Familie Schulz, Bern: «Am Anfang waren wir praktisch pleite»

Selbst eine Mittelstandsfamilie wie die von Christine und Jürgen Schulz kommt nur knapp über die Runden. Ohne Grosi-Krippe ginge es nicht.

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Mit glänzenden Augen stellt Jürgen Schulz seiner Frau Christine «eine Überraschung» in Aussicht. In der Vierzimmerwohnung im Berner KirchenfeldQuartier türmt sich Spielzeug, im Arbeitszimmer steht der voll behängte Wäscheständer.

Für diesen Vormittag haben die Eltern Grossvater Dieter engagiert, der die anderthalbjährigen Zwillinge Meret und Timo im Auge behalten wird. Denn die aufgeweckten Kinder machen ein ruhiges Gespräch praktisch unmöglich. «Ein Baby ginge ja noch», sagt Vater Schulz, «aber zwei aufs Mal machen alles viel, viel schwieriger.» Schläft eines, beginnt das andere zu schreien, und umgekehrt; man sei nonstop gefordert. Rasch werde man gereizt, die Beziehung leide darunter.

Er und seine Frau, beide berufstätig, hätten «schon manche Krise durchstehen müssen», sagt Schulz. Deshalb nun die Überraschung: Künftig kommt alle zwei Wochen eine Kinderbetreuerin vorbei, damit das Paar einmal in aller Ruhe zusammen ausgehen kann.

Und das in der reichen Schweiz

Zeit ist immer Mangelware im Haushalt Schulz. Vater Jürgen, 37, ist selbstständiger PRBerater, Mutter Christine, 35, hat eine 70ProzentStelle bei einem Unternehmensverband für Nachhaltigkeit. Zusammen bringen sie es auf rund 9'000 Franken im Monat. Arbeitsort ist Zürich, mehrmals pro Woche pendeln sie mit dem Zug.

All dies macht eine lückenlose Planung nötig: Montag und Dienstag sind die Kleinen in der Krippe, Mittwoch ist Muttertag, Donnerstag Vatertag, der Freitag wird halbiert. Am Mittwochabend hat Christine frei, am Freitagabend Jürgen. Wenn es eng wird, springen die Grosseltern ein – ohne deren Hilfe würden es die jungen Eltern nicht schaffen.

«Wer Kinder hat, bringt der Allgemeinheit viel, wird dafür aber bestraft», bedauert Christine Schulz. Ihr Mann doppelt nach: «Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt – und will sich keine intelligente Familienpolitik leisten können. Da fragt man sich schon, wie die Prioritäten gesetzt werden.»

Nach der Geburt der Zwillinge machte Christine vier Monate Mutterschaftsurlaub, Jürgen legte eine unbezahlte Pause von fünf Monaten ein. Sie fanden eine private Krippe, die öffentliche hatte keinen Platz. Kosten: 860 Franken im Monat für einen Wochentag. Heute bezahlen sie in der städtischen, subventionierten Krippe etwa gleich viel, jedoch für zwei Tage pro Woche. Christine Schulz erhält von ihrem Arbeitgeber 170 Franken Zulage je Kind. «In der Anfangszeit waren wir praktisch pleite», sagt Jürgen Schulz, «jetzt kommen wir grad so durch.»



Familie Gadient, Tiefencastel: «Die Not dahinter will man nicht sehen»

Ein Büezerlohn und drei Kinder: Monika und Johann Gadient überlegen vor jeder Autofahrt, ob das Geld fürs Benzin reicht.

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Hoch oben im Albulatal bei Tiefencastel thront das 90-Seelen-Dörfchen Mon. Eine schmucke Kirche, Bauernhäuser, Fernsicht – Postkartenschweiz. Doch hinter der Idylle herrscht «versteckte Armut», wie Monika Gadient, 38, seufzt.

Die dreifache Mutter und ihr Ehemann Johann, 43, tragen zum Zmittag Spaghetti Bolognese auf, die Zutaten sind ausschliesslich MBudgetProdukte. Zum Trinken muss «unser feines Leitungswasser» genügen.

«Meine Gedanken kreisen immer ums Geld», sagt Monika Gadient. «Vor jeder Autofahrt überlege ich, ob wir uns das Benzin leisten können.» 1987 heiratet das Paar, dann kommt Sohn Roman auf die Welt, ein Jahr später Tochter Martina. Johann Gadient, gelernter Maler, findet eine Stelle als Nachtwächter. Seine Frau, die ihre Lehre als Krankenpflegerin wegen eines Rückenleidens abbrach, arbeitet gelegentlich als Putzfrau.

1997 wird Nachzügler Patrick geboren. Bei Johann Gadient tauchen gesundheitliche Probleme auf. «Der Arzt sagte, ich dürfe nicht mehr als Nachtwächter arbeiten.» Er findet eine Stelle als Logistiker bei der Rhätischen Bahn, ist für den Unterhalt von Bahnhöfen und für Rangierarbeiten zuständig.
Der Lohn ist mit 4700 Franken netto tiefer als zuvor. Kommt hinzu, dass die Familie gerade erst ihr Einfamilienhaus bezogen hat, für das monatlich 1300 Franken Zins anfallen. Trotzdem: Mit der Stelle bei der Bahn ist Gadient sehr zufrieden, die Arbeitsbedingungen sind gut.Das finanzielle Loch soll Mutter Gadient stopfen, die ihr Arbeitspensum ausbaut. Doch die Doppelbelastung von Haushalt und Job geht nicht lange gut: Ende 2001 erleidet Monika Gadient eine Erschöpfungsdepression, die Weihnachtstage verbringt sie in einer Klinik. «Ich hatte ein schlechtes Gewissen», erinnert sie sich, «dass ich meine Familie an Weihnachten im Stich lasse.» Nun hilft nur noch eins: der Gang aufs Sozialamt. Die hängigen Rechnungen werden bezahlt, eine Hauspflege wird organisiert, das Budget detailliert aufgestellt.

Von vielen für geizig gehalten

Seither herrscht bei Gadients der Rotstift: Martina, 17, macht eine Lehre, verdient 600 Franken im Monat, wovon sie 150 zu Hause abgibt. Roman, 18, hat eine Anlehre als Gärtner absolviert und arbeitet im Stundenlohn zu knapp 18 Franken; zu Hause zahlt er 500 Franken im Monat. Vater Gadient macht Malerarbeiten und dient in der Feuerwehr als Offizier, was einen kleinen Zustupf bringt. Doch wenn man nach der Übung in die Beiz geht, verschwindet er meist nach Hause: «Ich kann ja nicht Runden zahlen wie die anderen.» Kino, Ausflüge, Ferien – dafür reicht das Geld nicht.

Von vielen werde das als Geiz missverstanden. Man sehe nur das Haus, das Auto, die Fassade, «aber die Not dahinter will man nicht sehen», meint Monika Gadient. Was würde helfen? Johann Gadient überlegt einen Moment und meint dann resolut: «Man müsste die Lohngerechtigkeit verbessern. Damit der einfache Büezer nicht so hart untendurch muss.»



Nadia Locher (Name geändert), alleinerziehend: «Weil er nicht zahlt, bin ich ein Sozialfall»

Allein erziehende Mütter sind häufig von Familienarmut betroffen. Ende Monat bleibt da gar nichts.

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Den Sommer 2003 wird Nadia Locher (alle Namen geändert) nie mehr vergessen. Die heute 31-Jährige flüchtet wegen ihres Mannes John ins Frauenhaus, die Vormundschaft ordnet Kindesschutzmassnahmen an. Geplant ist, dass John, der bei der Kehrichtabfuhr arbeitet, eine eigene Wohnung bezieht und die Kinder Lucia, 7, und Andy, 3, regelmässig besucht. Doch statt sich an die Abmachung zu halten, packt er die Koffer und steigt ins erstbeste Flugzeug nach Amerika.

Seither kämpft Nadia Locher um ihre Alimente – «mit wenig Aussicht auf Erfolg», wie sie sagt. An den Wänden ihrer Küche hängen Kinderbilder, die Altbauwohnung ist mit Secondhandmöbeln bestückt. Locher muss mit 3'000 Franken im Monat haushalten – so viel wird ihr als Existenzminimum zugesprochen. Die Wohnung kostet 1'230 Franken, ihre Halbtagsstelle im Telefonmarketing bringt ihr rund 2'000 Franken ein. Für Krippe, Hort und Krankenkasse kommt das Sozialamt auf. Denn: Weil der Ehemann im Ausland ist und einen Tag vor dem Gerichtstermin seine Stelle kündigte, kommt für die Gemeinde eine Alimentenbevorschussung nicht in Frage. Dabei, so ergibt eine provisorische Festlegung, hätte Locher Anrecht auf 1'600 Franken im Monat. «Es ist einfach nicht gerecht, dass er keinen Rappen bezahlt und ich deshalb zum Sozialfall geworden bin», sagt sie.

Am Ende jedes Monats bleibt ihr «gar nichts». Obwohl sie spart, wo es nur geht. So kauft sie fast nur Lebensmittel, die gerade im Sonderangebot sind. Statt in den Ferien wegzufahren, hat sie diesen Sommer mit den Kindern im Schlafsack am Bodensee übernachtet: «Es war schön, einfach ohne Geld.»

In ihrem Wohnhaus hat Locher andere Familien kennen gelernt, die ihr helfen. Aber: Was tut sie während der Schulferien, wenn Krippe und Hort schliessen? «Eine Alleinerziehende muss ein Organisationsgenie sein und braucht ein positives Umfeld», erklärt sie.

Jeder Franken ist wertvoll

Doch die Realität sieht oft anders aus. Alleinerziehende werden «von der Gesellschaft abgestempelt», sagt Locher. In der Schule heisst es, sie seien mit der Erziehung überfordert. Und viele Arbeitgeber winken ab, wenn man sagt, es seien Kinder zu versorgen. «Die sind halt ab und zu krank, dann muss die Mama daheim bleiben.»

Auch vom Sozialamt ist sie enttäuscht. Statt ihr zu helfen, Perspektiven zu entwickeln, presse man sie in ihre Sozialfall-Rolle. Als sie eine Ausbildung anfangen wollte, hiess es: Njet! Und obwohl sie beruflich aufs Auto angewiesen ist, will das Amt davon nichts wissen. «Als Sozialfall gehöre ich zum untersten Rand der Gesellschaft», sagt Locher. Und mag doch nicht klagen: «Ich weiss, dass irgendwann wieder ein Türchen aufgeht.»

Von ihrem Arbeitgeber, einem Verlagshaus, erhält sie pro Kind 195 Franken Zulage. Dieses Geld unterstütze sie enorm in ihrer Selbstständigkeit, jeder Franken sei wertvoll. «Mit diesem Geld kann eine Alleinerziehende eine Woche lang Essen einkaufen – mindestens.»

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