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MalediktologieFluchen, aber bitte richtig

Schimpfen und Fluchen gehört vielleicht nicht zum guten Ton. Gut fürs Gemüt ist es aber allemal. Gopfridstutz! 

von Sven Broder

Regel 1: Geflucht wird von jeher

Nicht himmlische Heerscharen geben im Reich der Malediktologie den Ton an, sondern irdische Arschgeigen. Flüche und Beschimpfungen, kurz: das Schlechtreden (lat. maledicere) ist die Materie, mit der sich besagte Wissen­schaft beschäftigt. Über Mangel an Material kann sie sich nicht beklagen. Gezetert wird schon immer und in allen Kulturen – und das nicht zu knapp. Etwa fünf Prozent der Gespräche am Arbeits­platz und über zehn Prozent der Freizeitunterhaltungen sollen laut dem Psychologen Timothy Jay aus Schimpfen bestehen. «Schon in der Sanskrit-Literatur vor über 3000 Jahren findet man das Wort ‹Hund› als Schimpfwort benutzt», so Reinhold Aman. Als Gründer und Herausgeber der Zeitschrift «Maledicta» gilt der gebürtige Bayer als Vater der Malediktologie.

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Regel 2: Das Prinzip Tabubruch

Wer flucht, möchte stets die grössten Tabus seiner Kultur verletzen, sagt Aman. Drei Hauptgruppen liessen sich dabei unterscheiden: die Gotteslästerer, die Familienbeschimpfer und die Prüden. Erstere findet man vorwiegend in katholischen Regionen von der Innerschweiz über Bayern bis nach Brasilien («Himmel Herrgott!»).

Familienbe­schimpfer hört man im arabischen Raum, aber auch in Asien und Afri­ka. Meist kriegen die Eltern ihr Fett weg («Ich furze in deines Vaters Bart»). Die Grup­pe der Prüden zetert oft in pu­ritani­schen Kulturen wie Amerika («fuck»). Aber auch slawische Völker werfen gern mit verbalen Fäkalien um sich oder re­agie­ren sich mit Obszönitäten ab («Möge dein Grab von Schwänzen überwachsen werden!»).

Regel 3: Jede Zeit hat ihre Sitten – und Flüche

«Dem Köter sollen alle Zähne ausfallen, bis auf einen, damit er Zahnweh haben kann»: So wortgewandt wie im Jiddischen liesse sich bei einem Tritt in ein Hundehäufchen Dampf ablassen. Doch unsereins ruft heute einfach «Scheisse!» oder gut amerikanisch «Shit!». «Im Zuge der Globalisierung ist auch beim Fluchen eine sprachliche Ver­armung und kulturelle Nivellierung festzustellen», sagt Roland Ris, Berner Sprachforscher im Ruhestand und Malediktologe der ersten Stunde. Dabei spielten die Ausscheidungen des Darmes – ob fest, flüssig oder gasförmig – in der ursprünglichen Schweizer Schimpfkultur eine Nebenrolle. Körper­ausscheidungen waren schlicht zu natürlich, um als Tabubrecher zu dienen.

Furzen etwa gehörte noch im 17. Jahrhundert zum guten Ton. «Damals gab es richtige Furz­wettbewerbe. Furzen war schon fast ein gesellschaftliches Vergnügen», sagt Roland Ris. Das positiv Befrei­ende oder «das Vergnügen des Loslassen­könnens», wie es Ris formuliert, schwingt heute am ehesten noch in Ausdrücken wie «Ich han e schiiss Fröid gha» mit.

Regel 4: Fluchen tut gut

Dem Ausruf «Scheisse!» mag heute nur mehr wenig Positives anhaften. Befreiend wirkt er trotzdem. Denn Schimpfen gilt als therapeutischer Weg, um Erregung abzubauen, und ist für die Gesundheit so wichtig wie Weinen oder Lachen, sagen Psychologen. Es sei denn, der Adressat der Schimpf­tirade versteht keinen Spass. «Dann kanns auch ungesund und schmerzhaft werden», sagt Fluchforscher Reinhold Aman. Fluchen wirkt also nicht nur befreiend, sondern auch schmerzlindernd, wie kürzlich das Fachblatt «Neuroreport» schrieb.

Bei Tests mit 64 Freiwilligen konnten Forscher belegen, dass die Probanden ihre Hand im Schnitt länger im Eiswasser behielten, wenn sie schimpften. Zudem zeig­ten Versuche mit Alzheimer- und Demenzpatienten, wie tief Kraftausdrücke im Hirn verankert sind. So konnte Psychologie­professor Timothy Jay nachweisen, dass die Betroffenen noch immer auf ihr Schimpfrepertoire zurückgreifen konnten, als sie Namen der engsten Vertrauten und einen Teil ihres anständigen Vokabulars bereits vergessen hatten.

Regel 5: Wer sich selbst verflucht, tut sich nichts Gutes damit

Der deutsche Physiologe Peter Reeh bezeichnet das Fluchen und Schimpfen als «Stuhlgang der Seele». Als besonders er­lösend gelten dabei Wörter mit Zisch- und Verschlusslauten sowie hellen E- und I-Vokalen; wie «Scheisse» eben. Ein veritabler Archetyp eines Fluchs mit reinigender Wirkung, ist im Schweizerdeutschen der Ausruf: «Himmel, Arsch und Zwirn»; Entgeistert über das, was einem gerade passiert ist, appelliert man an den Weltenlenker («Himmel»), lässt anschliessend emotional Dampf ab («Arsch») und gibt sich zuletzt in einer eigentlich bedeutungslosen, aber versöhnlichen Floskel («Zwirn») dem Lauf der Dinge hin. Man könnte auch «Himmel, Arsch und Blumenkohl» sagen; «Haupt­sache, es klingt am Schluss irgendwie humorvoll-optimistisch», erklärt Ris. Letzteres ist wichtig, soll das Fluchen und Schimpfen die besagte therapeutische Wirkung erzielen. Wer nämlich nur immer über sich selber schimpft oder gar sich selbst verflucht und seine eigene Seele damit zum Pfand gibt («Gopfertami!»), tut sich damit nichts Gutes, ist Ris überzeugt.

Regel 6: Der Teufel steckt im ­Detail

Ursprünglich waren Flüche jedoch allesamt Verfluchungen und Verwünschungen («Der Teufel soll dich holen»; «Der Hagel soll dir dein Feld zerstören»). Solche Eingriffe in Gottes Willen und Allmächtigkeit sind für Strenggläubige tabu. In evangelikalen Kreisen ist schon ein «Herr Jesus!» anrüchig, weil es als Missbrauch von Gottes Namen verstanden wird und damit als ein Verstoss gegen das zweite Gebot Gottes, sagt Roland Ris. Selbst für einen guten Protestanten war ein «Donnerli, Donnerli!» lange Zeit das Äusserste der erlaubten verbalen Gefühlsausbrüche.

Der Katholik ist da unverkrampfter. Er flucht und schimpft «em Tüüfel es Ohr ab». Er kann ja immer noch beichten, wenn ihn das Gewissen zwickt. Oder er donnert zu gegebenem Anlass einfach verklausuliert, sagt «Potz Tuusig» statt «Gott Teufel», «Sackzement» statt «Sakrament» und «gopfrid­stutz» statt «Gott verdamme mich». Als wäre der Herrgott nachsichtiger, versteckt man den Teufel im Detail.

Regel 7: Fluchen ist Poesie

Just dieser kreative, ja zuweilen poetische Umgang mit Sprache, der im emotions­geladenen Fluch bisweilen aufblitzt, hat es dem Malediktologen Roland Ris angetan. «Die normale Sprache ist sehr stark reglementiert. Aber in der affektiven, also in der von Gefühlen geleiteten Sprache hat man die Möglichkeit, etwas Neues, Eigenes zu kreieren, um Emotionen auszudrücken und abzubauen», sagt er.

Regel 8: Beschimpfungen werden immer wieder neu erfunden

Die Jugendsprache bietet ähnliche kreative Freiheit, beziehungsweise die Jugendlichen fordern sie ein, um sich von der Sprache der Erwachsenen abzugrenzen. Und so ­treten unter ihnen zuweilen Fluch- und Schimpfblüten zutage wie «Du Evolu­tionsbremse», «Du Michi» oder «Du huere Banane». Wobei weder der Michael noch die Banane wirklich neu sind. Der «Michi» ist schlicht die Barbara von dazumal («Bisch es Baabi»), und anstelle der Banane wurde früher einfach eine andere Frucht ausgeteilt, die «Zwätschge».

Regel 9: Verbote sind zwecklos

Wichtig sei beim Schimpfen und Fluchen nur, sagt Roland Ris, dass ein gewisser Res­pekt da sei, dem anderen, aber auch sich selber gegenüber. Vier Kinder hat Ris grossgezogen, und dies, ohne ihnen je den Mund verbieten zu müssen. «Spracherziehung ist keine Erziehung, die mit plumpen Verboten und Tabus funktioniert», erklärt er. Viel­mehr gehe es darum, Kindern und Jugendlichen eine Palette von Ausdrucksmöglichkeiten anzubieten. Sie sollen dann eine eigene Sensibilität dafür entwickeln, dass jede Gesprächssituation eine spezifi­sche und adäquate Ausdrucksweise verlangt. «Ich sagte meinen Kindern also: ‹So kannst du meinetwegen mit deinen Freunden reden, aber nicht zu Hause und erst recht nicht, wenn wir Besuch haben.›»

Schimpfen in aller Welt

Russland: «Geh zum Schwanz!»

Serbien: «Deine Mutter soll dich im Cevapcici wiedererkennen.»

Türkei: «Du Sohn einer Gurke!»

Jiddisch: «Drei Schiffsladungen voll Gold sollst du erben, aber es soll dir nicht reichen, um die Arztrechnung zu begleichen.»

Afrika: «Deine Mutter ist wie eine Telefonzelle. Sie steht an einer Strassenecke.»

Arabien: «Deine Muttermilch war Kamelpisse.»

Zentralafrika: «Dein Gesicht ist runzlig wie ein Elefantenarsch.»

Persien: «Ich furze in deines Vaters Bart.

Regel 10: Auch der Herrgott lacht

Und wie es sich generell leichter leben lässt mit Humor, sei auch im Schimpfen stets ein Augenzwinkern dienlich. «Ein kreativer und lustiger Fluch trägt mehr zur Entspannung einer Situation bei als ein verbaler Totschläger», sagt Roland Ris. Wahre Meister dieses Fachs sind die Bayern. Eine Kostprobe liefert der «Original Bay­erische Schimpf­­sack»: «Himmi Herrschaftseitn, Kreiz Birnbam und Hollastaudn, Zefix Halleluja, Sackl Zement noamoi, Sauteifi misrabliger, Rame gscherta, jafreili, jez glangts aba sche langsam, du Rindviech, du karierts! Host mi?*» Oder um es im Sin­ne des Engels Aloisius zu sagen, des legendären Münchners im Himmel: Wenn er auch hun­dertmal sein «Luja» unhimmlisch hinaus­brüllt, wirklich böse kann ihm deswegen keiner sein, auch der liebe Gott nicht.

* Dt.: «Himmel Herrgott zur Seite, Kreuz Birnbaum und Holunderstrauch, Kruzifix Halleluja, Zementsack noch einmal, Sauteufel, erbärmlicher, geschorener Rammler, ja selbstverständlich, jetzt genügt es aber bald, du Rindvieh, du kariertes! Verstehst du mich?»

Veröffentlicht am August 14, 2015