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MobbingWenn Kinder einander fertigmachen

Bereits kleine Kinder können richtig gemein zueinander sein. Systematische Ausgrenzung muss aber niemand einfach erdulden. Gegen Mobbing gibt es Mittel.

Mobbing kennt verschiedene Formen: Während Mädchen meist subtil vorgehen, neigen Knaben zu mehr Handgreiflichkeit.
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aktualisiert am 13. August 2018

Leonie sitzt zuoberst auf dem Klettergerüst und klammert sich an die Stange. Ihre Situation ist ausweglos. Unten stehen ihre Widersacherin Jessica und deren fünf Helferinnen. «Du musst für immer dort oben bleiben, wenn du runterkommst, machen wir dich tot!», rufen sie zu ihr hoch. Leonie umfasst das Gerüst noch fester. Erst als die Kindergartenlehrerin das Ende der Pause verkündet und die anderen lachend weglaufen, klettert sie mit zitternden Knien wieder hinunter.

Was das vierjährige Mädchen erlebte, war nicht bloss ein Streit unter Kindern, sondern der Höhepunkt eines Mobbings Mobbing «Stefanie wird ausgeschlossen» . Fachleute benutzen diesen englischen Begriff, wenn eine Person von anderen immer wieder gezielt ausgegrenzt wird. Studien der emeritierten Professorin für Entwicklungspsychologie, Françoise Alsaker, zeigen, dass diese Form von Gewalt oft bereits im Kindergarten anfängt. Im Lauf der Schulzeit werden etwa 10 bis 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen Opfer von Mobbing.

Mobbing läuft meistens verdeckt

Auf die Hilfe von Erwachsenen können sie oft nicht zählen. «Ein Hauptmerkmal von Mobbing ist, dass es im Verborgenen abläuft, möglichst hinter dem Rücken von Autoritätspersonen», erklärt Alsaker. Um Mobbing zu erkennen, braucht es Beobachtungsgabe. Das erfuhr auch Leonie.

Als sie nicht mehr gern in den Kindergarten ging, schlecht schlief und bedrückt wirkte, redete ihre Mutter mit der Kindergärtnerin. Diese stellte die involvierten Kinder zwar zur Rede, hatte aber den Eindruck, Leonie sei selber auch kein Unschuldslamm.

Auch dies ist typisch: Mobber sind sehr gut darin, andere zu manipulieren und die Schuld dem Opfer in die Schuhe zu schieben. Zudem gibt es auch sogenannte Täter-Opfer: Kinder, die durch ihr unmotiviert aggressives und impulsives Sozialverhalten leicht zur Zielscheibe werden. Wer die Kinder nicht sehr genau beobachtet und auch kleine Gesten zur Kenntnis nimmt, kann Opfer und Täter leicht verwechseln.

Beim Mobbing können sich die Rollen auch verändern

Doch Mobbing ist auch nie ein Konflikt zwischen zwei Personen, sondern stets ein Gruppenphänomen. Mobber haben Assistenten und Zuschauer. Die einen beobachten das Geschehen und schweigen, andere machen mit – oft aus Angst, sonst selber zum Opfer zu werden. Die Rollen können sich im Lauf der Zeit verändern, denn Mobbing lebt von der Gruppendynamik.

Auch das zeigt Leonies Beispiel: Bevor sie zur Gejagten wurde, war sie mit Jessica befreundet und von ihr angestiftet worden, andere zu plagen. Doch plötzlich wendete sich das Blatt. «Zuerst machte Jessica Leonie ständig Vorschriften, was sie zeichnen sollte, und drohte, sonst nicht mehr mit ihr zu spielen», erzählt Leonies Mutter.

Nach und nach habe sie mit anderen Mädchen eine Gruppe gebildet, die ihre Tochter piesackte, wann immer sich die Gelegenheit bot. Sie gaben zum Beispiel vor, mit Leonie spielen zu wollen. Als diese Vertrauen fasste und sich zur Gruppe begab, wurde sie aber nur ausgelacht: «Glaubst du wirklich, wir wollen mit einer wie dir spielen?»

Erst beim Zuhören kann Mobbing erkannt werden

Die Intervention der Mutter bei der Kindergärtnerin brachte wenig. Was also sollen Eltern tun? Zunächst gilt es, Ruhe zu bewahren, das Kind zu beobachten und bei seinen Erzählungen genau hinzuhören. Denn für Aussenstehende ist es oft schwierig, Mobbing zu erkennen. Es kann viele Formen annehmen, manchmal reicht ein Augenverdrehen oder ein böser Blick, ein Nichtbeachten oder Zuzwinkern, um jemanden auszugrenzen.

Noch schlimmer ist es, wenn es handgreiflich wird Schulpsychologie Wenn es in der Schule brennt , die Mobber das Opfer zum Beispiel auf dem Schulweg abpassen, schubsen und bedrängen oder ihm den Taschenrechner entreissen. Unterschiedlichste Formen werden oft kombiniert angewendet und wirken als Einzelereignisse manchmal nicht dramatisch.

Die Forschung zeigt, dass Mädchen eher subtilere, indirekte Methoden bevorzugen, Buben gehen häufiger körperlich zur Sache. Eine neuere Variante unter Jugendlichen ist das Cybermobbing Cybermobbing «Man kann nicht warten, bis es knallt» : Demütigungen über Handyfilme, Internetforen, Chaträume oder soziale Netzwerke wie Facebook. Das ist besonders perfid, weil sich die Daten aus dem Internet nicht mehr löschen lassen, selbst wenn das Mobbing gestoppt wurde.

Die Mobbingsituation innerhalb der Schulklasse lösen

Stutzig machen sollte Eltern, wenn ihr Kind häufig mit kaputten Schulsachen oder Kleidern heimkommt, an Schultagen über Bauchweh klagt, Schlafstörungen entwickelt, keine Kameraden hat oder immer schlechtere Noten heimbringt. Erhärtet sich der Mobbingverdacht, sollten Eltern in Absprache mit dem Kind die Lehrperson kontaktieren, nicht jedoch den Täter oder dessen Eltern. Daraus entwickelt sich meist eine Beschuldigungsspirale, die kontraproduktiv ist.

Lehrpersonen sollten die Sorgen ernst nehmen und keinesfalls bagatellisieren. Meist genügt es nicht, die beteiligten Kinder einfach zur Rede zu stellen. Das Mobbing wird dann bloss noch mehr versteckt, oder es findet sich bald ein nächstes Opfer.

Um die Attacken schnell zu stoppen, muss allen Beteiligten die Möglichkeit gegeben werden, «elegant» aus der Sache auszusteigen. So kann man Täter, Mitläufer und Zuschauende in einem Gespräch darauf hinweisen, dass es einem Kind in der Klasse besonders schlecht geht und sie als Experten der Situation gemeinsam Ideen sammeln und umsetzen sollten, um ihm zu helfen.

Dieser sogenannte No-Blame-Ansatz hat eigentlich immer Erfolg, weil er Mobbern den Ausstieg ermöglicht, ohne dass sie ihr Gesicht verlieren. Zugleich erfährt das Opfer eine neue, freundliche Seite seiner Widersacher. Voraussetzung für dieses Vorgehen ist das Einverständnis des Opfers.

Mobbing unterbrochen, Klassengeist gestärkt

Ist das Mobbing einmal unterbrochen, kann man sich daranmachen, das Zusammenleben in der Klasse zu verändern: Man kann Mobbing in der Klassenstunde direkt thematisieren, durch Übungen soziale Fertigkeiten wie Zivilcourage Zivilcourage Warum Dazwischengehen so schwer fällt trainieren und den Team- und Klassengeist gezielt stärken.

Einfach die Schule zu wechseln hilft dagegen kaum. Dies kann das Opfer zwar entlasten, doch das Signal, das man damit aussendet, ist verheerend. Für die Mobber bedeutet es, dass sich ihr Verhalten lohnt. Sie werden so weitermachen und sich ein neues Opfer suchen. Kinder, die längere Zeit gemobbt werden, verinnerlichen zudem die Opferrolle. Dies kann der Integration in eine neue Klasse im Weg stehen.

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Tipps für Eltern

  • Nehmen Sie Ihr Kind und seine ­Situation ernst. Hören Sie ihm genau zu, wenn es von Ausgrenzungen ­erzählt. Ist es bloss ein Konflikt oder wirklich Mobbing?
  • Zeigen Sie Ihrem Kind immer wieder seine Fähigkeiten auf, stärken Sie sein Selbstwertgefühl.
  • Handeln Sie bei Mobbing besonnen und wenden Sie sich an die Lehr­person, ohne Vorwürfe zu platzieren.
  • Nehmen Sie nicht Kontakt mit dem Täter oder dessen Eltern auf, wenn Sie diese nicht sehr gut kennen.

Tipps für Lehrpersonen

  • Thematisieren Sie Mobbing in der Klasse und machen Sie von Anfang an klar, dass Sie dies nicht dulden.
  • Erarbeiten Sie mit Ihrer Klasse einen sozialen Verhaltenskodex.
  • Beobachten Sie, wie Ihre Schüler ­miteinander umgehen, und schauen Sie nicht nur dorthin, wo es am lautesten zur Sache geht.
  • Kommt es zu Mobbing, ermöglichen Sie den Tätern den Ausstieg, indem Sie diese dem Opfer helfen lassen.

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1 Kommentar

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minna
Wenn die Kinder noch jung sind (Kindergarten oder erste Primarschulklassen) kann es doch eine gute Idee sein, die Eltern zu kontaktieren, solang dies in einer produktiven und nicht anklagenden Weise geschieht. Die Kinder sind in diesem Alter oft noch sehr leicht umzustimmen, wenn man einfach miteinanderabmacht, ohne die Sache allzu sehr zu dramatisieren.

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