Er ist der Mann, den Dutzende von italienischen Gastarbeitern verwünschen. Während Jahren leitete A.G.* das italienische Gewerkschaftsberatungsbüro Inca in Zürich und lenkte Pensionskassenkapital seiner Landsleute auf sein Privatkonto um. Mit dem Geld entrichtete er ­Pseudorenten für andere Pensionierte, zahlte eigene Schulden zurück und ­gewährte Freunden und Verwandten Darlehen. Vor allem aber finanzierte er sich damit ein aufwendiges Leben mit Frauengeschichten und Luxusuhren.

Zum Interview erscheint A.G. im lindgrünen Lacoste-Shirt und in kurzen Hosen. Sein Haar ist kurzgeschoren, er trägt eine Brille, wirkt freund­lich, unscheinbar. Seine braunen Augen ­suchen den Gesprächspartner ab, die schmalen Lippen reden sich durch seine Vergangenheit. Er kann alles erklären, und man ist geneigt, ihm das auch zu glauben. Schliesslich sagt er: «Es war eine perverse Selbstüberschätzung. Ich war in einem Rausch.»

Solche Worte hören sich gut an im Vorfeld einer Gerichtsverhandlung. Doch meint er auch, was er sagt? Oder glaubt er nur, was er meint? Nächste Woche wird er dem Bezirksgericht ­Zürich und 64 Privatklägern erklären müssen, weshalb er reihenweise ­Gastarbeiter über den Tisch gezogen und Mil­lionen für sich abgezweigt hat. Der Beobachter berichtete in den vergangenen Jahren mehrfach über A.G.s Machenschaften. Die Stiftung SOS-Beobachter finanzierte Geschädigten einen Anwalt.

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Egoistisch, narzisstisch, skrupellos

A.G., 52-jährig, spricht mit sanfter Stimme. Er wirkt kollegial, hört zu und argumentiert. Die Einvernahmepro­to­kolle zeichnen allerdings ein anderes Bild. A.G. erscheint darin als egoistisch, narzisstisch, als einer, der an­dere manipuliert, skrupellos. Und als stressresistent: Sein Geldumleitesystem betrieb er parallel zu seinem Job, nebenbei pflegte er mit fünf Frauen gleichzeitig eine Beziehung und verbrachte Stunden auf Online-Plattformen, um teure Uhren und anti­­­qua­rische Bücher zu kaufen. Nein, ­alles unter einen Hut zu bringen, sei kein Problem gewesen, sagt er; es schwingt Stolz mit.

Anfang 2009 fliegt A.G. auf. Seither spielt er seine besonderen Fähigkeiten gegenüber den Ermittlungsbehörden aus. Er beeindruckt sie, indem er ihnen zahlreiche Zahlungen auswendig diktiert – viele stimmen bis ins letzte Detail. Die Fachliteratur spricht in ­solchen Fällen von «machiavellistischer Intelligenz», von der Begabung, andere vom eigenen Tun zu überzeugen, die effektive Unrechtmässigkeit quasi im rechten Licht erscheinen zu lassen und andere für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren.

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Kurz vor seinem Gerichtstermin spricht er von Reue, von einer Zeit, die er gerne rückgängig machen würde. Doch wie ernst ist es ihm damit? Ein kurzer Wortwechsel an einer der letzten Einvernahmen am 3. April 2013 zeugt von wenig Einsicht.

«Sind Sie bereit, die Ihnen drohende Strafe vorzeitig  anzutreten?»

Staatsanwalt

«Nein.»

A. G.

«Das wäre aber ein starkes Signal von Reue und Einsicht in das Unrecht der Taten.»

Staatsanwalt

«Ich möchte mit meinem Verteidiger Rücksprache nehmen.»

A. G.

A.G. gibt fortan keine Antwort mehr, die Einvernahme ist beendet.

In der ersten Befragung am ­5. Mai 2009 hatte A.G. noch erklärt: «Ich bin hier, um ein Geständnis abzu­legen.» Bevor er zum konkreten Sachverhalt befragt wird, sagt er dem ­Polizisten: Er wisse, dass es bei Wirtschaftsdelikten auch bedingte Strafen gebe. Er lehne ein solches Urteil ab. Er sei bereit, seine Strafe abzusitzen und für seine Taten zu büssen. Doch was folgt, ist maximal ein halbes Geständnis. Er gibt immer nur zu, was man ihm beweisen kann.

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Was ist hier passiert? Eine Chronologie der Ereignisse

Der Beobachter berichtet seit November 2009 in regelmässigen Abständen über diesen Fall. Eine Chronologie der Ereignisse rund um den Millionenbetrüger A. G. finden Sie unter www.beobachter.ch/inca.

A.G. beugt sich über den Tisch und sagt verstohlen: Klar, er habe zu verantworten, was er getan habe. Aber es sei auch die Schuld anderer gewesen, dass es so weit kommen konnte: die Schuld der Pensionskassen, die ohne grosse Kon­trolle Gelder auszahlten, der Banken, die darüber hinwegsahen, dass das angebliche Vereinskonto sein Privatkonto war. Dem Staatsanwalt sagte er in einem seltenen Moment der Einsicht, es sei «Grössenwahn bezüglich der Selbstverwaltung» gewesen. Und verschleierte dabei seine wahren Absichten: «Ich wollte wie eine Bank handeln. Die Bank gab nur zwei Prozent Zinsen; ich dachte, ich könnte den Personen mehr auszahlen.»

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Ja, er kann alles erklären. Doch das macht es nicht besser. Zwischen 2001 und 2009 liess er sich von 249 Personen Pensionskassengelder auszahlen. 76 Fälle rekonstruierte der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift. In diesen Fällen geht es um 12,2 Millionen Franken. 7,4 Millionen kamen bei den tatsächlich Berechtigten nie an.

So unscheinbar, wie er heute wirkt, verlief auch sein Leben. Aufgewachsen in Zürich. Die Eltern, italienische Gastarbeiter, führen ein Schneider­geschäft. Er absolviert das italienische Gymnasium, spielt Fussball, 1980 gar bei den GC-Junioren. Später studiert er in Mailand Politikwissenschaft, zudem belegt er Kurse in Verwaltungs-, Vereins- und Sozialversicherungsrecht. Zeitweise sympathisiert er mit der ex­tremen Linken. Mitte der 80er-Jahre wieder in Zürich, vernetzt er sich rasch. 1987 beginnt er beim Gewerkschafts­büro Inca. Fünf Jahre lang präsidiert er die Società Cooperativa, das Zürcher Tradi­tionslokal «Coopi». 2001 demissioniert er Hals über Kopf. Angeblich, weil das Defizit der Genossenschaft grösser war als erwartet. Ein Beteiligter von damals will aber wissen, dass es in der Buchhaltung zu Unstimmigkeiten gekommen war. Aktenkundig ist nur, dass A.G. 50 000 Franken aus eigenen Mitteln einschiessen musste und darauf aus dem Vorstand zurücktrat.

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Im Lotto knapp eine Million gewonnen

Zu der Zeit hat er bereits begonnen, Pensionskassengelder von Gastarbeitern auf sein Konto umzulenken. ­Eigentlich hätte er das Geld gar nicht nötig, denn am 14. Juni 1997 glückt ihm, wovon Millionen von Menschen träumen: Er knackt im Schweizer Zahlenlotto den Jackpot, gewinnt 911 000 Franken. Abzüglich Verrechnungssteuer werden ihm am 27. Juni 1997 627 000 Franken ausbezahlt. Es klingt, als wäre es der grösste Coup in seiner zwielichtigen Karriere, doch Bankauszüge belegen den Lottogewinn. Trotz diesem Finanzpolster kreiert er ein System, das er in der Einvernahme «meine phantastische Konstruktion» nennt. Der Staatsanwalt rechnet ihm später vor, dass er bereits 2001 hoffnungslos überschuldet war, nur vier Jahre nach dem Lotto­gewinn. Doch A.G. redete sich die Situation schon damals schön.

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«Ich muss Ihnen sagen, dass man mit so viel Sackgeld zur Verschleuderung neigt.»

A. G.*, Angeklagter

Immer wieder hat A.G. finanzielle Engpässe, beschafft sich aber einfach neues Geld. Er gibt monatlich 30000 Franken aus, bei einem Salär von 7000 Franken. Über die Jahre belaufen sich seine Auslagen auf über drei Millionen Franken. Er spielt den fürsorglichen Freund, den grosszügigen Geschäftsmann. Er kommt für die Steuern einer Geliebten auf, finanziert seiner Schwester eine Operation, zahlt für eine andere Geliebte die Miete. Seinem Bankberater leiht er 100 000 Franken für einen Hauskauf. Doch den Kern seiner Ausgaben bilden seine mass­losen Online-Käufe. Für über zwei Millionen Franken ersteht er Luxus­uhren – Breitling und Rolex –, die er mit grossem Verlust wieder verkauft. Er gibt das Geld mit beiden Händen aus.

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Zahlt er noch immer nicht?

Hinzu kommt seine Schwäche für antiquarische Bücher. Bis heute kauft er online Bücher – es gibt Hinweise, dass er sie wieder nicht bezahlt. Im Mai 2009 sagt er in der Einvernahme: «Ich war Ebay-süchtig.» Und: «Ich muss ­Ihnen sagen, dass man mit so viel Sackgeld zur Verschleuderung neigt.» Damit gibt er mehr über sich preis, als ihm lieb ist: Das Alterskapital der Gastarbeiter war nur sein «Sackgeld».

Angeklagt ist A.G. wegen gewerbsmässigen Betrugs, Veruntreuung und mehrfacher Urkundenfälschung. Der Staatsanwalt fordert neun Jahre Gefängnis. A.G. ist klar, dass es für ihn ungemütlich wird, es ist längst ungemütlich. Er arbeitet bei einer Bau­firma, sein Lohn von 5000 Franken wird gepfändet, ihm bleibt das Existenz­minimum. Er zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf. Eigentlich möchte er «diese düstere Zeit» endlich hinter sich lassen. Er spricht von der bevorstehenden Haft, philosophiert über seine womöglich im Jahr 2024 stattfindende Entlassung und ­seine dann bevorstehende Pensionierung. Er hat Tränen in den Augen. Aber man ist geneigt, ihm nicht zu glauben. Denn er kann alles erklären.

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* Name der Redaktion bekannt