Doris Furrer, 69, aus Zürich war diesen Mai für drei Wochen zur Behandlung in der Park-Klinik im deutschen Bad Säckingen. Die unweit von Basel gelegene Rehaklinik ist spezialisiert auf orthopädische und rheumatische Leiden. Doris Furrer war schon mehrmals im aargauischen Zurzach. Diesmal wollte sie aber die deutsche Klinik ausprobieren, für die ihre Krankenkasse Helsana im Kundenmagazin geworben hatte. Den Wechsel hat sie nicht bereut. Sie ist sehr zufrieden – kleine Abstriche macht sie nur beim Essen. Bad Säckingen sei hell und schön, während sie in Zurzach die ausgeprägte Krankenhausatmosphäre nicht mag. Bad Säckingen sei dagegen «eher Hotel als Spital».

In der Schweiz fast dreimal so teuer
Noch zufriedener ist die Krankenkasse. Denn deutsche Rehakliniken sind wesentlich günstiger. Ein Tag Reha (Orthopädie) kostet laut Stephan Michel von der CSS in Bad Säckingen rund 190 Franken. «In einer Schweizer Klinik kostet ein ebenso langer Aufenthalt bei gleicher Qualität zwischen 600 und 700 Franken.» Auch Philipp Lutz von der Swica sagt, Rehas im grenznahen Ausland seien «wesentlich günstiger als in der Schweiz». Das Beispiel hat längst Schule gemacht. Die Grosskrankenkasse Helsana hat bereits Zusammenarbeitsverträge mit sechs Kliniken in Süddeutschland abgeschlossen. Ein 14-tägiger halbprivater Rehaaufenthalt für Orthopädie in Bad Säckingen kostet die Helsana 2618 Franken, in der Schweiz mindestens das Doppelte, wenn nicht gar das Dreifache.

Zurzeit ist es nur Zusatzversicherten möglich, sich im grenznahen Deutschland behandeln zu lassen. Die Grundversicherung bezahlt solche Aufenthalte im Ausland nicht. Grund: das so genannte Territorialprinzip.

SP-Präsident Hans-Jürg Fehr aus Schaffhausen möchte das jetzt ändern und fragte deshalb den Bundesrat an, ob es möglich wäre, wenigstens Grenzkantonen die Möglichkeit zu geben, Spitäler, Rehakliniken, aber auch Alters- und Pflegeheime auf ihre Spital- und Heimlisten zu setzen. Denn es sei nicht einzusehen, so Fehr, dass sich ein Patient mit einer Hirnverletzung aus dem Kanton Schaffhausen in einer Schweizer Klinik behandeln lassen müsse, «die entweder sehr teuer oder weit entfernt» sei. Im nahe gelegenen deutschen Gailingen gebe es zwei sehr gute Rehakliniken. Mit dem Bus sei man in einer Viertelstunde dort.

Die Antwort des Bundesrats: Es sei durchaus «denkbar», das Territorialprinzip zu lockern. Das «könnte sich positiv auf den Wettbewerb auswirken und längerfristig eine kostendämpfende Wirkung haben». Zurzeit klärt eine Projektgruppe im Bundesamt für Gesundheit die Machbarkeit ab.

Die Schweizer Rehakliniken haben erwartungsgemäss wenig Freude an der ausländischen Konkurrenz. Stefan Güntensperger, der Chef der Rehaklinik Zurzach, wirft den Krankenkassen vor, sie betrieben «Rosinenpickerei». «Es sind vor allem die leichteren Fälle, die nach Bad Säckingen gehen. Die schwereren, teuren Fälle bleiben bei uns, weil wir in medizinisch-therapeutischer Hinsicht den deutschen Kliniken überlegen sind.» Er betont, er sei nicht gegen Wettbewerb. Aber «wir möchten dasselbe Recht, auch deutsche Patienten bei uns zu behandeln. Dies wird uns aber bislang durch die deutschen Kassen verwehrt.»

«Patienten unter Druck gesetzt»
Matthias Mühlheim, Direktor der Rehaklinik Rheinfelden, wirft den Kassen vor, mit ungleichen Ellen zu messen: «Die Billigkliniken in Bad Säckingen bieten Kuren und keine Rehabilitation an. Das kann man nicht vergleichen.» Für eine Rehabilitation brauche es Spitalinfrastruktur, die in der Park-Klinik in Bad Säckingen nicht zur Verfügung stehe. «Mit den dortigen sehr tiefen Personalbeständen ist es nicht möglich, Rehabilitation anzubieten.» Matthias Mühlheims weiterer Vorwurf: «Einzelne Kassen setzen Patienten massiv unter Druck, sich in einer deutschen Rehaklinik behandeln zu lassen. Patienten, die sich dagegen erfolgreich gewehrt haben, erzählen das.»

«Die Behandlung ist bei uns genauso gut wie in der Schweiz», sagt Peter Gaupp, Direktor der deutschen Park-Klinik. Sein Institut betreibt 130 Betten, es stehen fünf festangestellte Ärzte zur Verfügung. Die Zahl der Ärzte und des Pflegepersonals ist auch laut Helsana «genügend und adäquat». Dass nur leichte Fälle aus der Schweiz kämen, stellt vor allem Chefarzt Malirsch von der deutschen Klinik in Abrede: «Oder würden Sie einen Patienten, dem gerade erst beide Hüftgelenke durch Prothesen ersetzt wurden, als leichten Fall bezeichnen?»

Und was ist mit dem Vorwurf, über keine Spitalinfrastruktur zu verfügen, sozusagen ein besseres Kurhaus zu betreiben? Es stimme zwar, dass die Klinik keinen eigenen Magnetresonanz- oder Computertomografen und kein eigenes Labor habe. Das sei auch gar nicht nötig, denn diese Dienstleistungen kaufe die Klinik günstig in einem nur 100 Meter entfernten Spital ein. «Auch deshalb können wir selber günstigere Tarife anbieten.»

Als sei Deutschland ein Drittweltland
Auch CSS-Sprecher Stephan Michel weist die Vorwürfe der Schweizer Rehakliniken zurück: «Die Park-Klinik Bad Säckingen ist eine Rehaklinik für rheumatisch-orthopädische Erkrankungen mit einem gesetzlichen Auftrag. Wenn die Schweizer Kliniken mit solchen Scheinargumenten kommen, betreiben sie einerseits Desinformation, anderseits suggerieren sie, dass in Deutschland die Behandlungsqualität bedeutend schlechter sei als in der Schweiz. Die Schweizer argumentieren manchmal so, als ob Deutschland ein Drittweltland wäre.» Auch zwinge die CSS keine Patienten, sich in Deutschland behandeln zu lassen. Doris Furrer, Helsana-Kundin, bestätigt, «freiwillig» vom Angebot Gebrauch gemacht zu haben.

Die CSS will ab dem nächsten Januar Anreize schaffen, damit sich noch mehr Privatversicherte in Deutschland behandeln lassen. So denkt die Kasse darüber nach, dem Lebenspartner eines Rehapatienten eine Gratisunterkunft für die Dauer des Aufenthalts anzubieten. Oder bei Behandlung in Deutschland den Prämienrabatt nicht zu kürzen. Die CSS plant auch, dereinst Operationen in grenznahen deutschen Kliniken anzubieten. «Durch die massiven Preisunterschiede können wir einerseits Kosten senken, anderseits Preisdruck auf die Schweizer Anbieter erzeugen», sagt Michel. Der Chefarzt einer Schweizer Rehaklinik, der anonym bleiben möchte, pflichtet dem Kassenvertreter bei: «Wir müssen mit den Preisen herunterkommen.»

Doris Furrer würde wieder nach Bad Säckingen gehen. «Es stimmt nicht, wenn behauptet wird, es gebe in der Park-Klinik zu wenig Ärzte oder zu wenig Pflegepersonal. Ich habe davon jedenfalls nichts bemerkt.»

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