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SchuldenspiraleEinst Millionär – heute am Existenzminimum

Ein faules Aktienpaket hat Markus Tschopp* alles gekostet. Seit 15 Jahren versucht er, sein Leben glattzubügeln.

Irgendwann verkaufte er seine Immobilien unter Wert. Irgendwann hatte er keine mehr.
von aktualisiert am 11. Oktober 2018

Er hat in seinem Leben alles richtig gemacht. Und alles falsch. Er, Markus Tschopp*. Major, Vater, Gemeindepräsident.

Geboren in einem Walliser Bergdorf. Für seine Mutter war sein Leben immer ein Wunder, noch vor der Geburt hatten ihn die Ärzte aufgegeben. Für ihn war sein Leben nur Schicksal. «Ich bin dem Herrgott wohl vom Karren gefallen. So war das schon immer», sagt er.

Seine Geschichte erzählt er mit einer Flasche Cola Zero vor sich, der Zucker plagt ihn. Er ist 62, trägt Karohemd, ausgesessene Hose, müde Augen. Im linken wütete der grüne Star, das rechte ist knapp gerettet. Ein ausgeleiertes Leben.

Einmal, da war er jemand, hatte 220 Wohnungen in der ganzen Schweiz. Heute hat er noch ein Zimmer und teilt das Bad mit vier Fremden. Einmal, da war er jemand. Jemand, den man respektiert, den man liebt, dem man vertraut. Und jemand, der eine Chance einfach beim Schopf packt.
 

«Ich war mir so sicher.»


Die Chance hiess Chillmi, schmeckte nach Pfefferminze, Chili und Geld. Viel Geld. So hat es angefangen. Mit einem Energy-Getränk. Vor 15 Jahren ist er mit dem Auto nach Deutschland gefahren. Vier Stunden Fahrt, Hoffnung im Gepäck. An der Louisenstrasse 26 in Wiesbaden hat er vier Kisten Chillmi in den Kofferraum geladen. Eine Probierrunde. Die Getränke-Aktien sollten seinem Sohn zum eigenen Bauernhof verhelfen Hausfinanzierung Damit das Traumhaus kein Luftschloss bleibt , daheim im Walliser Bergtal. «Ich war mir so sicher», sagt er heute. 1,3 Millionen Franken hatte er investiert. Ein Haufen Geld. Für den Bauernhof brauchte er einen grösseren Haufen. Und bis dahin hatte immer alles geklappt. Er hatte immer alles richtig gemacht.

Er war Major, Lehrer, dann Heimleiter und Gemeindepräsident. Und er hatte Geld in Immobilien Eigenheim Wer in Immobilien investiert, muss Hausaufgaben machen . In Wattwil, Biel, Diessenhofen, Dürrenäsch, Chur – ein Mehrfamilienhaus nach dem anderen. Irgendwann machte er sich damit selbständig. Da war alles gut. Er verlegte Böden, montierte Küchen, mähte den Rasen, hatte Mitarbeiter, machte die Buchhaltung. Und er hatte Gewinne. Damals hatte er auch noch eine Frau und drei Kinder.

Bei Gaunern gelandet

«Dann hatte ich das Gefühl, dass man mit dem ganzen Geld etwas anfangen muss. Ich habe zum ersten Mal Aktien gekauft. E-Zigaretten Rauchen Neue Tricks – alte Lügen , was Kleines, ohne Risiko. Auch das waren Gauner. Aber so etwas erfährt man immer erst danach.»
 

«Das ganze Geld haben die Typen in Bordellen versoffen.»


Die Investition sicherte ihm einen Platz in der Gaunerkartei, und sein Name kursierte von nun an im grauen Kapitalmarkt – dem unregulierten Teil des Finanzmarkts. Ohne staatliche Aufsicht, ohne Sicherheit. Eines Tages war eine Treuhandfirma aus Karlsruhe am Telefon. Sie lockte und verführte ihn und lud ihn nach Wiesbaden ein. Von da an träumte er den Traum von Chillmi. «Dreimal war ich da oben in Wiesbaden, habe den Businessplan vorgelegt bekommen. Chillmi war an der Frankfurter Börse gelistet, es hatte Sekretärinnen am Empfang und Mitarbeiter im Büro. Alles schien perfekt. Ich habe doch nie damit gerechnet, dass das in einem Betrug endet. Nie.»

Damals wusste er nicht, dass hinter der Swiss Chillmi AG Namen stecken, die mit zahlreichen dubiosen Gesellschaften in Verbindung gebracht werden. Auch mit den E-Zigaretten, an die Tschopp schon einmal Geld verloren hatte. Chillmi, das war vor allem schöner Schein. Er diente dazu, Anleger wie Markus Tschopp an Land zu ziehen Anlagebetrug Wers glaubt, verliert . Die Wertpapierdepots blieben aber für immer leer. Die 1,3 Millionen Franken waren weg, der Bauernhof war ausgeträumt.

«Das ganze Geld haben die Typen in Bordellen versoffen. Dafür sind sie drei oder vier Jahre ins Gefängnis gekommen. Drei oder vier Jahre, während ich nun seit fünfzehn Jahren versuche, mein Leben wieder glattzubügeln.»

Die Verzweiflung

So fing es an. Er hatte in seinem Leben etwas falsch gemacht. Und so ist es weitergegangen. «Ich konnte nicht aufgeben, wollte den Verlust noch retten. Ich hatte ja noch etwas Vermögen. Ein eidgenössisch diplomierter Finanzberater hat mir drei wasserdichte Projekte empfohlen, und ich habe nochmals eine halbe Million investiert. Und nochmals verloren. Auch der Finanzberater ist reingefallen.» Dann kamen die Steuern. Die verlorenen Millionen waren Gewinne aus den Mehrfamilienhäusern Vermieter werden Mit Wohneigentum Geld machen? – und als solche steuerpflichtig Steuereinschätzung Steueramt ruiniert Handwerker . Auch die AHV hatte Forderungen an den Arbeitgeber Tschopp.
 

«Ich habe alle enttäuscht. Und am meisten mich selbst.»


Und der versuchte weiter, zu retten, was noch zu retten war. Er verkaufte eine Wohnung nach der andern, wieder fielen Gewinnsteuern an. Er wurde immer verzweifelter. Irgendwann verkaufte er seine Immobilien unter Wert. Irgendwann hatte er keine mehr zu verkaufen. Alles, was blieb, war der Schuldenberg.

Heute lebt Markus Tschopp von 2300 Franken, Existenzminimum Existenzminimum Was muss zum Leben reichen? . Der Rest seines Lohns wird weggepfändet. Er arbeitet wieder als Lehrer. Französisch und Sport, auf einem Auge blind. Immer müde, wegen des Zuckers und des Schuldenbergs. Und einsam, weit weg von seiner Walliser Heimat. Weit weg von seiner Familie, weit weg vom ausgeträumten Bauernhof.

Markus Tschopp dreht die Cola-Flasche vor sich, die Augen am Etikett. Manche Erinnerungen sind schmerzhafter als andere. «Stefan, mein Sohn, er hat dann den Hof seines Schwiegervaters übernehmen können. So ist das mit dem Schicksal. Ich gönne ihm das von ganzem Herzen. Kontakt haben wir aber nicht mehr. Als Bauer hat er viel um die Ohren. Das verstehe ich. Und man hat halt mehr von mir erwartet.» Von ihm, dem Major und Gemeindepräsidenten. Wie konnte so jemand auf so etwas reinfallen? «Ich habe alle enttäuscht. Und am meisten mich selbst.»

Die Familie am Ende

Als das Loch endgültig nicht mehr zu stopfen war, trennte sich Markus Tschopp von seiner Frau und zügelte in den Kanton Basel. Gestritten haben die beiden nie. Es war eine Flucht. Markus Tschopp schämte sich. Seine Familie sollte nicht in die Schulden reingezogen werden. Sie hat schon genug gelitten, vor allem die Kinder, sagt er. Plötzlich war auch für sie ausgeträumt, der Bauernhof beim Ältesten, das ETH-Studium beim Jüngsten. Die Verschuldung hat ihn besonders getroffen, er hat sein Leben nie ganz richtig in den Griff bekommen. Er kämpft heute mit einem Burn-out Depressionen «Depressiv? Ich? Niemals!» , in der Psychiatrie. Der Vater gibt sich die Schuld, versteht ein wenig, warum der Sohn keinen Kontakt mehr will. Nur die Tochter schickt an Geburtstagen und Weihnachten eine SMS. «Ich kann einfach nur sagen, dass ich nie der Einzige war. Auch andere haben in diesem Geschäft viel Geld verloren. Aber das nützt wohl niemandem mehr.»

340'000 Franken Schulden sind bis heute geblieben. Trotz Schuldensanierer, trotz strengem Abzahlplan. Die Hoffnung, dass er diesem Berg irgendwann noch beikommt, wird immer kleiner. Seit zwei Jahren zahlt Markus Tschopp die Krankenkassenprämien nicht mehr. Trotz grünem Star und Zucker. Eigentlich wären die Prämien dem Existenzminimum angerechnet, nach der Lohnpfändung Schulden Pfändung - was heisst das? würde ihm noch genug bleiben, um sie zu bezahlen. Doch nur, wenn Markus Tschopp einen Beleg vorweisen kann, dass er die Prämie jüngst eingezahlt hat. Und dazu fehlt ihm das Geld.

Der Traum vom neuen Leben

Wenn er allein ist in seinem kleinen Zimmer, träumt er von seinem neuen Leben in Ungarn. Dort hat Markus Tschopp eine Roma-Familie kennengelernt. Vater, Mutter und vier Kinder. Auch sie kämpfen mit Geldsorgen, so ist man ins Gespräch gekommen. Seitdem wünscht sich Tschopp, mit ihnen zu leben und Melonen zu verkaufen. Ein paar Mal war er schon auf den Piacok, den ungarischen Marktplätzen, und hat gefeilscht. Ein einfaches Leben. Ein gutes Leben. Ohne Richtig und Falsch. Für Ungarn würde er in der Schweiz alles zurücklassen Auswandern Bin ich wirklich der Typ dafür? , auch seine Kinder. Er ist einsam. Dort im Haus auf dem Land könnte er wohnen. Dort hätte er eine Familie, die für ihn sorgen würde, falls er vollständig erblinden sollte.

Im Sommer hätte es so weit sein sollen, das neue Leben in Ungarn. Doch der Schuldenberg stand im Weg. In einer Nachlassstundung wollte er zusammen mit den Gläubigern eine Lösung finden. Alle bekommen die Hälfte der geschuldeten Summe, verzichten auf den Rest, dann bleibt ihm noch genug, um in Ungarn vernünftig zu leben. Doch dem zuständigen Gericht war die nahende Auswanderung ein Dorn im Auge. Gehen darf er erst, wenn alles geregelt ist. Markus Tschopp hat das akzeptiert. Er arbeitet weiter als Lehrer und hofft, dass er den Schlussstrich bald ziehen kann. Er ist müde.


* Name und Lebensumstände geändert

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Anina Frischknecht, Redaktorin

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