«Prudent expert rule», «liability-driven investments» oder «dynamische Anlagestrategien ohne Shortfall-Aversion» - Stiftungsräten in Schweizer Pensionskassen wird einiges an Fachchinesisch zugemutet. Aber offenbar nicht zu viel, nimmt man eine Beobachter-Umfrage bei Arbeitnehmervertretern von 15 Vorsorgeeinrichtungen als Gradmesser: Sämtliche antwortenden Stiftungsräte fühlen sich nie oder nur selten überfordert.

Zwar schreibt Suzanne Steiner-Weck, Präsidentin der Arbeitnehmervertretung in der Pensionskasse der Firma Sulzer in Winterthur: «Die Aufgaben sind komplex und eine echte Herausforderung.» Sollte sie aber einmal überfordert sein, könne sie sich ja entweder intern oder extern die nötigen Auskünfte holen. Als Mitglied im Anlageausschuss sitzt sie an der Schaltstelle und investiert zwischen 28 und 30 Tage pro Jahr in ihre Funktion, Fortbildung inklusive.

«Selten überfordert» fühlt sich auch Christa Mutter, Stiftungsrätin in der Journalistenpensionskasse Freelance. Obwohl sie im Normalfall jährlich nur zwei Tage für ihre Ratstätigkeit aufwendet. Mutter schränkt allerdings ein: «Für Laien-Stiftungsräte schwer bis unmöglich zu beurteilen sind insbesondere Details der Anlagestrategie.» So sieht es auch Peter Mayer, Stiftungsrat bei SFS Stadler in Heerbrugg und durchschnittlich fünf Tage pro Jahr für sein Amt engagiert: «Wer Fragen stellt, kommt zu entsprechenden Antworten. Bei komplizierten Finanzinstrumenten ist man aber auf die Beurteilung durch Fachspezialisten angewiesen.»

Das ist die Realität bei den meisten der rund 3000 Pensionskassen, die dem Gesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) unterstehen. Der paritätisch zusammengesetzte Stiftungsrat hat im Milizsystem die strategischen Ziele festzulegen, die Kasse zu führen und zu überwachen. Aber: «Pensionskassen neigen teilweise dazu, möglichst viele Aufgaben zu delegieren. Tätigkeiten sind delegierbar, nicht aber die gesetzlich fixierte Verantwortung», so Stephan Dahlem, Projektleiter Pensionskassenmanagement an der Uni St. Gallen.

Dabei geht es immerhin um rund 660 Milliarden Franken, die in der zweiten Säule angespart sind - für die meisten der 3,34 Millionen Versicherten und 830'000 Rentner der grösste Altersbatzen. «Wichtige Geschäfte, insbesondere in der Vermögensanlage, muss sich der Stiftungsrat zur Bewertung und Genehmigung vorbehalten. Seine Aufgaben gehen weit über eine herkömmliche Kontrollfunktion hinaus», sagt Dahlem.

Und da läuten nach mehreren Skandalen der letzten Jahre erneut die Alarmglocken. Mehrere Vorsorgeeinrichtungen sind in die Affäre rund um die Swissfirst-Bank verwickelt. So hat etwa die Siemens-Pensionskasse kürzlich ihren Portfoliomanager entlassen. Es geht dabei um Sonderzahlungen, heikle Darlehen, riskante Aktienanlagen und undurchsichtige Übernahmetransaktionen.

Hohes Verbesserungspotenzial
Stiftungsräte stossen da schnell an ihre Grenzen. In der Beobachter-Umfrage gibt der antwortende Siemens-Arbeitnehmervertreter zu Protokoll: «Bei den Experten geht es oftmals darum, keine Schuld zu tragen, wenn sie sich irren. Viele Analysen werden mit ‹wenn› und ‹aber› formuliert.» Gleichwohl fühlt sich auch dieser Stiftungsrat selten überfordert.

Die durchwegs positive Selbsteinschätzung in Sachen Kompetenz kontrastiert mit den Resultaten einer Beobachter-Umfrage vor sieben Jahren (siehe Artikel zum Thema «Pensionskassen: Laien bestimmen über Milliardenvermögen»). Damals stufte sich erst ein Drittel der Befragten als «sattelfest» ein. Haben die Kassen dieses Mal ihre kompetentesten Stiftungsräte antworten lassen? Eine Befragung der Universität St. Gallen vom Mai 2006 unter Stiftungsräten und Geschäftsführern von Pensionskassen lässt diesen Schluss zu: Denn 89 Prozent der Befragten sehen mittleres bis sehr hohes Verbesserungspotenzial bei «Qualifikation und Fachwissen im Stiftungsrat» und 83 Prozent beim «Risikomanagement».

Der Job wird immer anspruchsvoller
«Pensionskassen sind heute noch teilweise sehr unprofessionell, wenn man sie mit Versicherungen und Banken vergleicht», sagt der St. Galler Universitätsprofessor Thomas Geiser. Die Folge: Die Stiftungsräte treten zu viel Macht an Vermögensverwalter, Anlageberater und Pensionskassenexperten ab. Und entsprechend frei können Geschäftsführer sowie Berater schalten und walten. Für gutes Geld notabene: Hochgerechnet geben Pensionskassen jährlich rund 1,8 Milliarden Franken für Verwaltung und die Vermögensanlage aus - was knapp zehn Prozent der Rentenzahlungen entspricht.

Zudem investieren bereits 45 Prozent aller Kassen in oft wenig transparente Anlagen wie Hedgefonds und Private Equity (privates Beteiligungskapital) - darunter auch Kassen mit Unterdeckung. Dies zeigt die aktuelle Swisscanto-Studie 2006, an der 244 Pensionskassen mit 314 Milliarden Franken Vorsorgevermögen teilnahmen. Bei komplexen Anlagen - so die Verfasser der Studie - werde «die Wahrnehmung der Führungsaufgaben durch den Stiftungsrat noch anspruchsvoller».

Die Vorsorgeeinrichtungen haben die Aus- und Weiterbildung ihrer Stiftungsräte «auf eine Weise zu gewährleisten, dass diese ihre Führungsaufgaben wahrnehmen können», heisst es im BVG. So haben die 15 Arbeitnehmervertreter der Beobachter-Umfrage in den letzten drei Jahren zwischen zwei und 27 Tage in ihre Pensionskassen-Fachbildung investiert. Vor allem Mitglieder von Anlageausschüssen absolvieren Seminare, aber auch interne Schulungen ihrer Vorsorgeeinrichtung. 1999 hingegen war noch jeder fünfte Stiftungsrat ohne Weiterbildung gewesen.

Doch wie umfassend werden die Stiftungsräte heute ausgebildet? «Es gibt dazu keine Daten und keine Evaluation. Die Ausbildung geschieht aber bestimmt in sehr unterschiedlicher Form», erklärt Colette Nova, Pensionskassenexpertin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, dessen Bildungsinstitut Kurse für Stiftungsräte durchführt.

Das tun auch Banken, Versicherungen, Berufsverbände, Fachschulen, Universitäten und spezialisierte Berater. Zur Qualifikation ihrer Kursteilnehmer halten sie sich - wenig überraschend - bedeckt. Tenor: Mit entsprechender Unterstützung seien Stiftungsräte durchaus in der Lage, die Strategie ihrer Pensionskasse festzulegen. Nicht jedes Mitglied müsse dabei alles im Detail verstehen. So argumentieren auch mehrere Stiftungsräte in der Beobachter-Umfrage: Wenn Gremien sich arbeitsteilig organisierten, seien sie als Ganzes fachkompetent.

Mit der Komplexität der zweiten Säule sei das Niveau in den Stiftungsräten allgemein gestiegen, findet Werner Hug. Der Berner Pensionskassenberater sieht vor allem bei den kleineren Vorsorgeeinrichtungen noch fachliche Defizite, unabhängig ob Arbeitnehmer- oder Arbeitgeber-Stiftungsrat. Hier fehle es teilweise am nötigen Basiswissen.

Hug stört generell das in weiten Kreisen schlechte Image des Milizgremiums: «Viele werten eine Tätigkeit im Stiftungsrat als Vereinsmeierei.» Daher sei es schwierig, gute Leute für diese Aufgabe zu finden. Stiftungsräte sollten mehr Anerkennung bekommen - aus ganz egoistischen Gründen: «Schliesslich entscheiden sie wesentlich mit, wie viel Geld wir später als Pensionierte zur Verfügung haben.»

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