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Ruth Dreifuss: «Das System muss effizienter werden»

Das Krankenversicherungsgesetz funktioniert, sagt Ruth Dreifuss, «doch die Möglichkeiten der Kostendämpfung sind noch nicht ausgeschöpft».

Beobachter: Frau Bundesrätin, ärgern Sie sich über die Krankenkassenrechnungen?
Ruth Dreyfuss:
Nein. Aber ich würde ein Finanzierungssystem vorziehen, in dem einerseits meine Prämien höher wären, weil sie meine finanziellen Möglichkeiten besser berücksichtigen würden, und anderseits Familien mit mittlerem Einkommen entlastet würden.

Beobachter: Viele Leute leiden unter den hohen Krankenkassenprämien. Finden Sie, dass der Gegenwert stimmt?
Dreyfuss:
Ja, ich finde das Verhältnis zwischen Prämien und Leistungen angemessen. Mit der obligatorischen Grundversicherung wurde ein Sicherheitsnetz geschaffen, das der ganzen Bevölkerung ohne Ausnahme qualitativ hoch stehende medizinische Leistungen bietet.

Beobachter: Manche sind aber verärgert und verunsichert, weil die Prämienlast Jahr für Jahr wächst. Was läuft schief?
Dreyfuss:
Die Prämien spiegeln die Kostenentwicklung. Diese ist wiederum das Spiegelbild des medizinischen Fortschritts. Dank neuen Behandlungsmethoden und Medikamenten kann heute das Leben von Personen gerettet werden, die früher nur geringe Überlebenschancen gehabt hätten. Ohne Deckung durch die Grundversicherung wären diese Behandlungen unbezahlbar.

Beobachter: Also alles bestens?
Dreyfuss:
Nicht ganz. Das Gesundheitssystem muss noch effizienter organisiert werden.

Beobachter: Durch Konkurrenz im Gesundheitsmarkt bekomme man die Kosten in den Griff, hiess es vor fünf Jahren. Doch davon ist wenig zu spüren.
Dreyfuss:
Dank der Konkurrenz zwischen den Krankenkassen konnte die Kostensteigerung gedämpft werden. Die Kassen werden angespornt, jene Rolle besser zu übernehmen, die ihnen das Krankenversicherungsgesetz (KVG) zuweist. Das heisst: Sie müssen die Interessen der Versicherten wahren und günstige Tarife mit den Leistungserbringern aushandeln. Auch im Spitalbereich spielt die Konkurrenz eine positive Rolle: Spitäler, die auf der Spitalliste erscheinen wollen, werden zu einer effizienteren Geschäftsführung gezwungen.

Beobachter: Das KVG ist in Ihren Augen also nicht gescheitert?
Dreyfuss:
Nein. Aber die Möglichkeiten der Kostendämpfung sind noch nicht ausgeschöpft. Allerdings lässt sich nicht alles im Gesundheitsmarkt nach dem Grundsatz der Konkurrenz bestimmen.

Beobachter: Warum funktioniert das Prinzip «Mehr Wettbewerb – tiefere Preise» im Gesundheitsmarkt nicht?Dreyfuss: Die Gesundheitsversorgung ist keine gewöhnliche Dienstleistung, die die Menschen nach Belieben beanspruchen können. Wer krank ist, lässt sich pflegen – und zwar möglichst gut und ohne Blick auf die Kosten. Das ist selbstverständlich und legitim. Was der Patient braucht, bestimmen aber die Ärztinnen und Ärzte, die wiederum von den Dienstleistungen leben, die sie ihren Patienten erbringen.

Beobachter: Jede Reform im Gesundheitswesen stösst auf gewaltige Widerstände. Warum?
Dreyfuss:
Ärzte und Therapeuten sind spezialisierte und kompetente Fachleute, die sich nur beschränkt in ihre Arbeit hineinreden lassen wollen. Umso mehr, als es auch um eine Vertrauensbeziehung mit den Patienten geht. Heute sind fast 400'000 Personen im Gesundheits- und Sozialbereich tätig, die durch die vorgeschlagenen Massnahmen betroffen sind. Weitere Partner tragen ihre Teilinteressen in die Diskussion: die unter Spardruck stehenden Kantone, die Krankenkassen sowie die Patientinnen und Patienten.

Beobachter: Solang aber Ärzte, Apotheker und Spitäler als «Verkäufer» über den Kauf bestimmen, können die Gesundheitskosten kaum stabilisiert werden.
Dreyfuss:
Dass der Gesundheitsmarkt weitgehend von Anbietern gesteuert wird, ist unumgänglich. Das KVG enthält aber Instrumente, mit denen die Wirtschaftlichkeit, die Wirksamkeit und die Zweckmässigkeit der Leistungen beurteilt werden können. Das System hat auch weitere Leitplanken wie etwa die Patienteninformation, Methoden zur Qualitätskontrolle sowie Kostentransparenz.

Beobachter: Das hat aber bisher zu wenig gebracht.
Dreyfuss:
Wir müssen Anreize beseitigen, die die Zunahme der medizinischen Leistungen und Kosten fördern. Dieses Ziel möchte ich erreichen mit dem neuen Ärztetarif Tarmed, einem neuen Abgeltungsmodell für die Abgabe von kassenpflichtigen Medikamenten sowie einer neuen Spitalfinanzierung, die die Spitäler aufgrund ihrer effizienten Leistungen und nicht aufgrund ihrer Defizite finanziert. Weitere Massnahmen scheinen mir prüfenswert: etwa das Hausarztmodell, das Einholen einer ärztlichen Zweitmeinung vor teuren Eingriffen sowie – soweit der Datenschutz beachtet wird – das so genannte Gesundheitsbüchlein, das der Patient stets auf sich trägt und Doppelbehandlungen verhindern soll.

Veröffentlicht am 19. März 2001