Manfred Mansers treue Weggefährtin ist seine Mappe. Auch an diesem Abend wird sie ihn an eine Podiumsveranstaltung begleiten. Sie hütet seine Folien und Akten. Sogar auf einer Busreise mit Kollegen kommt es vor, dass er plötzlich die Mappe öffnet und sich dem Aktenstudium hingibt. In der Branche gilt er, was die Fachkompetenz anbelangt, als unumstrittene Instanz, Fachleute sprechen geradezu ehrfürchtig von ihm.

Manser packt seine Folien aus, setzt sich, stützt die Ellbogen auf den Tisch und verhakt die Finger vor dem Gesicht. Als ob er sich verstecken wollte. In der Primarschule fiel ihm das Gedichteaufsagen vor der Klasse schwer. Er war ein scheuer, unauffälliger Schüler.

Die anderen Podiumsteilnehmer sind dekoriert mit akademischen Titeln: alles Doktoren und Professoren. Manser hat keinen solchen Titel vorzuweisen, dafür hat er seine Mappe. Und während die Dekorierten professionell ihre besorgten Podiumsmienen anknipsen, vertieft sich Manser in seine Folien, in denen er unablässig nestelt. Kombiniert mit der Frisur, die aus Zeiten zu stammen scheint, als die Friseure noch schlechte Tage hatten, gibt ihm das etwas linkisch Buchhalterisches und Erbsenzählendes. Die Diskussion verläuft harmonisch, gleicht dem gemeinsamen Beten des Rosenkranzes. Manser spürt das instinktiv, er schliesst eines seiner Voten mit: «Amen!» Er gibt den Clown, das Publikum lacht.

Da könnte man glatt vergessen, dass man den Chef von 3000 Angestellten vor sich hat, den Chef der grössten Krankenkasse mit einem Prämienvolumen von über fünf Milliarden Franken und den Verwaltungsrats-Vizepräsidenten von Santésuisse, der mächtigen Lobbyorganisation der Krankenversicherer. Dabei kann er knallhart sein, wie ein Vertrauter berichtet. Ziele, Ziele, Ziele! Da wird genau nachgezählt, wie viele Kunden ein Mitarbeiter gewonnen hat oder wie viele Abrechnungen einer pro Tag bewältigt. Manser hasse «Nine-to-five-Typen». Er selber verschickt E-Mails noch nachts um elf. Gerne kokettiert er in den Medien damit, er arbeite zu viel.

Ein gefürchteter Duellant
John Wayne ist Mansers Lieblingsschauspieler. Er hat die meisten Filme von ihm gesehen. Doch die Winchester hat Manser mit der Mappe vertauscht, mit den Folien drin, die gespickt sind mit Zahlen, Fakten, Statistiken. Er ist gewissermassen ein Fakten-Pistolero, gewinnt fast jedes Duell. Auf seinem Ritt für tiefere Preise schiesst er gegen alles, was sich ihm in den Weg stellt: Ärzte, Spitäler, Reha-Kliniken, Pharmaindustrie, Bundesamt für Gesundheit. Dann blüht er auf. Fühlt er sich als «Ringo Kid» oder «Sheriff John T. Chance» aus «Rio Bravo»? Wer weiss das schon. Manser ist jedenfalls die Nummer eins der Branche - und will es bleiben.

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Wenn es darum geht, tiefere Preise herauszuschinden, scheut er keinen Aufwand. So liess er Schweizer Reha-Patienten in Süddeutschland behandeln, nur um die Schweizer Klinikdirektoren weichzuklopfen. Diese Schwarzwald-Kliniken lancierte er, «um Druck zu machen», wie er heute einräumt, sie waren weitgehend eine Drohkulisse. Eine erfolgreiche, wie man anfügen muss. Sein Kampf gegen die hohen Medikamentenpreise nötigt selbst Gegnern Respekt ab. Im Versandhandel gehört er ebenfalls zu den innovativsten Kassenvertretern. Wer sich in der Branche umhört, bekommt sogar den Eindruck, mancher sei froh, dass Manser ihnen die Dreckarbeit in der Öffentlichkeit abnimmt. Denn Freunde macht er sich damit nicht. Er sagt: «Manchmal fühle ich mich wie ein Laternenpfahl, an den alle pinkeln.»

Manser stammt aus einfachen Verhältnissen. Er ist das älteste von fünf Kindern, sein Vater, ein gelernter Schlosser, arbeitete in Olten bei der Lastwagenfirma Berna als Testfahrer. Ans Studieren konnte der junge Manfred gar nicht denken, das hätte man nicht vermocht, sagt die Mutter. Also machte er eine kaufmännische Lehre bei der Krankenkasse Schönenwerd. Im Militär brachte er es bis zum Fourier. Mit 22 Jahren stieg er bei der Krankenkasse Helvetia in Zürich ein. Zwei Jahre lang pendelte er zwischen der Grossstadt und dem Solothurnischen, in Olten musste er abends jeweils fast eine Stunde auf den Anschlussbus warten. Warten hat der junge Manser gelernt.

Doch plötzlich ging alles ganz schnell: Mit 24 war er schon jüngster Agenturleiter. Dann stieg er mit Beharrlichkeit und Fleiss Sprosse um Sprosse empor. Leiter Abteilung Sozialversicherungen, Zentralverwalter Stellvertreter, Departementsleiter Tarife, mit 45 Vorsitzender der Geschäftsleitung. Die Fusion der Artisana mit der überalterten Helvetia zur Helsana ein Jahr später war sein Gesellenstück, sie brachte ihm den Vorsitz in der Konzernleitung. Er arbeitete nie in einem anderen Betrieb, geschweige denn im Ausland. Die Krankenversicherung ist sein Leben, seine Leidenschaft. Andere hat er nicht.

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Raucher sind «das kleinere Übel»
Manser ist auch ein Grenzgänger. Kritiker warnen davor. Immer wieder rüttelt er am Heiligen Gral der solidarischen Krankenversicherung. Die besagt: Egal ob jemand krank ist oder gesund, ob dünn oder dick, ob Mann oder Frau, jeder bezahlt in einer bestimmten Region die gleiche Prämie. Er hingegen fordert etwa ein Bonusmodell für Versicherte, die auf ihre Gesundheit achten. Wer Ernährungskurse besucht oder Walking-Anlässe und sich den Body-Mass-Index (BMI) und den Bauchumfang kontrollieren lässt, soll bei Erfolg mit Prämienrabatt belohnt werden. Raucher will er in Ruhe lassen, denn die sind «das kleinere Übel»: «Weil sie früher sterben, verursachen sie weniger Kosten.»

Versicherte sind für Manser keine Menschen, sondern Risiken, gute oder schlechte. Richtig teuer sind hingegen die Dicken und Trägen: «Wenn Sie übergewichtig sind und nur noch im Sessel sitzen und Nüssli reinkippen, ist das nicht gut.» Prämienrabatte widersprechen aber dem solidarischen Gedanken der Grundversicherung.

Kürzlich feierte Manser mit einem leitenden Angestellten dessen 35-Jahr-Jubiläum in einer Beiz. Manser gestattete sich Carpaccio mit Trüffel, anschliessend Seezunge. Dazu trank man Rotwein. Seine Arbeit hinterlässt Spuren. Mit seinen 75 Kilo bei 173 Zentimetern Körpergrösse ist Manser kein Athlet, sondern übergewichtig. Er selber erhielte keinen Prämienrabatt.

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Die Mutter wehrt sich für ihren Sohn
Den hat er auch gar nicht nötig. Mansers Jahressalär beträgt 880'000 Franken brutto, ausbezahlt sind es 580'000 Franken. «Verglichen mit den Cheflöhnen in der Privatassekuranz, mit der wir teilweise in Konkurrenz stehen, erscheint mir mein Lohn nicht übertrieben.» Der Chef der halbstaatlichen Suva verdiene etwa gleich viel. Seine Mutter ärgert sich: Die Zeitungen schrieben nur über seinen hohen Lohn, aber dass er chrampfe bis in alle Nacht hinein und die Familie kaum etwas von ihm habe, das schrieben sie nicht. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Manser einer der wenigen Krankenkassen-Chefs ist, die ihren Lohn überhaupt offenlegen.

Manser provoziert immer wieder mit neuen Schlaumeiereien. So mit dem kürzlichen Vorschlag, die Grundversicherung zweizuteilen. Wer weiterhin die freie Arztwahl möchte, zahlt mehr aus der eigenen Tasche, im Krankheitsfall bis zu 1700 Franken im Jahr. Oder Manser fährt einen knallharten Billigkassenkurs. Er bevorzugt den Ausdruck «Marke». Die Helsana hat vier solcher Marken; eben hat sie zwei weitere angekündigt. «Um Kundensegmente anzusprechen, an die wir sonst nicht herankommen.» Das geht so: Wer in der Stadt Zürich bei der Helsana mit der Minimalfranchise grundversichert ist, zahlt 365 Franken Prämie. Wer am selben Ort bei der Helsana-Tochter Avanex grundversichert ist, zahlt 90 Franken weniger - für praktisch die gleiche Leistung. Bereits sind über 40 Prozent der Helsana-Versicherten in einer dieser Billigkassen. Die Dummen sind die, die in der Mutterkasse bleiben. Das sind meist ältere Versicherte, die kassentreuer sind. Ein Konkurrent, der diese Billigstrategie nicht mitmacht, kritisiert das als «Verrat am Kunden». Manser erwidert: «Viele Pensionierte können ihre Prämien in der Regel mühelos bezahlen.»

Gerne würde Manser auch die Leistungen in der Grundversicherung abbauen, wie das die SVP beabsichtigt (siehe nachfolgender Hinweis «Abstimmung vom 1. Juni: Vorlage mit Fragezeichen»). «Nicht jeder braucht oder will das umfassende Angebot. Aber jeder muss mitzahlen.» Die Grundversicherung sei «ein Rolls-Royce, ein VW würde genügen». Manser selber begnügt sich nicht mit einem VW. Er fährt einen Volvo S80, eine ausgesprochene Chef-Limousine.

Warum er immer wieder zündelt? Ganz einfach, Manser ist Geschäftsmann, er will Geld verdienen, er sagt: «Wir wollen weiter wachsen.» Dabei weiss er nur zu gut, dass Krankheit, Behinderung oder Unfall auch Schicksal sein können und nichts mit «Eigenverantwortung» zu tun haben müssen, die er von den Versicherten einfordert. Einer seiner Söhne ist autistisch und die älteste Tochter kam mit 21 bei einem Autounfall ums Leben.

Manser ist beharrlich, fleissig und bodenständig. Und wird chronisch unterschätzt: denn seine grösste Auffälligkeit ist seine Unauffälligkeit.

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