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Lügen über sexuellen Missbrauch«Warum hinterfragte niemand die Aussagen unserer kranken Tochter?»

Eine junge Frau beschuldigt ihren Vater, er sei Satanist und habe sie sexuell missbraucht. Die Vorwürfe sind haltlos, die Eltern geraten trotzdem ins Zwielicht.

Irgendwann brach Sabrinas Vater zusammen und wagte sich kaum mehr aus dem Haus.
von aktualisiert am 31. Januar 2019

Ein Einfamilienhaus im Appenzellerland. Gepflegter Garten, im Wohnzimmer riecht es nach frisch gebackenem Kuchen. Hier soll eine Sekte zu Hause sein, die Kinder verkauft, Babys tötet und Satan huldigt? Das erzählt die Tochter des Hauses. «Hast du nichts bemerkt?», fragen die Nachbarinnen die Mutter. Sie hat nichts bemerkt. Weil es nichts zu bemerken gab.

Sabrina Bühler* war ein unauffälliges Kind, sagt die Mutter. «Ruhig, von klein auf sehr selbständig.» Sie lernte freiwillig Latein, spielte Gitarre und Klavier. Mit 16 brach Sabrina das Gymnasium ab. Sie fühlte sich gemobbt, wollte einen technischen Beruf lernen. Alles schien gut, bis sie erzählte, sie sei vielleicht schwanger. Sie habe im Ausgang einen Mann getroffen, wisse weder seinen Namen noch wo er wohne. Er habe den Sex gewollt, sie nicht. Bei der Frauenärztin, zu der die Mutter sie begleitete, sprach Sabrina dann von einem One-Night-Stand. Schwanger war sie nicht. Die Mutter liess die Sache auf sich beruhen. «Ich dachte, sie schämte sich, weil sie so unvorsichtig gewesen war.»
 

Die Mutter erkannte ihre Tochter nicht wieder. Bleich, apathisch, in sich gekehrt war sie.

 

In den nächsten Wochen beobachtete die Mutter ihre Tochter sehr genau. Sie schien glücklich, fand einen ersten Freund. Die Idee mit der Berufslehre begrub sie wieder, wollte zurück ans Gymi. Aber ins Internat in einen anderen Kanton, zusammen mit einer Freundin. «Hätten wir es ihr verbieten sollen?», fragt Susanne Bühler*.

Nach der Gymi-Einführungswoche erkannte die Mutter ihre Sabrina kaum wieder. Bleich, apathisch, in sich gekehrt war sie. In dieser Zeit begann sie zu kiffen. Der Mutter erzählte sie, dass sie sich manchmal verfolgt fühle. Begann damals die psychotische Erkrankung?

Kurz darauf verletzte sich Sabrina im Gesicht: mit dem Verschluss einer Flasche Prosecco, den sie an einem Mittwochnachmittag trinken wollte. Jetzt machten sich Susanne und Bruno Bühler* ernsthaft Sorgen. Ihre Tochter wohnte im Internat, besuchte die Schule aber kaum noch. «Entweder oder», sagte der Vater, ein Handwerker, der in leitender Position tätig ist. «Wenn du nicht zur Schule gehst, wohnst du wieder zu Hause.»

Sabrina wollte das auf keinen Fall. Sie wandte sich an die Internatsleiterin, erzählte ihr von der Nacht mit dem Unbekannten. Ihre Eltern nähmen die Vergewaltigung nicht ernst. Sie äusserte Suizidgedanken Suizidgedanken «Ich habe aus dem Loch gefunden» . Die Leiterin handelte prompt, fuhr Sabrina in eine psychiatrische Klinik. Die Kindesschutzbehörde Kesb Kesb-Entscheid Was braucht es, damit die Kesb einen Beistand einsetzt? entzog darauf den Eltern das Recht, über den Aufenthalt der Tochter zu bestimmen. Inzwischen 17, wurde sie auf eigenen Wunsch in eine auf Kinder und Jugendliche spezialisierte Einrichtung überwiesen.

Irritierende Anzeichen

Nach drei Wochen schien der Spuk vorbei. Die Klinik empfahl eine Familientherapie – und den Bühlers eine Beratungsstelle für Eltern von Pubertierenden. Für die Mutter irritierend: Im Austrittsbericht war von «sexuellem Missbrauch Kindsmissbrauch Wer hilft bei Missbrauch? ausserhalb der Familie» die Rede. Sabrina ging zurück ins Internat. Die Kesb stellte den Fall ein. Es gebe keine Hinweise, dass die Eltern ihrer Pflicht nicht vollumfänglich nachkommen.

Doch zur Ruhe kamen die Bühlers nicht. Die Mutter organisierte eine Familientherapie bei einer Psychiaterin. Die sagte ihr bald, sie werde dafür sorgen, dass die Tochter nicht mehr nach Hause müsse. Und riet den Eltern, doch besser selber Hilfe in Anspruch zu nehmen. Was war passiert? Die Bühlers bekamen keine Antwort. Weder von der Ärztin noch von der Tochter.

Später erfuhren sie, dass der Vater von Sabrinas Freundin eine Gefährdungsmeldung ausgefüllt hatte. Sabrina habe ihm erzählt, ihre Eltern weigerten sich, das Internat zu bezahlen, und der Vater habe sie als Kind missbraucht. Die Kesb befragte Sabrinas Therapeuten. Eine psychotische Entwicklung sei nicht auszuschliessen, sagten diese, erkannten ein «manipulatives Verhalten». 

Viel später bekamen die Eltern die Gesprächsnotizen zu Gesicht: Während der Therapie seien in Sabrina Bilder aufgetaucht. Von sexuellem Missbrauch durch den Vater. Sie empfinde abgrundtiefen Hass und Ekel.

Einweisung gegen ihren Willen

Die Eltern schlugen Alarm, wandten sich an den kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst. Dieser informierte den Amtsarzt, der die junge Frau gegen ihren Willen in eine Klinik einwies Fürsorgerische Unterbringung In die Klinik – und dann? . Sabrina wehrte sich juristisch. Das Gericht zog einen Gutachter bei, er erkannte Anzeichen einer «wahnhaft psychotischen Symptomatik, wahrscheinlich bedingt durch Cannabiskonsum».

Die von der Patientin geschilderten Ereignisse seien in ihrem Kopf entstanden und nicht wirklich passiert. Und: Die Beschwerdeführerin befinde sich in einem Alter, in dem sich eine paranoide Schizophrenie entwickeln könne. Deshalb sei es enorm wichtig, rechtzeitig zu reagieren. «Wenn man noch etwas bewirken kann, dann jetzt.» Einmal durften die Eltern sie sehen. Eine schöne Begegnung – sogar eine Umarmung liess Sabrina zu.

Endlich, dachten die Bühlers, endlich eine Erklärung. Sie hofften, nun Gehör zu finden.

Erblich vorbelastet?

Sie begannen sich zu informieren, besuchten Vorträge über psychische Erkrankungen. Bei einem Vortrag über Schizophrenie erkannte Susanne Bühler ihre eigene Mutter wieder. Sie lebt seit Jahren im Glauben, ihre Nachbarn seien Spione. Auch in Bruno Bühlers Verwandtschaft gibt es Personen mit ähnlichen Symptomen.

«Unsere Tochter ist gleich doppelt vorbelastet», sagt Susanne Bühler. Diese Erkenntnis sei traurig, habe damals aber etwas Beruhigendes gehabt. Endlich hätten sie gewusst, was los war. Im Austrittsbericht der Klinik stand dann: «kombinierte Persönlichkeitsentwicklungsstörung mit emotionaler Instabilität, wahnhafte und zwanghafte Tendenzen. Borderlinenahe Abwehrstruktur». Aufgrund der familiären Konflikte empfahlen die Therapeuten betreutes Wohnen, den Eintritt in eine Tagesklinik sowie eine Familientherapie.

Die Eltern hätten Sabrina gern zurück in die Familie geholt. Doch die Herisauer Berufsbeiständin platzierte sie in einer betreuten Wohngemeinschaft im Thurgau. Die Eltern protestierten, insbesondere als klar wurde, dass die Tagesklinik nicht bezahlt wurde und der Tochter eine Tagesstruktur fehlte. Tatsächlich ging es Sabrina in dieser Zeit schlecht. Sie wurde mehrmals betrunken zusammengelesen, unternahm einen Suizidversuch.

Ein weiteres Mal landete sie in der Klinik. Als sie sie verliess, war im Austrittsbericht unter «Traumaanamnese» nun plötzlich von einer «Vergewaltigung 2014 und sexuellem Missbrauch durch den Vater 2001/2002» die Rede. Damals war das Mädchen drei Jahre alt.
 

«Warum hat niemand mit uns gesprochen, mit unseren Söhnen? Wie konnte mein Mann zum Täter gemacht werden, ohne dass er jemals etwas dazu sagen konnte?»

Susanne Bühler*, Mutter von Sabrina


Bruno Bühler erlitt einen Nervenzusammenbruch, wagte sich kaum mehr aus dem Haus. Warum hinterfragte niemand die Aussagen seiner psychisch kranken Tochter? «Warum hat niemand mit uns gesprochen, mit unseren Söhnen? Wie konnte mein Mann zum Täter gemacht werden, ohne dass er jemals etwas dazu sagen konnte?», fragt Susanne Bühler. Sie, die sich als Hausfrau ganz der Familie widmete, wandte sich an Sabrinas Beiständin, an die Kesb, an die Gemeinde. Ohne Erfolg.

Sabrina blieb im Kanton Thurgau, führte ihre Traumatherapie in einer psychiatrischen Klinik weiter. Die «Erinnerungen», die bei Sabrina während dieser Therapiesitzungen auftauchten, wurden zusehends extremer. Der Vater soll plötzlich nicht nur sie, sondern auch die Brüder missbraucht haben. Dann sollen sich die Brüder an ihr vergangen haben. Ein paar Sitzungen später erinnerte sie sich daran, dass auch die Mutter involviert gewesen sei und dass der Vater sie im Kindergarten als Kinderprostituierte an einen Architekten verkauft habe.

Bruno Bühler erträgt es kaum, die Berichte zu lesen. Susanne Bühler schüttelt den Kopf. «Wann hätte das alles geschehen sollen? Von mir, vom ganzen Umfeld unbemerkt? Warum wissen unsere Söhne nichts von alldem?»

«Gewürgt, bewusstlos getreten»

Der Therapeut riet Sabrina, juristische Schritte einzuleiten. Nun tauchten bei ihr noch weitere Erinnerungen auf: Der Vater habe sie als Vierjährige gewürgt, bewusstlos getreten. Die beiden Brüder soll er lebensbedrohlich verletzt haben. Es wirkt hilflos, wenn Susanne und Bruno Bühler Familienfotos von den drei lachenden Kindern zeigen. Doch was sonst können sie tun, um zu beweisen, dass sie ihre Kinder nicht misshandelt haben?

Sabrina schrieb dem «Tages-Anzeiger». Sie sei in einer satanistischen Sekte aufgewachsen. Mit Hilfe ihres Therapeuten sei ihr nun der Ausstieg gelungen. Sie möchte ihre Geschichte veröffentlichen. Der Journalist lehnte ab.

«Realisierte denn niemand, dass unsere Tochter schwer krank war, dass sie sich in diesen Therapien immer mehr in etwas hineinsteigerte?», fragt Susanne Bühler.

Klage gegen eigenen Vater

Im Februar 2017 klagte Sabrina ihren Vater an. «Versuchte Tötung, sexuelle Handlung mit Kindern, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Inzest Inzest-Opfer «Ich bin es gewohnt, dass man mir nicht glaubt» ». 

In der Praxis in Kreuzlingen, die Sabrina inzwischen besuchte, wurden die Erinnerungen zusehends wirrer. Jetzt waren es Erwachsene in schwarzen Umhängen, die auf dem Friedhof mit einer Axt ein Baby zerhackten und das Fleisch assen. Menschen wurden gekreuzigt wie Jesus, ihr Vater missbrauchte sie vor allen anderen. An Satan erinnerte sich Sabrina, an Badewannen voller Tierblut.

Fast täglich schrieb sie ihrem Therapeuten E-Mails. Sie begannen meist mit: «Heute ist noch mehr hochgekommen.» Zum Beispiel dass anderen Kindern der Schädel gespalten wurde und sie das Hirn auslöffeln musste. Dass sie als Kind selber Kinder getötet habe.

Traumatherapeut: «Absolut glaubwürdig»

Das Verfahren gegen den Vater lief an. Das Gericht beauftragte einen Gutachter, befragte Sabrinas Therapeuten. Die Klinik attestierte ihr eine «komplexe Traumafolgestörung infolge schweren Missbrauchs in der Kindheit». Ihr aktueller Traumatherapeut hält «die Gewalterfahrungen im Rahmen der Sektenstruktur für absolut glaubwürdig».

Der vom Gericht beauftragte Gutachter kam wie sein Vorgänger hingegen zu ganz anderen Schlüssen. Er hält Sabrinas Geschichten für krankheitsbedingte paranoide Ideen und Trugerinnerungen. Er verweist auf Fälle, in denen «Erinnerungen an sexuellen Missbrauch von Bezugspersonen und Therapeuten mit entsprechenden Grundüberzeugungen provoziert und gefördert werden». Einen solchen Fall hatte 2007 der Beobachter geschildert: Eine Wohngemeinschaft im Kanton Thurgau musste schliessen, nachdem gleich drei Klientinnen ihre Väter angezeigt hatten. Sie waren überzeugt, zu satanistischen Ritualen gezwungen worden zu sein und Menschenfleisch gegessen zu haben. Die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos.

Leben ist nicht mehr wie zuvor

Das Verfahren gegen Bruno Bühler wurde im Sommer 2018 eingestellt. «Objektive Anhaltspunkte, welche die Aussagen der Privatklägerin belegen, gaben die Beweiserhebungen nicht», schrieb das Gericht. Der Klägerin könne aufgrund ihrer psychischen Erkrankung keine Böswilligkeit unterstellt werden.

Zurück bleiben Eltern und Geschwister, deren Leben nie mehr so sein wird wie vorher. Und eine isolierte Tochter. Wie es Sabrina genau geht, wissen weder Eltern noch Brüder. Vom Gericht hat Susanne Bühler erfahren, dass sie vom Sozialamt lebe. Das sei das Schlimmste, sagt die Mutter, «dass meine Tochter krank ist, ich überzeugt bin, dass sie ihre Familie brauchen würde, und wir überhaupt nichts tun können».

Ob Susanne und Bruno Bühler jemals wieder ein normales Leben führen können, steht in den Sternen. Genauso, wie lange sie ihr Haus im Appenzellerland mit dem gepflegten Garten noch halten und darin wohnen können. Um die Platzierung der Tochter in der betreuten Wohngemeinschaft finanzieren zu können, will das Sozialamt die Eltern aufs Existenzminimum Existenzminimum Was muss zum Leben reichen? setzen. Das Gerichtsverfahren läuft.


* Namen geändert

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1 Kommentar

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t.rechling
Das ist halt wieder ein bekannter und großer moralischer Zwiespalt. All die häufigen Missbrauchsfälle, die uns regelmässig heimsuchen, lassen uns daran zweifeln, dass wir genug tun und verleiten dazu, auch im Lichte von #metoo, den Opfern erstmal zu glauben. Einige der Beschuldigenden sind aber nunmal, aus verschiedenen Gründen, nicht vertrauenswürdig genug und bringen Unschuldige in Bedrängnis, so hart dieses Urteil auch klingen mag aber die Situation ist nun einmal komplex.

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