In seinem bisherigen Leben hat Taki Theodoracopulos vor allem das Geld für sich arbeiten lassen. Nun aber klagt der 82-jährige Wahl-Gstaader darüber, der Aktienmarkt habe ihm «derart katastrophale Einbussen beschert, dass ich mich bald selbst nach einem Job werde umsehen müssen». Glaubt man den Porträts in der Klatschpresse, wäre es der erste für den Sohn eines griechischen Reeders und Milliardärs.

«Taki» residiert an bester Lage, geniesst das Leben im exklusiven Eagle Ski Club und wettert in seinen gelegentlichen Kolumnen im konservativen britischen «Spectator» über «das neue sozialistische Regime in Bern», das angeblich wegen der Corona-Schulden erwäge, dass «Besserverdienende mit astronomisch hohen Steuern belegt werden».

Welches «sozialistische Regime» er meint, verrät der Multimillionär nicht. Auch in der Coronakrise ist im Bundeshaus kein Sozialismus ausgebrochen. Ebenso wenig hat der Vorschlag von SP-Präsident Christian Levrat eine Chance im Parlament, der jetzt eine Erbschaftssteuer ab zehn Millionen Franken einführen will. Wahr ist nur, dass Superreiche wie Taki zunehmend ins Visier von Politikern und Ökonominnen geraten. SP-Nationalrätin Mattea Meyer fordert eine befristete Solidaritätsabgabe von zwei Prozent für Vermögen über einer Milliarde Franken.

Ein globales Problem

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgiewa, schrieb im Januar: «In den letzten zehn Jahren ist die Ungleichheit zu einer der schwierigsten Herausforderungen der Weltwirtschaft geworden.» Es brauche bei der Besteuerung der Reichsten ein Umdenken. Untersuchungen zeigten, dass man bei den Topverdienern höhere Steuern einkassieren könne, ohne dass das Wirtschaftswachstum sinke.

Bisher hat die Schweiz ihre reicheren Bewohner stets entgegenkommend behandelt. Bei Börsengewinnen, beim Erben, beim Wohnen, beim Vorsorgen und sogar beim Autokauf haben sie Vorteile. Das kapitalfreundliche Gesicht der Schweiz ist politisch gewollt und demokratisch legitimiert. Den Millionärinnen und Milliardären im Land geht es blendend. Die Schattenseite: Die Ungleichheit nimmt zu.

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«Eine Schere tut sich auf zwischen den Reichen und dem Rest der Bevölkerung», stellte letztes Jahr das Eidgenössische Finanzdepartement in einem Bericht fest. Den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung gehören nahezu drei Viertel des Vermögens in der Schweiz; ein Wert, den sonst nur Länder wie die USA oder Russland erreichen. Im restlichen Europa besitzen die reichsten zehn Prozent im Schnitt bloss rund die Hälfte des Vermögens, wie die OECD ausgerechnet hat.

Wer in der Schweiz reich ist, wird noch reicher, wer wenig besitzt, hat geringe Chancen auf einen Aufstieg, wie eine neue Studie der Ökonomin Isabel Martínez von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich zeigt.

Eingebildet? 

Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich wird gerne als linkes Hirngespinst abgetan. Die wirtschaftsnahe Denkfabrik Avenir Suisse verbreitet genüsslich das Bild der «eingebildeten Ungleichheit». Tatsächlich hat sich in den vergangenen 20 Jahren bei den Löhnen die Ungleichheit kaum vergrössert. Betrachtet man nur die Einkommen der Erwerbstätigen, ist die Schweiz fast schon vorbildlich gleich im internationalen Vergleich. Aber auf die Vermögen, die mindestens so wichtig sind wie die Einkommen, trifft genau das Gegenteil zu.

Es gibt Erklärungen für diese Entwicklung. Etwa dass im internationalen Vergleich relativ wenige Schweizerinnen und Schweizer Wohneigentum haben (und damit per definitionem als «reich» gelten, selbst wenn das Haus mit einer hohen Hypothek belastet ist). Je mehr Mieterinnen und Mieter in einem Land, desto grösser ist die Ungleichheit. Um Wohneigentum zu kaufen, braucht man jedoch zuerst einmal genug Eigenkapital – 20 Prozent des Preises. Und hier kommt ein zweiter Faktor ins Spiel, der dafür sorgt, dass das Vermögen so ungleich verteilt ist: Das Eigenkapital stammt oft aus Erbschaften.

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Jeder zweite Franken Privatvermögen auf Schweizer Konten und in Bankdepots ist vererbt – eine gewaltige Summe. Nach Berechnungen des Luzerner Ökonomen Marius Brülhart kommen dieses Jahr weitere 95 Milliarden hinzu. Die Steuern, die auf diese Vermögenstransfers erhoben werden, sind über die Jahre systematisch geschrumpft. Gingen 1990 pro vererbten Franken noch 4,1 Rappen Erbschaftssteuern an Bund, Kantone und Gemeinden, sind es heute gerade mal noch 1,4 Rappen. Wenige Kantone verzichten ganz darauf, bei den Nachkommen Erbschaftssteuern einzuziehen.

Eine von linken Kreisen lancierte Volksinitiative, die Erbschaften wieder höher besteuern wollte, wurde 2015 an der Urne wuchtig abgelehnt. Die wachsende Ungleichheit entspricht damit dem politischen Willen.

Taki Theodoracopulos’ Klagen und dem Coronavirus zum Trotz: Die Aktienkurse haben sich in den beiden letzten Monaten wieder stark erholt –und damit auch die Vermögen der Habenden. Wer sich Aktien leisten kann, geht mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit weniger beschadet aus der Krise als all jene, die im Moment um Job und Einkommen bangen müssen.

Kultur für die anderen

Für diejenigen am unteren Ende der Vermögensskala bleibt so als letzte Hoffnung auf ein finanziell sorgenfreies Leben oftmals nur der Gang zum Kiosk, um einen Lottoschein auszufüllen. Es ist die Ironie des Systems, dass die Chance auf einen Gewinn winzig klein ist. Dafür ist die Chance gross, mit dem eingesetzten Geld Institutionen mitzufinanzieren, die primär von Reichen genutzt werden. Über Kulturfonds, die aus Lotteriegeldern gespeist werden, subventionieren die Kantone neben vielen kleinen Projekten oft auch die Opernhäuser und Stadttheater – Vergnügungen, die sich primär Wohlhabende leisten.

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Illustration: Fünf-Rappen-Stücke
Quelle: bunterhund Illustration

Tellerwäscherkarrieren sind sehr selten

Der soziale Aufstieg vom Habenichts zur Superreichen gelingt in der Schweiz sehr selten. Von ganz unten nach ganz oben schaffen es bloss 2,3 Prozent. Das zeigt die neue Studie der Ökonomin Isabel Martínez. Sie hat die kantonalen Vermögenssteuerdaten für die Jahre 2003 
bis 2012 ausgewertet.

Wer zum ärmsten Fünftel der Schweiz gehört, bleibt in der Regel arm. Nahezu der Hälfte gelingt innerhalb eines Jahrzehnts kein Aufstieg, 69 Prozent bleiben in der unteren Hälfte der Vermögenspyramide gefangen. Nur zwei von hundert schaffen es unter die reichsten zehn Prozent. Und dort oben bleiben sie in der Regel für den Rest ihres Lebens. Die Studie zeigt: einmal Schweizer Oberschicht, immer Oberschicht.

Ob die Aufstiegschancen in der Schweiz allerdings schlechter sind als in Deutschland oder den USA, kann niemand sagen, weil es keine vergleichbaren Studien gibt. Klar ist indes, dass die Vermögenskonzentration in der Schweiz extrem gross ist. 

In kaum einem anderen Land besitzen so wenige so viel. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich zudem vergrössert.

Die Oberschicht, die reichsten zehn Prozent, besitzt 72 Prozent aller steuerbaren Vermögen, die Mittelschicht den Rest und die Unterschicht nichts, weil sie netto verschuldet ist. 

Zum Vergleich: In der Eurozone besitzt die Oberschicht bloss 52 Prozent aller Vermögen, die Niederlande weisen mit 57 Prozent eine der grössten Vermögenskonzentrationen aus.

In dieser Rechnung fehlen allerdings die Schweizer Vermögen, die in Pensionskassen parkiert sind und in den Steuererklärungen fehlen. Das verzerre die Statistik, sagen Ökonomen. Der Schweizer Mittelstand sei reicher als ausgewiesen, die Ungleichheit kleiner. Doch selbst wenn man die PK-Vermögen einrechnet, behält die Schweiz in Sachen Ungleichheit ihren Spitzenplatz. Nur in den USA oder Russland sind die Vermögen ähnlich ungleich oder noch ungleicher verteilt.

Yves Demuth

 

Infografik

Infografik: In der Schweiz besitzen wenige Reiche sehr viel
Quelle: ESTV / Croci-Maspoli/Wilhelm: «Entwicklung der ökonomischen Ungleichheit in der Schweiz» [2018] / New York University [2017], Europäische Zentralbank [2020] – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Der Graben wird grösser

Infografik: Der Graben wird grösser
Quelle: ESTV / Croci-Maspoli/Wilhelm: «Entwicklung der ökonomischen Ungleichheit in der Schweiz» [2018] / New York University [2017], Europäische Zentralbank [2020] – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Die Schweizer Vermögen sind je länger, je ungleicher verteilt. Das zeigt die Entwicklung des Gini-Koeffizienten, der die Ungleichverteilung misst.

Bei einem Wert von 0 besitzen alle gleich viel. Beim Maximalwert 1 besitzt eine Person alles. Der Schweizer Wert von 0,86 basiert auf Steuerdaten und ist sehr hoch.

Einzig im Zuge der Finanzkrise 2008 ist die Ungleichheit zurückgegangen, da die Superreichen verhältnismässig grössere Vermögenseinbussen erlitten als der Rest.

Die Zahlen für die USA, Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien wurden von den Nationalbanken berechnet (keine Steuerdaten).

Illustration: Wohnen
Quelle: bunterhund Illustration

Die Finanzkrise hat alles gekippt

Fredy Hasenmaile analysiert die Schweizer Wohnindustrie erst seit 14 Jahren. Doch wenn er von «früher» spricht, klingt es wie aus einem anderen Jahrhundert. «Früher war es üblich, dass Eigentum die teurere Wohnform war, was die Gesamtkosten anbelangt.» Besitzen teurer als Mieten? Das ist seit rund zehn Jahren vorbei. Heute zahlen Mieter für eine identische Immobilie 20 Prozent mehr als Eigentümer, hat der leitende Immobilienökonom der Credit Suisse ausgerechnet.

Als Folge der Finanzkrise 2008 purzelten die Hypothekarzinsen, parallel stiegen die Immobilienpreise steil an.

Die Mieterinnen sitzen in der Falle. Wohnen müssen sie, aber der Kauf eines Hauses ist unerschwinglich. Heute kann nur noch jeder fünfte Schweizer Miethaushalt eine Immobilie kaufen, die so gross wie das selbstbewohnte Mietobjekt ist. Vor 20 Jahren war es noch jeder zweite, bilanziert die Zürcher Kantonalbank. Selbst Personen mit ansehnlichem Einkommen bleibe heute Wohneigentum verwehrt, sagt Spezialist Hasenmaile. Wer eine Vierzimmerwohnung kaufen will, muss im Kanton Zürich schnell einmal eine Million hinblättern. Für die Hypothek verlangen die Banken ein Haushaltseinkommen von rund 180'000 Franken.

Vielen bleibt nur das Mieten. Sie zahlen dafür aber 29 Prozent mehr als zur Jahrtausendwende, so das Bundesamt für Statistik. Günstiger Wohnraum ist besonders in Städten Mangelware. In Zürich bewerben sich um eine städtische Wohnung jeweils 300 bis 700 Personen. Für ein Vier-Zimmer-Reihenhaus an ruhiger Lage mit 90 Quadratmetern und Garten verlangt die Stadt nur 1640 Franken. Doch nur wer unter 78'720 Franken Haushaltseinkommen hat, darf sich bewerben. Die Stadt subventioniert das Haus nicht. Die Miete ist so tief, weil die Gesamtkosten tief sind. Das nennt sich Kostenmiete. Die Marktmiete wäre mindestens doppelt so hoch. 

Yves Demuth

 

Mieten ist teurer als Besitzen

Infografik: Mieten ist in der Schweiz teurer als Besitzen

Besitzer zahlen 20 Prozent weniger für dasselbe Objekt als Mieter. Seit der Finanzkrise 2008 sind sie im Vorteil.

Quelle: Credit Suisse: «Schweizer Immobilienmarkt» [2019/2020] – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Hypozinsvorteil für Eigentümer

Infografik: Hypozinsvorteil für Eigentümer

Seit 2008 sind die jährlichen Zinskosten um über 5000 Franken bei einer Durchschnittshypothek gefallen. Diese beträgt derzeit 356'000 Franken pro Objekt.

Quelle: Credit Suisse: «Schweizer Immobilienmarkt» [2019/2020] – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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Illustration: Ungleichheit beim Lohn in der Schweiz
Quelle: bunterhund Illustration

Mehr Lohn für alle, aber...

Angestellte im Niedriglohnsektor profitieren in den letzten Jahren von besseren Löhnen, allerdings nicht so stark wie ihre Chefs. Bei den steuerbaren Einkommen ist die Ungleichheit in der Schweiz daher kaum grösser geworden, anders als in Ländern wie den USA, wo die tiefen Löhne gesunken sind. Die Ungleichheit hierzulande verursachen die steuerbaren Vermögen, die viel schneller wachsen als die Einkommen. Die oben besitzen 1041 Prozent mehr als 1981, die in der Mitte 332 und die unten 130 Prozent.

Yves Demuth

 

Topverdiener heben ab

Infografik: Topverdiener heben ab

So veränderte sich das steuerbare Einkommen pro Einkommensklasse zwischen 1981 und 2014.

Quelle: Croci-Maspoli/Wilhelm: «Entwicklung der ökonomischen Ungleichheit in der Schweiz» [2018] – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
Illustration: Ungleichheit in der Schweiz beim Gesundheitswesen
Quelle: bunterhund Illustration

Die Prämien drücken schwer

Bei der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes 1996 war das Ziel, dass niemand mehr als acht Prozent des Einkommens für die Krankenkasse ausgeben muss. Mit der individuellen Prämienverbilligung wollte man Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen unterstützen. Die Umsetzung lag bei den Kantonen. Resultat: Je nach Wohnort müssen Familien mit einem tiefen oder mittleren Einkommen bis zu 20 Prozent davon für die Prämien aufwenden – selbst wenn sie eine Verbilligung erhalten.

Thomas Angeli

 

Prämien belasten Wenigverdiener stärker

Infografik: Ungleichheit in der Schweiz bei den Ausgaben für Krankenkassenprämien

So viel des verfügbaren Einkommens wird pro Jahr für Krankenkassenprämien ausgegeben. 

Quelle: BAG – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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Illustration: Vorsorgen
Quelle: bunterhund Illustration

«Unsere Altersvorsorge ist schlecht für viele Frauen»

Beobachter: Der Nationalrat will es möglich machen, dass man neu auch nachträglich in die Säule 3a einzahlen kann. Warum haben Sie sich dagegen gewehrt?
Mattea Meyer, SP-Nationalrätin: So, wie die Altersvorsorge aktuell ausgestaltet ist, verschärft sie die Ungleichheit – sowohl zwischen den Geschlechtern als auch zwischen tiefen und hohen Einkommen. Nur die AHV hat eine umverteilende Wirkung und berücksichtigt den Wert von unbezahlter Betreuungsarbeit. Umso wichtiger ist, dass man diese stärkt. Privates Alterssparen mit der Säule 3a ist schlicht nicht für alle möglich. Von den neuen Einzahlungsmöglichkeiten profitieren nur jene, die es sich schon heute leisten können, den Maximalbetrag von 6826 Franken einzuzahlen.


Nachträglich in die Säule 3a einzahlen zu können, ist doch auch für Frauen interessant, die nach einer Familienpause wieder in den Beruf einsteigen.
Das Thema ist nicht nur einfach schwarz und weiss. Aber die Befürworter des Vorstosses schieben Frauen und Mütter vor, weil das attraktiv tönt. Dabei wissen sie ganz genau, dass das Problem der tiefen Frauenrenten so nicht gelöst wird.


Was wären denn die Alternativen?
Ein Ausbau der AHV, zum Beispiel mit der Initiative für eine 13. AHV-Rente. Davon würden Frauen, Geringverdienende und Menschen, die unbezahlte Arbeit leisten, am meisten profitieren.


Da haben Sie noch viel Arbeit vor sich.
Dessen bin ich mir bewusst. Deshalb ist auch die Pensionskassenreform so wichtig, weil sie tiefe Löhne besser versichert und so die Rentensituation der Frauen verbessert. Es mag Einzelfälle geben, in denen es für Frauen attraktiver ist, auf ein 3a-Konto einzuzahlen. Für die meisten dürfte es besser sein, sich nachträglich in die Pensionskasse einzukaufen, weil sie dann eine Rente haben und nicht einfach einen Kapitalbezug.

Interview: Thomas Angeli

 

Dritte Säule bloss für Gutverdienende

Infografik: Eingezahlte Beiträge in die Säule 3a in der Schweiz

6826 Franken dürfen pro Person und Jahr maximal in die private Altersvorsorge der Säule 3a eingezahlt werden – ein Betrag, der für über 80 Prozent der Haushalte nur schwer aufzubringen ist. Deshalb machen nur wenige davon Gebrauch.

Nach Angaben der Eidgenössischen Steuerverwaltung zahlen lediglich 13 Prozent der Bevölkerung den Maximalbetrag von 6826 Franken pro Person ein – und sparen damit erst noch Steuern.

Quelle: BFS [Haushaltsbudgeterhebung] – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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Illustration: Ungleichheit in der Schweiz beim Erbe
Quelle: bunterhund Illustration

Die Steuerlast verlagert sich nach unten

Die Zuversicht der Wirtschaftswunder-Zeit nach 1945 ist verschwunden. Es geht nicht mehr um den sozialen Aufstieg. Sondern darum, den Abstieg zu verhindern, der wegen Strukturwandel, Globalisierung und Einwanderung droht. Was liegt da näher, als den Kindern ein möglichst fettes Erbe zu hinterlassen, das nicht durch Steuern geschmälert wird?

Die Reduktion der Erbschaftssteuern, die viele Kantone in den letzten zwei Jahrzehnten gewährt haben, war populär. Sie bedeutet aber eine Umverteilung der Steuerlast von oben nach unten. Reiche müssen heute einen geringeren Anteil an den steigenden Staatsausgaben übernehmen, die grosse Mehrheit und nicht zuletzt der Mittelstand relativ mehr.

Welche Signale setzt ein Staat, der auf Erbschaftssteuern verzichtet? Welche Tugenden belohnt er? Wer ein Millionenvermögen erbt, hat keinen Grund, zu arbeiten, sich dem Wettbewerb zu stellen, kreativ zu sein. Wer nicht erbt, kann noch so viel arbeiten, er wird nie in die abgehobene Schicht vordringen, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten vom Mittelstand entfernt hat und ihren Reichtum durch Vererbung für die Familie sichert.

In einem ähnlichen Feudalisierungsvorgang haben Patrizier und Zünfte in der Schweiz im Ancien Régime ihre Privilegien in immer engeren Familienkreisen monopolisiert und so die Veränderung hin zur Industriegesellschaft blockiert. 

Gegen vergleichbares Besitzstandsdenken hat die demokratische Bewegung in den 1860er-Jahren die Erbschaftssteuer durchgesetzt: als einen Beitrag, damit auch die kleinen Leute die individualistischen Verheissungen des Liberalismus umsetzen konnten, nicht zuletzt den kostenlosen Zugang zur Bildung für alle.

Erbschaftssteuern gehören nicht nur in den USA zu einer liberalen Gesellschaftsordnung. Diese fördert mittelständische Werte so, dass die Bürgerinnen und Bürger auf gesellschaftlichen Wandel nicht mit feudaler Besitzstandswahrung reagieren, sondern mit zuversichtlicher Leistungsbereitschaft.

Thomas Maissen, Schweizer Historiker, ist Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris.

 

Boom beim Vererben

Infografik: Entwicklung in der Schweiz bei Erbschaften, Schenkungen und Steuern

Von den geschätzten 94,5 Milliarden Franken, die jährlich vererbt werden, gehen heute nur noch rund 9 Prozent Vermögenssteuern und 1,4 Prozent Erbschaftssteuern an den Staat. Das vererbte und verschenkte Volumen steigt, weil Vermögen um die 5 Prozent pro Jahr an Wert gewinnen (etwa Immobilien, Aktien) und schneller wachsen als die Einkommen.

Quelle: M. Brülhart: «Erbschaften in der Schweiz» [2019] – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

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