentlichkeit oft peinlich ist: Wut- oder Angstanfälle sind wichtig. Die Kinder lernen daraus fürs Leben.

Bücher und Spiele

  • Mies van Hout: «Heute bin ich»; Bilderbuch, Verlag Aracari, 2015, 20 Seiten, CHF 19.90
  • Mireille d’Allancé: «Robbi regt sich auf»; Bilderbuch, Verlag Beltz, 2017, 32 Seiten, CHF 11.90
  • Maren Krempin, Kerstin Mehler: «Der Grüffelo. Bildkarten Gefühle entdecken»; mit Booklet, Verlag Beltz, 2014, CHF 44.90
  • «Stimmungsflip»; 42 Flipkarten, Pro Juventute, CHF 25.–

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Matthias Pflume, Textchef Digital

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