Erika Fritschi* will nur eins: weg. Weg aus dem Dorf, wo sie hinziehen musste, weil die alte Wohnung zu teuer war. Weg vom Sozialamt, von dem sie sich nicht gut behandelt fühlt, weil die ständigen Auseinandersetzungen mit den Angestellten sie zermürben. Weg aus dem Kanton Bern in den Aargau, wo «die Menschen viel netter sind». Weg aus der Abhängigkeit von ihren Arbeitgebern.

Fritschi ist 58 und kann es nicht erwarten, dass das Jahr vorbei ist. «Dann bin ich 59, löse meine Pensionskasse auf und mache mich mit den knapp 55'000 Franken selbständig. Und versuche, die Jahre bis zur Pensionierung zu überbrücken», sagt sie, wischt sich die langen aschblonden Haare aus dem Gesicht und lächelt. Das macht ihr weiches Gesicht noch runder. «Dann ziehe ich in den Aargau», schiebt sie nach. Sie lächelt noch immer, zeigt auf zwei grosse Herzen auf dem weissen Schrank. «Die sind von den Enkelkindern, selbst gebastelt. Meine Familie gibt mir Kraft.»

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Trotz sieben Jobs unter dem Existenzminimum

Seit fünf Jahren ist Fritschi beim Sozialamt Sozialhilfe Beantragen – Welche Rechte habe ich? gemeldet, weil ihr Lohn nicht zum Leben reicht. Sie putzt, betreut eine demenzkranke Seniorin und hütet Kinder. Sie hat sieben private Arbeitgeber und trotzdem keine Chance, mehr als das Existenzminimum Existenzminimum Was muss zum Leben reichen? zu verdienen. Fritschi arbeitet rund 30 Stunden pro Woche und verdient 1400 Franken im Monat. Mehr kann sie wegen eines schweren Bandscheibenvorfalls nicht.

«Es ist schon frustrierend, trotz grossem Einsatz kaum etwas dafür zu kriegen», sagt sie. Bei 2293 Franken monatlich liegt das Existenzminimum für eine Person. Das Sozialamt Sozialhilfe Leben mit dem Minimum zahlt ihr 800 Franken pro Monat aus, die sogenannte Bedarfslücke. «Viele meinen, wenn man aufs Sozialamt geht, sei man faul. Das stimmt einfach nicht!» 

«Viele meinen, man sei faul, wenn man aufs Sozialamt geht. Das stimmt einfach nicht!»

Erika Fritschi*, 58, erhält Lohn und ergänzende Sozialhilfe.

Fast jeder Zehnte

In der Schweiz sind 660 000 Menschen von Armut betroffen, fast acht Prozent der Bevölkerung. Arm ist hierzulande, wem der Lohn nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt Lebensunterhalt Wer kann Ergänzungsleistungen beantragen? zu bewältigen. Dazu zählen auch 135 000 Männer und Frauen, die trotz Job arm sind, die sogenannten Working Poor.

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Dass das Einkommen nicht zum Leben reicht, hat unterschiedliche Gründe. «Viele Working Poor arbeiten in Tieflohnbranchen und erhalten einen Lohn, der nicht existenzsichernd ist», sagt Aline Masé, Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik von Caritas Schweiz. In Branchen wie der Gastronomie Gastronomie Der Trick mit dem Arztzeugnis , dem Reinigungsgewerbe, dem Detailhandel und auf dem Bau seien prekäre Arbeitsverhältnisse wie Arbeit auf Abruf Rechtsanwälte Lassen Sie sich nicht alles gefallen im Stundenlohn, befristete Arbeitsverträge oder Aushilfsjobs weit verbreitet. «Armut ist kein Randphänomen. Jede fünfte Person in der Schweiz lebt in einem Haushalt, der keine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken tätigen kann», so Masé.

Hinzu kommt: Viele Armutsbetroffene melden sich auf dem Sozialamt gar nicht erst an, aus Scham oder weil sie sich irgendwie durchzuboxen versuchen und nicht vom Staat abhängig sein wollen. Gemäss Berechnungen der Berner Fachhochschule liegt die Nichtbezugsquote für den Kanton Bern bei 36 Prozent. Mehr als ein Drittel der Menschen, die Anspruch auf Sozialhilfe Existenzsicherung Sozialhilfe von A bis Z haben, wendet sich nicht an das Sozialamt. 

Leere nach dem Konkurs

Erika Fritschi schämte sich nicht und ging aufs Amt. Lange hatte sie es ohne fremde Hilfe geschafft. Nach der Scheidung Scheidung So tut Scheiden weniger weh vor 20 Jahren zog sie ihre vier Kinder allein auf. Die gelernte kaufmännische Angestellte leitete jahrelang einen Schülerhort. 2005 fusionierte der Hort mit einer Kinderkrippe.

Ihr wurde aus «gesundheitlichen Gründen» gekündigt. Wegen ihrer Diskushernie hatte sie Probleme bei der Betreuung von Kleinkindern. Das viele Bücken und das ständige Herumtragen der Kleinen war zu viel für ihren Rücken, Schlitteln zum Beispiel ging gar nicht. «Dumm gelaufen», meint Fritschi lapidar.

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Nach ihrer Entlassung arbeitete sie für verschiedene Firmen im kaufmännischen Bereich. «Buchhaltung ist für mich eine Herzenssache, das mache ich richtig gern», sagt Fritschi. Die letzte Firma, bei der sie angestellt war, ging vor sechs Jahren in Konkurs Konkurs Wo bleibt mein Geld? . Seither hat sie keine neue Stelle mehr gefunden. «Ich bin wohl zu alt und zu teuer.» Sie verdiente damals mit einem 80-Prozent-Pensum knapp 5000 Franken. «Da ging es mir noch richtig gut.»

Damals wohnte sie mit ihren jüngeren Kindern in der grossen schönen Familienwohnung. «137 Quadratmeter – da gab es viel Platz», sagt sie, die gern für die Familie kocht und Einladungen schmeisst. 13 Personen umfasst die Grossfamilie, vier Kinder samt Partnern und fünf Enkeln. 

«Die sind von den Enkelkindern, selbst gebastelt. Meine Familie gibt mir Kraft.»

Illustration: Grossmutter schaut auf Geschenke ihrer Enkelkinder

Erika Fritschi* leidet unter der Coronakrise.

Quelle: Kornel Stadler

«Erika, du bist zu teuer»

Jetzt lebt Fritschi in einer kleinen, ringhörigen Wohnung, und die Enkelkinder kommen nicht mehr so gern. «Es ist einfach zu eng.» Aber eine Wohnung Wohnungssuche Clever um die Wohnung werben für 750 Franken im Monat zu finden – wie es ihr das Sozialamt vorschreibt –, sei nicht einfach. «Da muss man nehmen, was man kriegt.» Seither sei sie oft traurig. «Aber ich bin ein Stehauffrauchen – irgendwie geht es immer weiter», meint sie, «Unkraut vergeht nicht.»

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Ihre Kinder unterstützen sie, wo sie können. Vor allem eine Tochter, die bei der Bahn Karriere macht, und ein Sohn, der Informatik studiert. «Aber durchbeissen muss ich mich schon selber. Die Kinder müssen sich um ihre eigenen Dinge kümmern und nicht immer ums Mami.»

Einige ihrer Arbeitgeber nützten ihre Situation aus, sagt Fritschi. Eine Mutter, deren vier Kinder sie ab und an hütete, sagte ihr kürzlich: «Erika, du bist zu teuer.» Sie werde sie nur noch für 10 Franken pro Stunde beschäftigen, 20 Franken gebe es ohne AHV-Abrechnung .

«Da hängt es einem dann schon aus», sagt Fritschi, «so etwas schlägt aufs Gemüt.» Vier Zwei- bis Neunjährige für 10 Franken in der Stunde zu hüten – das sei einfach nur frech. «Alles muss auch ich mir dann nicht bieten lassen.» Fritschi ging nicht auf die Forderung ein. Sie verlor den Job. Meistens sage sie nichts, aus Angst. Die Macht sei sehr einseitig verteilt. «Ich fühle mich oft ausgeliefert.»

Aufforderung zur Schwarzarbeit

Andere, bei denen sie putzen sollte, stellten Fritschi gar nicht erst ein, da sie nicht schwarzarbeitet. «Die sagen, die Abrechnung mit der Sozialversicherung Lohnabrechnung Welche Abzüge gehen vom Gehalt weg? sei zu mühsam.» Es nütze nichts, wenn sie klarstelle, dass sie die Leidtragende sei, falls das Sozialamt die Schwarzarbeit entdeckt. Dann würde ihr der Grundbedarf gekürzt.

Zudem macht sich strafbar, wer jemanden anstellt, ohne die Person bei den Sozialversicherungen anzumelden. «Das ist gemein», sagt Fritschi. Sie, die sonst so gern lacht, wird auf einmal ganz still. Wenn sie wütend werde, ziehe sie sich zurück, sagt sie.

Mit der Coronakrise hat sich ihre Situation weiter verschlechtert. Zwei Familien, deren Kinder sie betreut hat, haben sich zurückgezogen; die Eltern machen Homeoffice Home-Office Tipps für das Büro zu Hause und betreuen ihre Kinder selber. Bei der einen Familie ist der Vater zudem Asthmatiker, es wäre für ihn zu gefährlich, wenn jemand Fremdes in den Haushalt käme.

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Ausgefallen ist auch ein Reinigungsauftrag. In einer Wohngemeinschaft, bei der sie putzt, leidet ein Bewohner unter Husten. Die WG ist seither in Quarantäne Coronavirus Quarantäne: Was heisst das? . «Was mit mir ist, ist den meisten egal», so Fritschi. Sie hofft, dass diese Ausfälle vom Sozialamt übernommen werden.

Nervös, wenn Post vom Amt kommt

Sie werde jeweils nervös, wenn Post vom Amt kommt. Meist handelt es sich um Abrechnungen, bei denen ein Posten fehlt und sie irgendetwas nachreichen muss. «Bei sieben Arbeitgebern fällt ganz schön Papierkram an», sagt Fritschi.

Das Sozialamt habe auch schon das Auto moniert, das ihr ihre Eltern zur Verfügung stellen. «Ohne Auto könnte ich aber gar nicht arbeiten, meine Arbeitgeber sind im Umkreis von 30 Kilometern verstreut, und ÖV gibt es kaum.» Sie könne nur hoffen, dass der Daihatsu Sirion, Jahrgang 2006, nicht zu einem Problem und ihr nicht als Einnahme angerechnet werde.

Heute sei es das erste Mal in fünf Jahren, dass der Post vom Sozialamt ein frankiertes Antwortcouvert beigelegt war, das mache Freude: «Bisher musste ich immer selber das Porto berappen.» 

Umzug, Selbständigkeit

Dass sie sich nicht schon jetzt selbständig gemacht habe und sie bis Ende Jahr warten wolle, sei ein Glücksfall. Denn der Plan wäre mitten in der Coronakrise wohl schiefgegangen. Sie will in ihrem bisherigen Arbeitsbereich als Kinder- und Seniorenbetreuerin weitermachen: «Auch Buchhaltung liegt mir – für die eigene Firma oder für andere.» Sie wolle einfach nicht mehr den Launen ihrer privaten Arbeitgeber ausgesetzt sein. Vorderhand hofft sie, dass sie neue Kundinnen und Kunden gewinnen kann.

Ende Jahr komme dann aber alles auf einen «Tätsch», Selbständigkeit und der Umzug Umzug Stressfrei zügeln – packen Sies an! in den Aargau. Dort wohnen auch ihre Eltern, beide 81. «Ich bin ein Familienmensch», sagt Fritschi. Sie freut sich auch auf eine grössere Wohnung, wo dann wieder die ganze Grossfamilie Platz zum Essen und Feiern hat.

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*Name geändert

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Birthe Homann, Redaktorin

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