Viele ABB-Obligationäre fühlen sich momentan nicht ganz wohl in ihrer Haut. Aufgrund der angespannten finanziellen Lage wurde in den letzten Wochen das Qualitätsrating von ABB gleich zweimal nach unten korrigiert. Die Herabsetzung auf die Stufe Baa2, was nur noch als genügend gilt, hatte Folgen: Eine ABB-Anleihe mit einem Zins von 3,75 Prozent (Laufzeit bis 2009) zum Beispiel wird derzeit nur noch zu einem Kurs von 75 Prozent gehandelt – Anfang 2000 hatte die Anlegerschaft noch fast 100 Prozent bezahlt. Nach all den Negativschlagzeilen fürchteten viele Investoren, das Unternehmen könnte als Nächstes zu einem Fall Swissair werden und die Schulden nicht zurückzahlen. Deshalb verkauften sie ihre ABB-Obligationen. Anleger, die ihre Anleihen noch besitzen, müssen sich gut überlegen, ob sie das Risiko weiterer Verluste eingehen können. Falls nicht, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als jetzt auszusteigen – trotz Verlusten.

Beobachter-Leser Martin Studer zum Beispiel hat seine Obligationen der Firma Ascom kürzlich mit Verlust verkauft. 1999 hatte er eine Ascom-Obligation über seine Hausbank, die Berner Kantonalbank, gezeichnet. Monate später empfahl ihm die Bank, von dieser Obligation hinzuzukaufen, und wies dabei auf die Sicherheit und die überdurchschnittliche Rendite hin. Der Anteil der Ascom-Obligation an den festverzinslichen Wertpapieren im Depot betrug nun fast 40 Prozent. Zu viel, denn den schlechten Aktien- und Wirtschaftsjahren 2000 und 2001 konnte sich auch Ascom nicht entziehen. Die Gewinne sanken, die Verlustrisiken stiegen. Im Januar dieses Jahres folgten eine Herabstufung des Ratings von BB auf B und ein Kursverlust für Martin Studer von knapp 39 Prozent.

Wie die Fälle Swissair, Ascom, «Zürich», ABB, Rentenanstalt in der Schweiz oder der Fall Enron in den USA zeigen, haben die Bonitäts- und Ausfallrisiken bei Obligationen massiv zugenommen. Das Neue daran: Früher musste man vor allem bei Obligationen aus Schwellenländern (etwa Argentinien oder Russland) Angst haben, dass diese nicht zurückgezahlt werden; heute häufen sich die Fälle auch in reichen Ländern. Immer mehr Anleger müssen auch hier um die Rückzahlung ihrer Obligation bangen: Es drohen saftige Kurseinbussen bis zum Totalverlust.

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In besseren Zeiten waren für die Kursschwankungen bei Schweizer Anleihen vor allem die Änderungen des Marktzinssatzes verantwortlich: Fallen die Zinsen, steigen die Kurse und umgekehrt. Nun wirkt sich in zunehmendem Mass auch die nachlassende Schuldnerqualität nachteilig auf die Kursentwicklung und somit auf die Rendite der Obligation aus. Ein Unternehmen, dessen Schuldnerbonität heute noch mit A (Anlage mit hoher Qualität) angegeben wird, kann morgen schon mit B (mittelklassig) bewertet sein und die Obligation somit an Kurswert verlieren.

In einem solchen Fall kann besonders bei länger laufenden Obligationen die Rückzahlung der Anleihe zu 100 Prozent am Ende der Laufzeit in Frage gestellt sein. Die Anlegerschaft erfährt oft erst mit dem nächsten Depotauszug der Bank vom Wertverlust und erschrickt.

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Eigeninitiative ist gefragt
Was können Obligationenbesitzer tun, wenn sie rechtzeitig wissen möchten, wie es um die Qualität ihrer Anlagen steht?

  • Grundsätzlich sollte man sich nicht nur auf die Bank verlassen. Fragen Sie deshalb in Abständen von drei bis sechs Monaten selber bei der Bank nach, ob sich das Rating Ihrer Obligationen verschlechtert hat und ob es aktuell schlechte Nachrichten über die Schuldnerfirmen gibt. Nach genauem Abwägen entscheiden Sie, ob Sie die Obligation behalten oder verkaufen wollen. Denken Sie daran, dass Zahlungsunfähigkeit auch bei kantonalen Obligationen auftreten kann (siehe Leukerbad).

  • Informieren Sie sich auch über Presse, Fernsehen oder Internet. Da sich die Anleger in der Vergangenheit am meisten für Aktien interessiert haben, gibt es im Internet leider noch nicht sehr viele Möglichkeiten, sich selbstständig eingehend über Obligationen zu informieren.

Obligationen besitzen je nach Typ (etwa Staats- oder Unternehmensanleihen) und Herkunft (westliche Länder oder Schwellenländer) unterschiedliche Risiken und somit auch unterschiedliche Renditen. Zum Beispiel sind Renditen von Unternehmensanleihen in der Regel höher als jene von Staatsanleihen. Sie sind aber auch riskanter, da der Staat, zumindest in der westlichen Welt, als sicherer Schuldner gilt. Die Zinsen in der Schweiz, in Deutschland oder den USA belaufen sich bei Neuemissionen im langfristigen Bereich derzeit auf zirka 3 bis 5,5 Prozent.

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Bei Obligationen aus Deutschland winken etwas höhere Zinssätze als hierzulande. Bei solchen Euroanlagen gilt es aber auch, das Währungsrisiko zu beachten. Denn falls der Euro gegenüber dem Franken an Wert verliert, ist der Zinsvorteil schnell dahin. Wie bei Aktien gilt auch bei Obligationen: Je grösser die Rendite, desto höher das Risiko. Festverzinsliche Obligationen aus Schwellenländern bringen meist zweistellige Zinsen, sind aber hoch riskant. Man nennt sie deshalb auch «junk bonds» oder «high yield bonds». «Junk» heisst auf gut Deutsch Ramsch. Die Emittenten solcher Titel weisen oft ein niedriges Rating auf. Kleinanleger sollten von «Ramschanleihen» unbedingt die Finger lassen. Risikobereite Anleger, die auf die Renditechancen solcher Hochzinsanleihen setzen möchten, sollten ihrem Depot höchstens einen Schwellenländer-obligationenfonds hinzufügen.

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Auch für Anleger, die sich nicht auskennen oder keine Zeit haben, sich aus den vielen Firmen- und Regierungsanleihen das Passende auszusuchen oder zu überwachen, bleibt nur der Weg über Obligationenfonds: Professionelle Fondsmanager investieren das Geld der Fondsanleger schweiz-, europa- oder weltweit in attraktive Obligationen. Und die Fondsbesitzer haben Anteil am Anlageerfolg in Form von Ausschüttungen oder Kursgewinnen.

Wie bei Obligationen gibt es auch bei Fonds geringere oder höhere Risikostufen. Bei der derzeitigen Wirtschaftslage sollte man Obligationenfonds mit höchster Qualität bevorzugen (Aaa). Hier ist das Anlegergeld breit auf verschiedene Obligationen gestreut (Diversifikation). So vermindern sich die mit Einzelanlagen verbundenen Ausfall- oder Klumpenrisiken.

Mitarbeit: Christian Kaiser

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