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AxaGrosser Reibach – neu mit null Risiko

Die Axa bietet ab nächstem Jahr in der zweiten Säule keine Vollversicherung mehr an. Was als fürsorglich verkauft wird, bringt ihr Milliarden ein.

Der Versicherungskonzern Axa steigt aus der Vollversicherung aus – 40'000 Firmen sind davon betroffen.
von aktualisiert am 19. Juli 2018

Jahrelang hat der Versicherungskonzern Axa damit geworben, dass er seinen 40'000 Firmenkunden mit der Vollversicherung in der zweiten Säule ein dauerhaftes Rundum-Sorglospaket biete. Seit April gilt das nicht mehr. Axa steigt aus dem Geschäft aus und bietet keine Vollversicherung mehr an. Die Kunden – meist KMU mit wenigen Angestellten – müssen auf Anfang 2019 in die teilautonome Stiftung der Axa wechseln oder eine neue BVG-Lösung suchen.

Den Rauswurf begründet die Axa mit den verschlechterten Rahmenbedingungen Pensionskassen PK-Renten sinken mehr als nötig in der zweiten Säule. «Anhaltend tiefe Zinsen, eine wachsende Umverteilung zulasten der Berufstätigen und ein enges Anlagekorsett führen zu einem immer unvorteilhafteren Preis-Leistungs-Verhältnis für die Firmen und ihre Angestellten.»

Axa mischt Karten neu – zum eigenen Vorteil

Das klingt fürsorglich, ist aber nur die halbe Wahrheit. Der Versicherungsriese sichert sich dank dem Rückzug einen fetten Jackpot: 2,5 Milliarden Franken. Das Geld diente als Garantie, dass der Konzern seinen Versicherten auch in schlechten Zeiten jederzeit die versprochene Rente auszahlen kann. Das Risikokapital besteht aus Eigenmitteln des Versicherers. Sie stammen auch aus den Gewinnen mit der Vollversicherung. Jetzt streicht die Axa die Milliarden ein. «Über die konkrete Verwendung wird der Verwaltungsrat der Axa zu gegebener Zeit entscheiden», heisst es beim Versicherer.

Auch sonst hat die Axa die Karten neu gemischt – zum eigenen Vorteil. Ein Grossteil der Vollversicherungskunden wird in eine teilautonome Stiftung der Axa wechseln müssen, weil sie sonst nirgends oder nur zu schlechteren Bedingungen unterkommen. Im neuen Modell übernimmt die Axa die Administration, die Vermögensverwaltung, die Risikoversicherung für Invalidität und Tod. Und kassiert dafür Prämien.

Es ist, wie wenn man den Fünfer und das Weggli nimmt. Das Prämienvolumen werde sich zwar um rund 5,5 Milliarden Franken reduzieren, der Betriebsgewinn aber nur um rund 30 Millionen Franken sinken, schätzt die Axa. Über die letzten Jahre lag der Betriebsgewinn bei rund 200 Millionen Franken.

Auslaufmodell Vollversicherung

Nach neusten Zahlen der Finanzmarktaufsicht (Finma) sind rund 1,2 Millionen Kunden einer Vollversicherung angeschlossen. Nach dem Ausstieg der Axa wird diese Zahl unter die Millionengrenze sinken. Vollversicherungen bieten nur noch Swiss Life, Helvetia, Bâloise, Allianz Suisse und Pax.

Unbestritten: Die Zeiten sind schwierig für die Vollversicherer, erst recht, weil gesetzliche Vorgaben die Anbieter zu einer vorsichtigen Anlagestrategie zwingen. Genügend hohe Gewinne zu erzielen wird wegen der anhaltend sehr tiefen Zinsen Altersvorsorge Sind unsere Renten noch zu retten? immer schwieriger. Hinzu kommt, dass Gelder von Jung zu Alt fliessen. Nur noch so lassen sich bestehende Renten finanzieren. Bei der Axa zahlt jeder aktiv Versicherte pro Jahr 1500 Franken dafür. Geld, das im Alter fehlen wird.

Noch bekennen sich die anderen Gesellschaften zur Vollversicherung. Doch angesichts der Probleme scheint es nur eine Frage der Zeit, bis sich weitere Anbieter zurückziehen. Experten ist klar: Die Vollversicherung ist ein Auslaufmodell.

Wie funktioniert die Pensionskasse?

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Die berufliche Vorsorge bildet die zweite Säule im Schweizer Vorsorgesystem.

600 Millionen Franken Gewinn im Jahr

Das war anders geplant, als der Bundesrat 2004 die sogenannte Mindestquote (Legal Quote) für die Versicherer einführte, um Kleinfirmen eine Kapitalgarantie zu sichern. Seither können Versicherer bis zu zehn Prozent des Bruttogewinns aus dem Geschäft mit der beruflichen Vorsorge einstreichen.

Das ist viel mehr, als die Sozialkommission des Parlaments ursprünglich plante. Sie wollte den Versicherern nur zehn Prozent des Nettogewinns zugestehen. Der kleine Unterschied von netto und brutto hatte grosse Auswirkungen: Die Vollversicherer verdienten seither im Schnitt gut 600 Millionen Franken pro Jahr. Bei einer Nettolösung wäre es halb so viel gewesen.

Was die Ausgangslage für die Versicherer zusätzlich besser macht: Sie können selber festlegen, welche Preise sie den Versicherten für ihre Dienstleistungen und die Risikotarife verrechnen. Pensionskassenexperte Jürg Keller kam deshalb in einer Expertise zum Schluss: «Indem die Kosten für den Vertrieb der Mindestquotenrechnung belastet werden können, finanziert und sichert das BVG-Geschäft ein Grundeinkommen für den Aussendienst.»

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Hohe Rückstellungen gebildet

Das grosse Rad wird aber im Risikoprozess gedreht. Dort sind die Erträge fast doppelt so hoch wie der Aufwand. Von 2008 bis 2016 lag der Gewinn zwischen 1 und 1,7 Milliarden Franken. Die Versicherer verwendeten diese Gelder als Puffer für Rückstellungen und die Finanzierung der bestehenden Renten. Auch davon profitierten sie. Denn je höher die Prämie, desto höher fällt der Ertragsüberschuss aus.

Das alles geht zulasten der Versicherten. In der Vollversicherung zahlen sie für minimale Garantien einen maximalen Preis. Denn die Versicherungen haben in den vergangenen Jahren so hohe Rückstellungen gebildet, dass sie selbst in sehr schlechten Jahren nicht Gefahr laufen, zur Sicherung der Renten eigenes Geld einschiessen zu müssen. Im Krisenfall können sie Rückstellungen auflösen oder Defizite erst im Folgejahr verbuchen.

Nur einmal ging die Rechnung nicht auf

Seit 2005 gab es nur ein einziges Jahr, in dem ihre Rechnung nicht aufging: 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Damals schrieben die Versicherer einen Betriebsverlust von 906 Millionen Franken. Trotzdem verbuchte die Mehrzahl der im BVG-Geschäft tätigen Konzerne auch in jenem Jahr schöne Gewinne. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund sieht diese Lizenz zum Geldverdienen entsprechend kritisch: «Es ist ein Geschäft mit doppeltem Boden. Es sind die Versicherten, die den Grossteil der vielgepriesenen Sicherheiten selber bezahlen.»

Nach dem Ausstieg der Axa aus der Vollversicherung stellt sich die Frage, ob die Legal Quote in ihrer bisherigen Form noch gerechtfertigt ist. Denn eine garantierte Gewinnbeteiligung von zehn Prozent lässt sich ohne Kapitalgarantie schlecht rechtfertigen.

Versicherer verteidigen ihre Pfründen

Bisher verteidigen die Versicherer ihre Pfründen erfolgreich. Ihr Argument verfing: Eine unterschiedlich hohe Mindestquote für Vollversicherung und Risikoversicherung führe zu einer Entsolidarisierung und bedeute Mehrkosten für die Versicherten.

Ein mittlerweile schwaches Argument. Das sieht auch der bekannte Pensionskassenexperte Martin Wechsler so. In der Fachzeitschrift «Schweizer Personalvorsorge» erklärte er: Alle Gewinne in der obligatorischen Vorsorge gehörten den Versicherten, die Mindestquote könne man streichen. «Die Mindestquote wurde ja mit der Begründung eingeführt, die Kapitalgarantie müsse abgegolten werden. Aber im Risikobereich gibt es keine Kapitalgarantie.» Vielleicht führt das unzimperliche Vorgehen der Axa nun aber zum Umdenken.

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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