Da heisst es immer, Banker hätten keine Phantasie. Doch wer ihre Welt der strukturierten Produkte betritt, merkt schnell: Sie haben Ideen ­ohne Grenzen – sobald es ums Geldverdienen geht. Das zeigt sich schon bei der Namensgebung. Wer aber bei einem Knock-out-Papier an ein Ticket für einen Boxkampf denkt oder bei einem Barrier Discount an einen Rabatt für eine Reise ins australische Unterwasserparadies Barrier Reef, liegt definitiv falsch.

Trotzdem müssen sich Anleger wie auf Wolke sieben fühlen, wenn ihnen der Bankberater das Blaue vom Himmel verspricht. «Struktis», wie Banker die strukturierten Produkte liebevoll nennen, können einfach alles, heisst es dann. Sie bildeten «flexibel jedes Kundenbedürfnis» ab, er­öffneten «ungeahnten kreativen Raum», um wirklich «jede Marktgegebenheit» mit ­einem «massgeschneiderten» Papier «spielen» zu können. Was angesichts der über 34'000 «Struktis», die derzeit an der Schweizer Derivatebörse Scoach gehandelt werden, gar nicht falsch sein kann. Irgendein Produkt muss ja richtigliegen. Rolf ­Biland, Anlagechef beim VZ VermögensZentrum, bestätigt: «An der Qualität der meisten ­Papiere gibt es nichts auszusetzen: Die ist hoch.»

«Eine Palette komplizierter Produkte»

Trotzdem seien sie kein Wundermittel. Denn sie können nur eins: eine bestimmte Markterwartung exakt abbilden. Für Privatanleger ist genau das aber das Problem. Denn die wenigsten haben eine Vorstellung davon, wie sich die Märkte entwickeln werden. «Genau das wollen sie ja von ihrer Bank wissen und darauf gestützt ihre An­lageentscheide treffen», sagt Biland. «Man sucht Beratung, erhält aber bloss eine Palette komplizierter Produkte vorgesetzt.»

«Ein Fehler», sagt auch Marcel Weigele vom Beobachter-Beratungszentrum. Die Wahl des richtigen Anlageprodukts könne nur der letzte Schritt in einem längeren ­Beratungsprozess sein. Bei strukturierten Produkten laufe es aber meistens um­gekehrt. «Der Berater offeriert, der Kunde muss vertrauen und kauft – womöglich ein Produkt, das er nicht mal richtig versteht.» «Struktis» seien gut für Profis, für das Gros der Privatanleger jedoch die falsche Wahl.

Was viele gern verdrängen: Strukturierte Produkte sind nur so lange sicher, wie die Bank zahlungsfähig ist, die sie herausgibt. Das wissen mittlerweile nicht nur jene Kleinanleger, die in Lehman-Zertifikate ­investiert hatten: Als im Herbst 2008 das Unvorstellbare eintrat und die US-Investmentbank Lehman Brothers pleiteging, waren die Papiere von einem auf den anderen Tag wertlos. Papiere, die angeblich so sicher wie ein Bankbüechli hätten sein sollen. Die Banken rieben sich hinterher unschuldig die Hände und meinten, sie hätten ja auf das Emittentenrisiko hingewiesen – zumindest beiläufig. Die geprellten Anleger schütteln seither nur noch den Kopf, wenn ihnen ihr Anlageberater sagt: «Strukturierte Produkte weisen ein deutlich besseres Risiko-­Rendite-Profil auf als Aktien oder Obligationen.»

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Eine Suppe mit beliebten Zutaten

Der Lehman-Skandal markierte das Ende der Unschuld in der «Strukti»-Welt – in der folgenden Finanzkrise brachen die Umsätze völlig ein. Als die Zeiten wieder ruhiger wurden, begann der Handel wieder zu florieren. Die Umsatzzahlen zeigten steil nach oben. Und diesen März wurden erstmals seit 2008 wieder mehr als fünf Milliarden Franken an der Derivatebörse Scoach umgesetzt. Inzwischen stehen die Zeichen erneut auf Sturm. Und die Umsätze haben sich gegenüber dem Frühling halbiert. Doch einige Anleger meinen bereits, sie könnten wieder einsteigen und mit Krisenpapieren jetzt den grossen Gewinn machen. Handeln sie gescheit?

Rolf Biland vom VZ VermögensZen­trum rät aus grundsätzlichen Überlegungen ab. «Viele strukturierte Produkte sind derart komplex, dass selbst Profis sie nur schwer durchschauen.» Das Problem: In einem einzigen Produkt sind verschiedene Anlagevehikel mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften zusammengepackt. Stark vereinfacht gesagt, sei es wie bei ­einem Kochrezept, das man aus Zutaten zusammenstelle, die man alle gern mag. «Wenn man aber Erdbeeren, Tabasco und Kaffee zusammenmischt, heisst das nicht, dass ­eine so zusammengebraute Suppe tat­sächlich schmeckt.»

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Potentiellen Käufern empfiehlt Biland, den Verkaufsprospekt sehr genau zu ­studieren. «Es kann hilfreich sein, mit ­einem Rechner unterschiedliche Szenarien durchzurechnen, um zu merken, wie sich ein Produkt in unterschiedlichen Markt­situationen verhält.» (Rechner findet man etwa auf der Internetseite payoff.ch.) Das könne ernüchternd sein. Denn «Struktis» ­reagieren nicht nur auf die Veränderung der Basiswerte, sondern etwa auch auf Laufzeit, Volatilität oder Zinsänderungen.

Was sie noch komplizierter macht: Sie können unvermittelt ihre Eigenschaften ­verändern. Zum Beispiel die ­beliebten Knock-out-Produkte: Je näher der Basiswert an die K.-o.-Schwelle rückt, ­desto riskanter werden sie. Das ursprünglich defensive Papier ist plötzlich hoch spekulativ – und passt nicht mehr ins Depot. Die von Banken verwendete Kategorisierung nach Risikoklassen (siehe Tabelle) ist deshalb nur mit Vorsicht zu geniessen. Die jetzt ­rasant wachsende Zahl «ausgeknockter» Papiere bietet bestes Anschauungsmate­rial, wie angeblich defensive Papiere zu Hochrisikoanlagen werden.

Dass Anleger unkritisch gegenüber ­ihrem Bankberater sind, beobachtet Carlo Picecchi von der Winterthurer Vermögens­partner AG oft. Viele seien von Gier getrieben: «Sie lassen sich von den im Vergleich zu Obligationen hohen Coupons blenden und greifen zu. Dabei verdrängen sie, dass man sich höhere Renditen nur über er­höhte Risiken erkaufen kann.»

Vollends intransparent seien die Gebühren, die in den einzelnen Produkten bis zur Unkenntlichkeit versteckt werden. Nicht einmal Profis haben da den Durchblick. «Im Markt werden Kosten von zwei bis vier Prozent für ein strukturiertes ­Produkt genannt», sagt Picecchi. Die alte ­Anlegeregel «Je defensiver, desto tiefer die Gebühren» gelte hier nicht. Richtig sei nur: «Je komplexer und undurchsichtiger, desto krasser die Gebühren.»

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Genaueres wissen nur die Emittenten. Doch die weigern sich, Licht ins Dunkel zu bringen. Dass wie bei Fonds die Gebühren einheitlich ausgewiesen werden sollen, dagegen sträubte sich der «Strukti»-Verband SVSP zuletzt in der Vernehmlassung über die Vorschläge der Finanzmarktaufsicht, wie man die Mängel bei der Anlageberatung ausmerzen kann. Der Verband hält Transparenzregeln für ein «unnötiges Hindernis». Wichtig ist ihm nur, dass die Regulierung so schlank wie möglich ist.

Sonst könnten diese Papiere eine Eigen­schaft verlieren, die Profis an ihnen so schätzen: Sie sind von ihrem Wesen her Trendprodukte, die rasch auf Marktentwicklungen reagieren. Doch: «Auf kurz­lebige Trends zu setzen widerspricht einer längerfristig ausgerichteten Anlagestrategie», sagt VZ-Anlagechef Rolf Biland. Auch ­deshalb seien die «Struktis» kein Anlage­vehikel, mit dem Kleinanleger sicher ans Ziel kommen.

Strukturierte Produkte: Es gibt verschiedene Risikoklassen

Strukturierte Papiere sind Kunstprodukte. Über eine klassische Anlage wie eine ­Obligation oder eine Aktie (Basiswert) wird ein Derivat gestülpt: ein spekulatives Wertpapier, dessen Preis sich von den ­darunter liegenden Finanzwerten ableiten lässt. Dieses Überstülpen kann die Funk­tion eines Risikopuffers (Discount oder Coupon), eines Kapitalschutzes (Barrier) oder eines Hebelprodukts (Op­tion) haben. Deshalb bilden strukturierte Produkte keine einheitliche An­lage­klasse. Mit ihnen kann man in jeden erdenk­lichen Markt einsteigen, alle nur denkbaren ­Strategien verfolgen und fast unbegrenzt Anlage­ideen verwirklichen.

Die Palette ist entsprechend gross, die Namensgebung der 34'000 an der Schweizer Derivatebörse Scoach gehandelten strukturierten Produkte so verwirrend, dass man sie zum besseren Verständnis unterschiedlichen Risiko­klassen zuteilt:

  • Kapitalschutz: um Verluste abzusichern;
  • Renditeoptimierung: für seitwärts tendierende Märkte;
  • Partizipation: um vom Kursanstieg des Basiswerts zu profitieren;
  • Hebel: für spekulative ­Anlagen.

Welcher Kategorie ein Produkt angehört, lässt sich aus dem Namen ablesen. Wie risikoreich es ist, ist auf www.scoach.ch oder ­www.svsp-verband.ch ersichtlich.

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Nachrechnen lohnt sich immer

Anlageberater locken gern mit dem Hinweis, dass strukturierte Papiere hohe Renditen bei tiefen Risiken abwerfen. Da kann es verführerisch sein, spontan zuzulangen. Ein Fehler. Vor einem Kauf sollte man eine ganze Reihe von Fragen beantworten können. Das kann man nur, wenn man die wichtigste Regel ­befolgt: Nie sofort kaufen! Erst recht nicht, wenn der Anlageberater zur Eile drängt.

Habe ich eine feste Meinung, wie sich der Markt entwickeln wird? Nur dann kann man überhaupt in Erwägung ziehen, ein strukturiertes Produkt zu kaufen.

Passt das ausgewählte Papier in mein Depot? Die Wahl des richtigen Anlagevehikels ist der letzte Schritt eines längeren Prozesses, in dem man seine Anlageziele definiert und sich über seine Risikofähigkeit klarwird. ­Hinterher muss man kritische Fragen stellen: Entspricht das Papier meinen Anlagezielen? Würde ich auch jeden Basiswert einzeln ­kaufen? Und: Warum hole ich mir nicht noch die Zweit­meinung eines (möglichst ­unabhängigen) Beraters ein?

Verstehe ich das Produkt genau? Struktu­rierte Produkte sind komplex und nicht ­immer leicht zu begreifen. Daher ist es fast Pflicht, sich vor einem Kauf ausgiebig damit auseinanderzusetzen. Und Fragen ehrlich zu beantworten: Habe ich alle Informationsmaterialien gelesen? Weiss ich, wie sich die Basiswerte entwickeln müssen, damit ich ­Gewinne erziele? Weiss ich, wann Verluste entstehen?

Kenne ich sämtliche Risiken? Strukturierte Produkte reagieren nicht nur auf Kurs­veränderungen des Basiswerts, sondern auch auf Faktoren wie die Veränderung der ­Volatilität. Deshalb muss man sie ständig ­beobachten. Habe ich Interesse und Zeit dafür? Weiss ich, wie sich das Produkt in unterschiedlichen Marktsituationen entwickelt?

Wie hoch sind die Gebühren? Eigentlich eine Killerfrage, denn selbst Profis können sie nicht genau beantworten. Klar ist aber: Die kurzen Laufzeiten zwingen dazu, ständig neu zu investieren. Sinnvollerweise klärt man auch ab, ob die Preise vom Händler fair gestellt werden und wie gross die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis ist. Auch das sind Kosten, die auf das Konto des ­An­legers schlagen.

Wie viel Steuern fallen an? Strukturierte ­Produkte bestehen aus einem Basiswert und einem Derivat. Ist der Basiswert ein ­fest­verzinsliches Papier, fällt immer ein Zins­ertrag an. Den muss man als Einkommen versteuern, auch wenn man mit dem Papier Verluste erleidet.

Wie sicher ist die Bank, die das Papier heraus­gibt? Der Lehman-Skandal hat es ­gezeigt: Geht die fragliche Bank pleite, ist das Papier nicht mehr viel wert. Daher muss man ­sicher sein, dass der Emittent ein Top-Rating hat. Um dieses Risiko abzusichern, bietet die Schweizer Börse unter dem Namen Cosi (Collateral Secured Instruments) eine Pfandbesicherung von Zertifikaten an.