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VersicherungenGesundheitstourismus: Gefahr kurzsichtigen Handelns

Augenlasern, Fettabsaugen, Facelifting – die Aussicht, im Ausland viel Geld zu sparen, verlockt dazu, die Ferien mit einem chirurgischen Eingriff zu verbinden. Doch das Risiko fliegt mit.

Wer den Urlaub nutzt, um sich unters Messer zu legen, und dann den Bekannten daheim ausser der Bräune auch neue Zähne und ein verjüngtes Gesicht vorzeigt, darf sich als Trendsetter fühlen. Schönheitschirurgie mit Freizeitprogramm im Ausland heisst die Nische kleiner Reiseveranstalter. Das Angebot: nicht kassenpflichtige Eingriffe wie Augenlasern, Zahnbehandlungen und Schönheitsoperationen. Die Offerten in Zeitungsinseraten und im Internet kommen aus verschiedenen Regionen der Welt. In Wroclaw, Polen, warten plastische Chirurgen mit «fairen Preisen» auf Orangenhaut und Bierbäuche, aber auch krumme Nasen und kleine Oberweiten sind willkommen. Südafrika lockt mit der Möglichkeit, das Facelifting mit einem einmaligen Ferienerlebnis zu verbinden. Zur Wahl stehen ein Spaziergang nach Robben Island, wo Nelson Mandela eingekerkert war, oder eine Buschsafari.

Wie viele Reisende ihren Urlaub mit einer Operation verbinden, ist schwer zu sagen. Aber «der Markt ist grösser, als man denken würde», sagt Bruno Abegg, Fachredaktor bei «Schweizer Touristik».

Operation als Schnäppchen
«Bei uns kosten zwei Augen, alles inklusive, 9871 Rand, macht etwa 1300 Franken.» Der südafrikanische Augenarzt John Hill, mit Augen- und Laserklinik in Kapstadt, freut sich über kurzsichtige Schweizer. Über 80 seien letztes Jahr für eine Lasikbehandlung gekommen.

Einer der Pioniere ist Erich Zgraggen, 37. Ende letzten Jahres liess er seine kurzsichtigen Augen in Brasilien lasern. Heute bietet er übers Internet ein Lasik-package an: zehn Tage inklusive Flug, Unterkunft, Laseroperation, persönlichem Guide und Freizeitprogramm. Der Flug nach Rio de Janeiro und die Operation kosten zusammen rund 3500 Franken. Solche Preise sind dank niedrigen Fixkosten und tiefen Salären möglich.

Der 33-jährige Stefan Gaschen wollte endlich klare Sicht, und die verschaffte er sich vergangenen Juni ebenfalls in Brasilien. Schon am Tag nach der Ankunft in São Paulo legte sich der Geschäftsführer einer Werbegestaltungsfirma auf den Operationstisch. Nach nur 20 Minuten war sein Ferienziel erreicht: Er konnte die Brille mit den dicken Gläsern weglegen. Bis zur Nachkontrolle eine Woche später gab es viele schöne Menschen zu sehen sowie eine Urwald- und eine Stadttour. In der Schweiz hätte er allein für die Operation bis zu 9000 Franken bezahlt. Im Vergleich waren die 4500 Franken für Flug, Hotel, Freizeit und Operation ein Spottpreis.

Auch beim Klassiker unter den Operationsreisen – Zahnbehandlungen in Ungarn – zieht der Preisvergleich: «Bis 80 Prozent billiger als in der Schweiz», lockt ein Anbieter. Am Plattensee und in Budapest gibt es etliche Hotels mit integrierter Klinik oder einem Zahnarzt gleich um die Ecke. Helen Hagmann vom Zahnbehandlungsanbieter Dental Travel freuts: «Wir haben bis zu 100 Personen im Monat.»

Die Anbieter von Zahnbehandlungen in Ungarn beweisen, dass sie den Trend nicht verschlafen haben – sie diversifizieren. «Ende 2001 haben wir Schönheitseingriffe ins Angebot aufgenommen», sagt Hagmann. Sie hat Kunden, die zuerst die Zähne und dann die Nase machen lassen. Auch Jetsetterin Vera Dillier schwört auf Schönheitsoperationen im Ausland – aus Qualitätsgründen: «Ich gehe nur nach Brasilien, die sind zehnmal besser als hier. Meine Handnarbe, die Nase und die Bauchplastik – sensationelle Resultate.» Der plastische Chirurg Enrique Steiger arbeitete rund vier Jahre in Rio de Janeiro. Auch er attestiert seinen brasilianischen Kollegen ein sehr hohes Niveau.

Trotzdem sind den ärztlichen Fachverbänden in der Schweiz die Schönheitstrips suspekt. Einerseits sehen sie potenzielle Einnahmen in die Ferne entschwinden. Anderseits verweisen sie darauf, dass die Qualität der Leistungen im Ausland vorher nur schwer zu prüfen sei. Die meisten Bedenken gegenüber Operationsreisen betreffen Zahnbehandlungen. Während die Krankenversicherer Helsana und KPT Zahnbehandlungen im Ausland unter bestimmten Bedingungen aus der Zahnbehandlungs-Zusatzversicherung übernehmen, schliessen Visana und CSS das kategorisch aus, «weil man keine Möglichkeit hat, die zahnärztliche Arbeit im Ausland zu überprüfen», sagt CSS-Sprecher Andreas Anderegg.

Rechtsschutz ist schwierig
Auch die Behauptung, dass das verwendete Material der Schweizer Qualität entspreche, ist gemäss Alexander Weber, Sekretär der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft, nicht überprüfbar.

Nicolas Oetterli, Ombudsmann der Schweizer Reisebranche, kann jedoch die Fälle betreffend Ungarn-Zahnbehandlungsreisen an einer Hand abzählen: In allen Fällen ging es nur um Mängel bei den Reiseleistungen, nicht um solche bei den Zahnbehandlungen.

Isaak Schipper, Chefarzt der Augenklinik Luzern, sieht vor allem ein Problem, wenn eine Operation in eine Rundreise verpackt wird: «Das verharmlost die Bedeutung der Operation.» Oft ist nach einer Operation die Ruhigstellung des behandelten Körperbereichs erforderlich, was schwer mit einer körperlichen Anstrengung vereinbar sei, gibt der plastische Chirurg Urs Bösch zu bedenken. Zudem kann sich der Patient im Fall einer Komplikation wegen Sprachproblemen nicht verständigen. Entschieden gegen Schönheitsoperationen im Ausland äussert sich Catherine Perrin, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Gesellschaft für plastisch-wiederherstellende und ästhetische Chirurgie: «Im Ausland wird viel Scharlatanerie angeboten, und das Risiko liegt ganz beim Kunden.»

Was das bedeutet, weiss man bei der Schweizerischen Patientenorganisation: «Grundsätzlich kommen die Leute erst zu uns, wenns schief ging», sagt Präsidentin Margrit Kessler. «Wir können gar nichts unternehmen, zudem ist der Rechtsschutz schwieriger, wenn man im Ausland etwas erreichen will.»

Die Sozialversicherungsabkommen der Schweiz mit anderen Ländern bieten keinen Schutz: Die beteiligten Staaten gewährleisten zwar grenzübergreifenden Sozialversicherungsschutz im Notfall, aber das hilft niemandem, der sich zu einer nicht kassenpflichtigen Behandlung ins Ausland begibt.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2002