Seit anfangs 2017 gelten neue Bestimmungen zum Kindesunterhalt. Seither besteht der Kindesunterhalt aus dem Naturalunterhalt, dem Barunterhalt und neu dem sogenannten Betreuungsunterhalt des Kindes Konkubinat Was ändert sich mit dem Betreuungsunterhalt? .

Der (schon bisher geschuldete) Naturalunterhalt wird erbracht vom betreuenden Elternteil, indem er sich im Alltag um das Kind kümmert, es betreut und erzieht. Der nicht betreuende Elternteil schuldet demgegenüber grundsätzlich den sogenannten (schon bisher geschuldeten) Bar- und (nun neu geschuldeten) Betreuungsunterhalt für das Kind.

Der Barunterhalt des Kindes umfasst die Kosten für seine Ernährung, Bekleidung, Unterkunft, Krankenkasse, Ausbildung, Handy-Abo, ÖV sowie Fremdbetreuung. Betreuungsunterhalt kommt neu dazu, wenn ein Elternteil wegen der Kinderbetreuung nicht so viel arbeiten kann, dass er genügend verdient, um seine Lebenshaltungskosten finanzieren zu können. Er umfasst also grundsätzlich das Manko des Betreuenden.

So wird der Betreuungsunterhalt berechnet

Wie der neu geschuldete Betreuungsunterhalt genau auszurechnen ist, ist gesetzlich nicht bestimmt worden. Zwischenzeitlich gibt es aber zwei wichtige Bundesgerichtsentscheide.

Nach dem ersten Bundesgerichtsentscheid vom 17. Mai 2018 (BGE 5A_454/2018) ist für die Berechnung des Betreuungsunterhalts vom familienrechtlichen Existenzminimum Existenzminimum Was muss zum Leben reichen? des betreuenden Elternteils auszugehen. Dieses liegt je nach Kanton und Region zwischen 2600 und 3500 Franken. Es besteht grundsätzlich aus einem Grundbetrag für die alltäglichen Ausgaben von etwa 1350 Franken. Dazu kommen die Kosten fürs Wohnen, Hausrat- und Haftpflichtversicherung, Krankenkasse, Telefon und Internet sowie Berufsauslagen und Steuern. Kann der betreuende Elternteil dieses familienrechtliche Existenzminimum nicht mit seinem eigenen Einkommen decken, ist im Umfang des Fehlbetrages Betreuungsunterhalt geschuldet (sogenannte Lebenskostenmethode).

Wie viel muss denn nun aber der betreuende Elternteil berufstätig sein? Zu dieser Frage hat sich das Bundesgericht in einem Entscheid vom 21. September 2018 (BGE 5A_384/2018) geäussert. Darin spricht es sich für das sogenannte Schulstufenmodell aus. Für einen bisher nicht berufstätigen, also hauptbetreuenden Elternteil bedeutet das Modell im Trennungs- oder Scheidungsfall Folgendes: Er muss ab der obligatorischen Einschulung des jüngsten Kindes (je nach Kanton ab Kindergarten oder Primarschule mit ungefähr sechs Jahren) grundsätzlich zu 50 Prozent einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Ab Eintritt in die Sekundarstufe (mit etwa zwölf Jahren) muss er 80 Prozent und ab vollendetem 16. Lebensjahr 100 Prozent arbeiten gehen. Von dieser Richtlinie kann gemäss Bundesgericht im Einzelfall aus zureichenden Gründen Unterhalt «Man kann die Nachteile nicht nur auf die Frau abwälzen» abgewichen werden.

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Fallbeispiele «Berechnung des Kindesunterhalts» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Unter dem Fallbeispiel «Berechnung des Kindesunterhalts» finden Mitglieder von Guider weitere Rechenbeispiele zu drei unterschiedlichen Situationen von unverheirateten Eltern.

7 Empfehlungen für die Berechnung des Kindesunterhalts

Um die Kinderalimente gütlich und ohne allzu grosse Rechnerei miteinander zu vereinbaren, gehen Sie unter Berücksichtigung der neusten Bundesgerichtsentscheide am besten wie folgt vor.

1. Berechnen Sie das familienrechtliche Existenzminimum des Betreuenden
Es besteht grundsätzlich aus einem Grundbetrag für die alltäglichen Ausgaben von etwa 1350 Franken, den angemessenen, ortsüblichen Wohnkosten, den Kosten für Hausrat- und Haftpflichtversicherung, Krankenkasse (Grundversicherung), Telefon und Internet sowie den allfälligen Berufsauslagen (auswärtige Verpflegung und ÖV) und Steuern. Sie werden auf einen Betrag zwischen 2600 und 3500 Franken kommen – je nach Wohnkanton und Lebensverhältnissen.
 

2. Ziehen Sie vom familienrechtlichen Existenzminimum des Betreuenden dessen Einkommen ab (=Lebenskostenmethode)
Sind die monatlichen Ausgaben höher als das Einkommen, dann resultiert aus dem Differenzbetrag grundsätzlich der geschuldete Betrag für den Betreuungsunterhalt des Kindes. Verdient der betreuende Elternteil gut bis sehr gut, erscheint es angemessen, nur einen Teil seines Einkommens zu berücksichtigen respektive ihm einen Teil seines Einkommens für sich zu belassen. Andernfalls würden gutverdienende Betreuende nämlich trotz Doppelbelastung nie Betreuungsunterhalt erhalten, was unfair erschiene, weil das Existenzminimum somit gedeckt würde. Sie würden dann besser fahren, das Kind fremdbetreuen zu lassen, da diesfalls die entsprechenden Kosten beim Barunterhaltsbeitrag berücksichtigt wären.
 

3. Ab Schuleintritt ist Teilzeitarbeit zumutbar
Der betreuende Elternteil muss keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, bis das jüngste Kind in die obligatorische Schule eintritt, was je nach Kanton mit vier oder sechs Jahren der Fall ist. Anders sieht es aus, wenn die betreuende Person schon vorher berufstätig ist. Sobald das jüngste Kind in die Schule kommt, ist dem betreuenden Elternteil grundsätzlich eine Teilzeitarbeit von 50 Prozent zumutbar Als Mutter Teilzeit arbeiten Ein Ehemann ist keine Altersvorsorge ; ab Eintritt des jüngsten Kindes in die Sekundarschule sind 80 Prozent zumutbar und ab dem 16. Geburtstag des Kindes ein Vollzeitpensum. Im Einzelfall, beispielsweise bei Invalidität eines Kindes, aber auch wegen der Gesundheit des Betreuenden oder der Arbeitsmarktsituation, sind Abweichungen von dieser Richtlinie möglich.

Facebook-Live: Arbeitsaufnahme betreuender Elternteil

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Was kann dem betreuenden Elternteil bezüglich Erwerbsaufnahme zugemutet werden je nach Alter des Kindes zugemutet werden?

4. Bei mehreren Kindern: Teilen Sie den Betreuungsunterhalt dem Jüngsten zu
Eine Aufteilung auf mehrere Kinder ist kompliziert, weil ältere weniger Betreuung brauchen.
 

5. Stützen Sie sich beim Barunterhalt auf die Zürcher Kinderkostentabelle
Allenfalls passen Sie die Zahlen (siehe «Zürcher Kinderkostentabelle» unten) an die tieferen Lebenshaltungskosten in Ihrem Wohnkanton an. So schlägt etwa der Aargau vor, die in der Zürcher Tabelle genannten Wohnkosten um 20 bis 30  Prozent zu kürzen, die übrigen Positionen um 10 bis 25 Prozent.
 

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6. Teilen Sie den Barunterhalt im Verhältnis zur Leistungsfähigkeit auf
Wenn der betreuende Elternteil mit seinem Einkommen seinen Lebensbedarf nicht oder nur knapp decken kann, muss er sich nicht an den Barunterhaltskosten beteiligen Kinderunterhalt Wie viel zahle ich im Minimum? . Ansonsten gilt: Teilen Sie sie proportional zur Finanzkraft auf. Berücksichtigen Sie dabei auch die Betreuungszeit am Abend und an den Wochenenden. Wer dann mehr Betreuungsarbeit übernimmt, sollte weniger zahlen müssen.
 

7. Machen Sie den Fairness-Check
Prüfen Sie, ob die Lösung insgesamt fair ist und ob der unterhaltspflichtige Elternteil den berechneten Kindesunterhalt finanziell tragen kann. Das Existenzminimum muss ihm auf jeden Fall belassen werden. Wenn Sie keinen ausreichenden Kindesunterhalt festlegen können, halten Sie die Differenz im Vertrag fest. Falls sich die finanzielle Situation des Pflichtigen verbessert, muss er die ausstehenden Alimente der letzten fünf Jahre nachzahlen.

Zürcher Kinderkostentabelle

Weitere Informationen finden Sie in der Zürcher Kinderkostentabelle mit statistischen Vergleichswerten zur Berechnung des Kindesunterhalts.

Kindesunterhalt – ein kleines Rechenbeispiel

Urszula und Patrick leben im Kanton Zürich. Sie sind unverheiratet und haben einen dreijährigen Sohn. Nun wollen sie sich trennen. Urszula ist Ausländerin, spricht kaum Deutsch und war bisher nicht berufstätig. Patrick verdient 8000 Franken im Monat.

Für den Barunterhalt kommen sie gemäss Zürcher Kinderkostentabelle (Empfehlung 5) auf 1235 Franken. Davon wird die Kinderzulage abgezogen.

Beim Betreuungsunterhalt berechnen sie das familienrechtliche Existenzminimum von Urszula (Empfehlung 1). Sie rechnen mit folgenden Zahlen: Grundbetrag: 1350 Franken, Miete: 1200 Franken, Hausrat- und Haftpflichtversicherung: 50 Franken, Krankenkasse: 350 Franken, Telefon und Internet: 80 Franken, Steuern: 100 Franken. So kommen sie auf 3130 Franken.

Weil Urszula 100 Prozent betreut, zahlt Patrick den ganzen Betrag (Empfehlung 2). Total zahlt er monatlich somit 4165 Franken Unterhalt. Zusätzlich überweist er die Kinderzulage von 200 Franken. Bei einem Einkommen von 8000 Franken ist ihm das möglich – sein eigener Lebensbedarf ist gedeckt (Empfehlung 7).

Sobald der Sohn in die Primarschule kommt, erachten Urszula und Peter ein Arbeitspensum von 50 Prozent für sie als zumutbar (Empfehlung 3). Bis dahin hat sie noch Zeit, ihr Deutsch zu verbessern und einen Job zu suchen. Dann rechnen sie mit einem Einkommen von Urszula von 1600 Franken, weshalb sich der Betreuungsunterhalt auf 1530 Franken reduziert (Empfehlung 2). Der Barunterhaltsbeitrag steigt für einen Siebenjährigen dann gemäss Zürcher Kinderkostentabelle auf 1485 Franken. Dazu kommen 300 Franken Fremdbetreuungskosten wegen der Berufstätigkeit von Urszula. Da Urszula die Hauptbetreuende ist und mit einem 50-Prozent-Pensum ihren Lebensunterhalt nicht selber wird decken können, muss sie sich nicht an den Barunterhaltskosten beteiligen (Empfehlung 6).

Sobald der Sohn in die Primarschule geht, muss ihm Patrick also noch 3115 Franken Unterhalt pro Monat zuzüglich die Kinderzulage von 200 Franken bezahlen. Auch das ist angesichts seines Einkommens ein fairer Betrag (Empfehlung 7).

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