Gemeindeschreiber Peter Imhof aus Wetzikon wäre in der ersten Pause am liebsten gegangen: «Ich habe einen tollen, abwechslungsreichen Beruf. Eigentlich will ich mich noch gar nicht mit der Pensionierung auseinandersetzen.» Doch je länger der energiegeladene 63-Jährige bleibt, desto mehr fesseln ihn die Themen, die er bisher lieber verdrängte. Imhof ahnt, dass er mit der Pensionierung einen grossen Teil seines Beziehungsnetzes verlieren wird: «Dann breche ich in den geordneten Tagesablauf meiner Partnerin ein.» Seine Frau Karin, 62, nickt zustimmend, einige Seminarteilnehmerinnen schmunzeln. Zuvor wurde ein Ausschnitt aus Loriots Komödie «Pappa ante portas» gezeigt, in der ein frisch pensionierter Direktor den Haushalt mit modernen Managementmethoden «auf Vordermann» bringt und seine Frau an den Rand des Wahnsinns.

Das Kompetenzzentrum Altersvorbereitung von Pro Senectute führt im Jahr rund 30 öffentliche Seminare zur Vorbereitung auf die Pensionierung durch. Dazu kommen über 100 Veranstaltungen für einzelne Unternehmen und Verwaltungen.

«Mein Hobbyraum ist eingerichtet»
Die 16-köpfige Seminargruppe in einem Bieler Hotel ist bunt zusammengewürfelt: Ehepaare, ein Konkubinatspaar, Alleinstehende. Handwerker, Hausfrauen, Akademiker, Angestellte. Gleich zu Beginn hat Seminarleiter Christoph Walther klargemacht: «Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg zu altern.» Unterschiedlich ist nur schon die jeweilige Ausgangslage der angehenden Pensionäre: Die einen sind müde vom zunehmenden Arbeitsdruck und Stress, andere halten bereits Ausschau nach einer verantwortungsvollen ehrenamtlichen Tätigkeit.

Während Einzelne sich die Zukunft möglichst anschaulich ausmalen und konkrete Schritte planen, wollen andere zuerst einmal Abstand vom Erwerbsleben nehmen und alles Weitere auf sich zukommen lassen. Dass ohnehin nicht alles planbar ist, hat einer der Teilnehmer schmerzlich erfahren: «Ich habe mit meiner Frau viel über den kommenden Lebensabschnitt gesprochen. Gemeinsam haben wir Pläne geschmiedet.» Vor einem Jahr ist seine Frau nach kurzer Krankheit gestorben. Nun muss er diesen Weg allein gehen.

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Christoph Walther empfiehlt einen Seminarbesuch zwei bis fünf Jahre vor der Pensionierung: «Dann fragen sich nämlich die Menschen: Beziehe ich mein Selbstwertgefühl ausschliesslich aus der Arbeit oder auch aus anderen Lebensbereichen? Wie gestalte ich mein Beziehungsumfeld nach dem Rückzug aus dem Berufsleben? Was sind für mich sinngebende Aufgaben?» Walther empfiehlt, den Kurs gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin zu besuchen, da die Lebensgestaltung im Rentenalter ja beide betreffe.

Er nennt auch einige Erfolgsfaktoren für einen unbeschwerten Lebensabend:

  • Wichtig ist ein guter Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Deshalb sollte man in der Schlussphase sowohl äusserlich wie innerlich gründlich aufräumen. Wer «Altlasten» hinterlässt oder sogar in den Ruhestand mitnimmt, bindet viel Energie.
  • Günstige Voraussetzungen haben Menschen mit einer positiven Grundhaltung.
  • Wer davon überzeugt ist, weitgehend selber für sein Glück verantwortlich zu sein, hat gute Chancen, bis ins hohe Alter aktiv und selbständig zu bleiben.
  • Entscheidend sind zudem ein tragfähiges Beziehungsnetz, breit gefächerte Interessen und finanzielle Sicherheit.
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Geschickt verknüpft der Seminarleiter seine Theoriehäppchen mit dem Alltag: «Wie soll Ihr Abschied vom Arbeitsplatz konkret ablaufen?» Einer freut sich darauf, die letzten Akten zu schreddern. Ein anderer will sich still und leise davonschleichen. «Ich habe wenig Einfluss auf die Gestaltung meines Abgangs», wirft jemand ein. «In meinem Betrieb ist das alles im Qualitäts-Management-Handbuch geregelt.»

Ganz ohne ein solches Handbuch müssen die frisch Pensionierten dann hingegen ihren Alltag gestalten: Immer tun müssen, was man selber will mit so viel Freiheit muss man erst mal klarkommen. «Mein Hobbyraum ist eingerichtet. Für die ersten paar Jahre habe ich genug Arbeit», sagt ein Handwerker, der das letzte Jahrzehnt in einem Büro gearbeitet hat. Eine alleinstehende Buchhalterin möchte sich nach der Pensionierung sozial engagieren: «Ich werde wieder einen Hund anschaffen und mit ihm die Ausbildung zum Therapiehund machen.» Sie finde es wichtig, auch nach der Pensionierung einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.

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Vom Arbeiter bis zum Direktor
Genau umgekehrt sieht es Pflegefachfrau Verena El-Jdrissi, 61: Sie hat sich ein Berufsleben lang im Sozial und Gesundheitsbereich bewegt und für das Wohl anderer gesorgt: «Nun möchte ich einiges von dem tun, was bisher zu kurz gekommen ist zum Beispiel selber kochen.» Auch drängen alte Lebensträume an die Oberfläche: «In meiner Jugend wollte ich Bergführerin und Skilehrerin werden. Und ich hatte handwerkliche Talente.» Daran möchte sie nun wieder anknüpfen.

Obwohl mehr Männer der betroffenen Altersgruppe berufstätig sind, ist das Geschlechterverhältnis in den Vorbereitungsseminaren ausgewogen. «Oft geben Frauen den Anstoss für den Seminarbesuch», sagt Susanne Müller, Leiterin des Kompetenzzentrums. Sie findet es erfreulich, dass die Teilnehmer aus allen Hierarchiestufen stammen: «Direktoren müssen sich mit ähnlichen Veränderungen ihres Lebensalltags auseinandersetzen wie Lagerarbeiter und Sekretärinnen.» Die Mischung in den Seminaren sei bereichernd, Vorkenntnisse brauche es keine, «Neugier und Experimentierfreude» hingegen schon.

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Auf grosses Interesse stossen in der Bieler Gruppe die Referate eines Finanzfachmanns und eines Notars. «Das war alles sehr interessant, aber doch ziemlich kompliziert», meint ein Seminarbesucher in der Pause. Immerhin ist ihm klargeworden, «dass ich für die Finanzplanung und für Ehe oder Erbschaftsverträge professionelle Unterstützung brauche.»

«Viel Spielraum»
Schliesslich geht es um die Veränderungen der Beziehungsnetze. «Jetzt habe ich täglich mit unterschiedlichen, interessanten Menschen zu tun das wird mit der Pension wegfallen», stellt Gemeindeschreiber Peter Imhof nüchtern fest. «Viele private Beziehungen liefen bisher über meine Frau. Ich kenne kaum die Nachbarn im Haus. Da habe ich grossen Nachholbedarf.» Auch die alleinlebende Verena El-Jdrissi will ausserhalb des bisherigen beruflichen Umfelds ihr Beziehungsnetz erweitern: «So sehr ich das Alleinsein schätze, es birgt die Gefahr, sich zu sehr zu isolieren.»

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Zu solcher Selbstreflexion ermutigt Seminarleiter Christoph Walther immer wieder. «Die altersbedingten Einschränkungen kommen von selbst auf der Gewinnseite Ihrer Pensionierungsbilanz haben Sie dagegen viel Spielraum.» Am Ende des Kurses scheint es den meisten Teilnehmenden Freude zu machen, die kommenden Herausforderungen anzupacken. «Wir sollten uns ein Jahr nach der Pensionierung wieder treffen», schlägt jemand vor.

Expertin Susanne Müller zeigt sich erfreut, dass immer mehr Personalverantwortliche angehende Pensionäre zum Kursbesuch ermuntern und die Kosten übernehmen: «Das bringt mindestens so viel wie eine goldene Uhr zum Abschied!»

Der Kurs, der auf Kurs bringt

Das Kompetenzzentrum Altersvorbereitung von Pro Senectute führt in der ganzen Schweiz regelmässig zweieinhalbtägige Seminare durch. In offenen Gesprächen geben erfahrene Kursleiterinnen und leiter Anregungen und vermitteln Informationen. Für einzelne Referate und Diskussionen kommen Fachleute für Finanzplanung, Ehe und Erbschaftsrecht sowie Gesundheitsfragen zum Einsatz. Zum Kurspaket gehört auch eine ausführliche Dokumentation. www.pensionierungskurse.ch

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