Beobachter: Emmen, Grenchen, Olten und ab Juli auch die Stadt Zürich - alle setzen auf Sozialdetektive, um Sozialmissbrauch auf die Spur zu kommen. Wieso verzichtet die Stadt St. Gallen darauf?
Norbert Raschle: Wir brauchen zurzeit keine Sozialdetektive, weil wir mit Prävention, Kontrollen und allfälligen Sanktionen Missbrauch seit längerem bekämpfen. Detektive kämen vielleicht noch ein paar wenigen Fällen mehr auf die Spur. Doch der Aufwand wäre unverhältnismässig für den mageren Ertrag.

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Beobachter: Wie decken Sie denn allfälligen Missbrauch auf?
Raschle: Wir verlangen Unterlagen, sehen die Sozialhilfebezüger mindestens alle vier bis sechs Wochen und gehen Verdachtsmomenten konsequent nach. So machen wir auch Hausbesuche - angemeldete und unangemeldete. Dort sehen unsere Sozialarbeiter mehr als Sozialdetektive, die ja nur ums Haus herum beobachten dürfen.

Beobachter: Sie brauchen also keine Detektive, weil Ihre Sozialarbeiter diesen Job erledigen?
Raschle: Nein, das ist nicht Detektivarbeit, sondern normale Kontrolle, wie sie zu guter Sozialarbeit auch gehört.

Beobachter: Grenchen und Olten observieren Sozialhilfebezüger. Wieso verzichten Sie freiwillig auf das verdeckte Ermitteln?
Raschle: Dahinter steckt zu viel Misstrauen. Für gute Sozialarbeit brauchts ein tragfähiges Vertrauensverhältnis. Das kann bei einer Überwachung nicht entstehen.

Beobachter: Mit wie viel Missbrauch muss man leben können?
Raschle: Seien wir realistisch: Wenn man zwei bis drei Prozent Missbrauchsfälle hat wie in St. Gallen, darf man es nicht überbewerten. Die heutige Gesellschaft hat sich in vielen Bereichen leider mit einer gewissen Quote an Missbrauch zu arrangieren - denken wir nur an Kleindiebstähle oder undurchsichtige Börsengeschäfte.

Norbert Raschle, 61, leitet seit über 20 Jahren das Sozialamt der Stadt St. Gallen. Raschle ist auch Vorstandsmitglied der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS).