Die Bundesversammlung hat in der Juni-Session die neuen Regeln für das gemeinsame Sorgerecht beschlossen. Die Bestimmungen treten - sofern kein Referendum ergriffen wird - frühestens am 1. Januar 2014 in Kraft.

Grundsätzlich gilt das gemeinsame Sorgerecht

Neu unterstehen minderjährige Kinder grundsätzlich der gemeinsamen elterlichen Sorge von Mutter und Vater.

  • Verheiratete Eltern erhalten das gemeinsame Sorgerecht weiterhin automatisch bei der Geburt.

  • Nicht verheiratete Eltern können zusammen mit der Anerkennung auf dem Zivilstandsamt die gemeinsame elterliche Sorge erklären. Nur in Ausnahmefällen, wenn das gemeinsame Sorgerecht dem Wohl des Kindes schaden würde, bleibt es beim alleinigen Sorgerecht.

  • Geschiedene Eltern ohne elterliche Sorge können beim Gericht innert eines Jahres seit dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes die gemeinsame elterliche Sorge beantragen. Das gilt aber nur, wenn die Scheidung nicht länger als fünf Jahre zurückliegt.


Das geltende Recht missachte die Gleichstellung von Mann und Frau, wie das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement schreibt. Bei einer Scheidung wird die elterliche Sorge heute in der Regel einem Elternteil allein zugewiesen. Sind die Mutter und der Vater nicht miteinander verheiratet, steht gemäss geltendem Recht die elterliche Sorge allein der Mutter zu. Eine gemeinsame elterliche Sorge ist heute nur möglich, wenn die nicht miteinander verheirateten oder die geschiedenen Eltern einen gemeinsamen Antrag stellen und sich betreffend Unterhalt und Betreuung des Kindes einigen können.

Künftig erhalten nach einer Scheidung beide Elternteile die elterliche Sorge. Das Gericht muss sich bei einer Scheidung aber vergewissern, dass die Voraussetzungen für die gemeinsame elterliche Sorge gegeben sind. Ob die elterliche Sorge zum Wohl des Kindes einem Elternteil allein zugeteilt werden soll, entscheidet bei einer Scheidung das Gericht und bei einem ausserehelich geborenen Kind die Kindesschutzbehörde. Mögliche Gründe für den Entzug der elterlichen Sorge sind Unerfahrenheit, Krankheit, Gebrechen, Gewalttätigkeit oder Ortsabwesenheit.

Wenn sich die Eltern nicht verständigen können, wird es auch in Zukunft nicht «automatisch» zur gemeinsamen elterlichen Sorge kommen. In diesen Fällen kann sich ein Elternteil an die Kinderschutzbehörde wenden. Diese wird die gemeinsame elterliche Sorge verfügen, ausser wenn dies nicht den Interessen des Kindes entspricht.

Was «gemeinsame elterliche Sorge» bedeutet

Gemeinsame elterliche Sorge bedeutet, dass die Eltern alles, was das Kind betrifft, grundsätzlich gemeinsam regeln. Dieser Grundsatz soll aber nicht von einem Elternteil dazu missbraucht werden, dem anderen Elternteil das Leben schwer zu machen. Deshalb darf der Elternteil, der das Kind betreut, Entscheide über alltägliche oder dringliche Angelegenheiten allein treffen. Zu denken ist dabei an Fragen der Ernährung, der Bekleidung und Freizeitgestaltung.

Die Revision regelt zudem die Bestimmung des Aufenthaltsortes. Will ein Elternteil mit dem Kind wegziehen, erfordert dies grundsätzlich die Zustimmung des andern Elternteils. Eine Zustimmung erübrigt sich, wenn der Wechsel des Aufenthaltsortes innerhalb der Schweiz erfolgt und keine erheblichen Auswirkungen auf die Wahrnehmung der elterlichen Sorge hat. Dies ist etwa dann der Fall, wenn der Reiseweg nach dem Umzug nicht länger oder sogar kürzer wird. Können sich die Eltern nicht einigen, entscheidet das Gericht oder die Kindesschutzbehörde über den Aufenthaltsort.

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Die Vereitelung des Besuchsrechts durch die obhutsberechtigte Person wird weiterhin nicht ausdrücklich unter Strafe gestellt. Unter der Bestrafung eines Elternteils hätte möglicherweise auch das Kind zu leiden. Ferner haben die Gerichte und die Kindesschutzbehörde die Möglichkeit, den Eltern eine Busse anzudrohen, wenn sie sich nicht an Abmachungen bezüglich des Besuchsrechts halten.

Unterhaltsrecht wird auch neu geregelt

Die elterliche Verantwortung umfasst das Recht und die Pflicht, für das Kind zu sorgen sowie gemeinsam für dessen Unterhalt aufzukommen. In Bezug auf den zweiten Aspekt ist das geltende Recht gemäss EJPD lückenhaft und veraltet. Dies gelte namentlich mit Blick auf die ledige Mutter, deren Unterhalt - anders als im Fall der geschiedenen Frau - nicht gesichert ist, worunter indirekt auch das Kind leidet.

Reicht das Einkommen nicht für zwei Haushalte, ist nach geltendem Recht einseitig der betreuende Elternteil vom finanziellen Manko betroffen. Er ist auf Sozialhilfeleistungen angewiesen, die er zurückerstatten muss, wenn er später wieder zu Vermögen kommt. Das Bundesgericht hat diese Regelung als unbefriedigend bezeichnet und eine Korrektur gefordert.

Der Bundesrat hat deshalb am 8. Mai 2013 das EJPD beauftragt, eine Botschaft auszuarbeiten. Das Unterhaltsrecht soll wie die elterliche Sorge so geregelt werden, dass sich für das Kind keine Nachteile aus dem Zivilstand der Eltern ergeben.