Tobias Islers* Start ins Leben war wenig verheissungsvoll. Seine alleinerzie­hende Mutter gab ihn als Kleinkind in eine Pflegefamilie. Aus unerfindlichen Gründen passte das der Mutter aber ­irgendwann nicht mehr. Noch bevor er in die Schule kam, ­wurde er in einer Grossfamilie untergebracht, und ein Kinderheim nach dem anderen ­folgte. Schliesslich landete er in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche.

Eine Beziehung zu seiner Mutter, zu der er auch heute noch kaum Kontakt hat, konnte er nicht aufbauen; der leibliche Vater tauchte nie auf. «Es war eher ein Zufall, dass Tobias als Kleinkind zu uns kam und ich sein Götti wurde», sagt Urs Grimm*. Grimm, ein heute pensionierter Architekt, ist Islers früherer Pflegevater. Seine Familie betreute den Jungen während einiger Jahre.

Mit 20 wird er zum ersten Mal Vater

Die Schule verliess Tobias mit einem schmalen Rucksack, die Lehre brach er ab. Er hing herum, nahm Drogen, machte Therapien – erfolglos. Die Spirale nach unten drehte sich immer weiter. Als er 20 war, gebar seine damalige Freundin ein Kind. Vier Jahre später wurde er erneut Vater; die Mutter war eine andere Frau. Isler hatte weder eine Berufsausbildung noch eine feste Anstellung. Unterhaltszahlungen leistete er keine, die Steuerrechnungen liess er unbezahlt liegen. Der Schuldenberg des damals 27-Jährigen betrug knapp 90'000 Franken.

Islers Götti verhandelt mit den Gläubigern. Er bewegt sie dazu, auf Forderungen zu verzichten.

«Ich war am Boden», sagt er, «und dazu kam noch die Trennung von einer Frau.» In seiner Not wandte er sich 2009 an seinen ­Götti, zu dem er sieben Jahre lang keinen Kontakt mehr gehabt hatte. «Für mich war vom ersten Moment an klar, dass ich ihm helfen musste», erzählt Urs Grimm, «allerdings habe ich ­unterschätzt, wie sehr mich das beanspruchen würde.»

Es bleibt nur noch der Privatkonkurs

Isler und sein Götti definierten drei Ziele: «Als Erstes eine Arbeitsstelle, dann Schuldenfreiheit und einen Lehrabschluss.» Grimm erreichte, dass Isler Privatkonkurs machen konnte. Doch die Verlustscheine bestanden natürlich weiter. Sollte der junge Mann nicht jahrelang von Gläubigern verfolgt werden, musste er mit ­ihnen eine Einigung erzielen. Während dreier Jahre verhandelte der Götti mit über einem Dutzend Gläubiger. Er konnte alle zu einem teilweisen oder sogar vollständigen Verzicht auf ihre Forderungen bewegen, so etwa den Sozialdienst einer Berner Gemeinde oder die Steuerverwaltungen von Stadt und Kanton Bern. Auch Grimm selbst verzichtete auf die Rückzahlung eines Dar­lehens. Mit einer Zahlung von 26'000 Franken konnte sich Isler von seinem Schuldenberg befreien. Doch dieses Geld hatte er sich zuerst erarbeiten müssen.

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Im Herbst 2009 konnte er als Hilfs­elektriker bei einem grossen Elektro- und Telematikunternehmen anfangen. Zukunftstauglich war das allerdings nicht. Es brauchte resolutes Zureden, bis Isler einwilligte, im selben Betrieb eine Lehre als Elek­triker zu beginnen, zumal er damals 13 Jahre älter war als seine ­Mitlehrlinge. «Ich habe es mir nicht zugetraut, mein Selbstwertgefühl war sehr schlecht», sagt er. Als ihm jedoch der Chefmonteur verdeutlichte, dass er es als Hilfs­elektriker in späteren Jahren auf dem Arbeitsmarkt schwerhaben werde, machte es «klick».

Spendensammlung für die Ausbildung

Gleichzeitig startete Urs Grimm die Aktion «Ausbildungsbeiträge für To­bias Isler». Er hatte ja schliesslich noch für zwei Kinder Alimente zu zahlen, was mit einem Lehrlingslohn kaum möglich war. Grimm brachte mit der Aktion rund 37'000 Franken zusammen. Eine der Stiftungen, die geholfen haben, ist SOS Beobachter.

Quelle: Kornel Stadler
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Ein weiterer Meilenstein war, dass Grimm erreichen konnte, dass ein Strafverfahren gegen seinen Schützling wegen nicht gezahlter Alimente eingestellt wurde. Nachdem Justiz und Bürokratie mit schwerem Geschütz vorgegangen waren, mussten sie nach Grimms Intervention feststellen, dass Isler gar nicht in der Lage gewesen ­wäre, Unterhaltsbeiträge zu zahlen.

Entscheidend war aber, dass Isler nicht den üblichen Lehrlingslohn erhielt: Sein Arbeitgeber zahlte ihm im ersten Ausbildungsjahr 3300 Franken monatlich, im letzten 3700 Franken. So konnte er immerhin 900 Franken Alimente bei einem monatlichen Gesamtbudget von 4000 Franken leisten. «Ohne dieses grosszügige Entgegenkommen hätte ich keine Lehre machen können», sagt Isler. Es sei nicht von Anfang an klar gewesen, dass er es schaffen würde, meint der Geschäftsführer der Lehrfirma, die nicht nament­lich genannt werden möchte. «Doch das Erfolgsrezept war, den Weg der kleinen Schritte zu gehen.» So musste Tobias Isler zu Beginn während 14 Tagen beweisen, dass er pünktlich zur Arbeit erscheinen konnte. Später wurden ihm leichtere, dann immer anspruchsvollere Arbeiten übertragen.

«Ich habe mir eine Lehre nicht zugetraut. Mein Selbstwertgefühl war sehr schlecht.»

Tobias Isler*, Elektriker

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Nicht alles lief während der dreijährigen Lehre rund. «Ich hatte meine Tiefs, wollte manchmal den Bettel hinschmeissen, doch meine Freundin richtete mich dann wieder auf», erzählt Isler. «Und schliesslich wollte ich auch die zahlreichen Leute nicht enttäuschen, die mir so viel Vertrauen geschenkt hatten.» Auch der Arbeit­geber freute sich natürlich. Doch wieso nahm er überhaupt dieses Risiko auf sich? «Zum einen war es sicher ein Freundschaftsdienst an Urs Grimm, der die treibende Kraft war und mit dem wir eine jahrelange gute Zusammenarbeit hatten.» Aber er habe auch gespürt, so der Geschäftsführer, dass in diesem jungen Mann einiges stecke, das man herausholen könne. Und schliesslich sei ihre Unternehmenskultur von sozialen und ethischen Werten geprägt. Man habe schon immer versucht, schwierige Mitarbeiter zu integrieren. «Dabei scheitern wir auch, aber bei mehr als der Hälfte ­haben wir Erfolg.»

«Der Chef drückte oft ein Auge zu»

Geschäftsführer und Chefmonteur hielten auch in schwierigen Phasen zu Isler, konnten ihn immer wieder mo­tivieren. «Dabei drückte der Arbeit­geber oft ein Auge zu, insbesondere bei Absenzen», sagt Grimm. Doch Isler lohnte das Vertrauen: Mit einem Notendurchschnitt von 4,9 hat er vor gut einem Jahr die Lehre als Zweitbester der Firma abgeschlossen; heute ist er dort ein geschätzter Mitarbeiter. «In den nächsten Jahren möchte ich mich in Richtung alternative Energien weiterbilden», schildert er seine Pläne.

Doch nicht nur seine berufliche und finanzielle Situation klärte sich, auch das Privatleben kam in geord­nete Bahnen. 2012 heiratete ­Isler seine langjährige Freundin. In der grösseren Wohnung hat Islers zweite Tochter, die jedes zweite ­Wochenende bei ihm verbringt, ein eigenes Zimmer. Das erste Kind wurde vom neuen Partner der Mutter adoptiert.

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Die vergangenen sechs Jahre waren kein Spaziergang. Es gab Rückschläge und zähflüssige Verhandlungen mit Dutzenden von Beamten und Gläu­bigern – ein Behördenmarathon der gröberen Art. Und nicht alle waren hilfsbereit. So musste sich Grimm von einer Steuerbehörde, die er um einen Rat gefragt hatte, sagen lassen: «Wir sind eine Steuerbehörde und keine ­Beratungsstelle für ratlose Beistände.»

Zunächst hatte Grimm aber darum zu kämpfen, dass er überhaupt Beistand sein durfte. Als Isler in eine ­grössere Stadt zog, verfügte die Sozialbehörde, dass nun eine Amtsperson seine Interessen wahrnehmen würde. Grimm argumentierte, dass der Fall sehr komplex sei und dass er ihn wohl besser kenne, als es eine vielbeschäftigte Amtsperson jemals könnte.

KESB verursacht «enormen Aufwand»

Grimms Insistieren führte zum Erfolg. Kurz darauf nahm die neu geschaffene Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) ihre Tätigkeit auf. Und damit wurde es kompliziert. «Die Vorgaben dieser Behörde führten zu einem enormen Aufwand», sagt Grimm. «Allein die periodische Berichterstattung füllt einen ganzen Ordner.»

Statt ihm Steine in den Weg zu legen, könnte sich die öffentliche Hand bei Grimm bedanken: Bevor er sein Mandat übernahm, hatte Isler den Staat rund 120 000 Franken für Therapien und andere Massnahmen gekostet. Nicht auszurechnen, was man noch hätte zahlen müssen, wenn Isler nicht Tritt gefasst hätte.

«Obwohl es viele mühsame Phasen gab, hatte ich mit mehrheitlich wohlgesinnten Leuten zu tun», sagt Urs Grimm, «und die haben ihre Kompetenzen manchmal bis an die Grenzen ausgeschöpft.» Den grössten ­Beitrag habe allerdings Islers Arbeitgeber geleistet – ohne dessen Gross­zügigkeit hätte es nicht funktioniert.

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«Diese Firmenkultur, auch schwierigen Problemen nicht auszuweichen, verdient meinen vollen Respekt», sagt Grimm. Er selbst hat neben seiner ­Arbeit als Architekt rund 1500 Stunden aufgewendet, um Tobias Isler wieder auf die Beine zu helfen. Die Akten füllen elf Ordner. «Es gab schon auch Phasen, in denen ich mich fragte, was das Ganze soll», sagt er rückblickend. Doch mit dem Ergebnis kann er mehr als zufrieden sein.

*Name geändert