Als die Schlacht geschlagen war, liess es sich Valentin Schwab erst einmal gut gehen. Mit dem Bus fuhr er von Basel über die Grenze, im deutschen Gasthaus gabs Rindsfilet mit Bohnen und Kroketten, dazu ein Viertele chilenischen Hauswein. Das Siegermenü. «Superfein!»

Früher an diesem Mittwoch im März – um 11.03 Uhr – war auf seinem Handy die Nachricht eingetroffen, auf die er so lange gewartet hatte. Das Bundesgericht hatte entschieden, dass der 61-Jährige Anspruch auf eine Invalidenrente der Unfallversicherung hat. Vor 18 Jahren war er dafür in den Ring gestiegen gegen den Versicherungskonzern Allianz Suisse, der sich mit allen Kniffs dagegen wehrte, zahlen zu müssen.

Da war also der kleine David gegen den mächtigen Goliath angetreten. Oft lag David am Boden, gab fast schon auf. Finanziell knapp dran, gesundheitlich angeschlagen. «Mein Zucker ist förmlich explodiert», erinnert sich Diabetiker Schwab an diese Phasen der Schwäche. Dazu sein schlimmes Bein, herrührend vom Autounfall, mit dem alles angefangen hatte.

Alle sagten, er sei im Recht

Doch David hat sich stets wieder aufgerappelt und weitergekämpft – und am Ende Goliath in die Knie gezwungen. Was war sein Antrieb? «Das Gerechtigkeitsempfinden!» Alle hätten ihm gesagt, er sei im Recht, Gerichte, Ärzte, Gutachter. «Da wollte ich die Allianz doch nicht auf der Nase herumtanzen lassen», sagt Schwab, Sternzeichen Widder.

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Die Auswirkung von Kämpfertum und einer Portion Widerborstigkeit zeigte sich bald auf dem Bankkonto: Die Versicherung überwies Schwab 463'000 Franken Rentenleistungen inklusive Verzugszinsen, rückwirkend bis 2010. Dazu kommt neu eine monatliche Rente. Obwohl er für die Jahre vor 2010 leer ausging, ist der alleinstehende Mann damit abgesichert. «Eine riesige Erleichterung. Die Zukunftsangst ist weg.»

Valentin Schwab ist ein freundlicher, konzilianter Gesprächspartner. Doch wenn er seine Gedanken aufschreibt, und das tut er oft, bricht es aus ihm mit vielen Ausrufezeichen heraus. So viele Emotionen haben sich aufgestaut. Gleich nachdem die Zahlungen kamen, verfasste er eine E-Mail, anderthalbmal so lang wie dieser Artikel. Adressat: der Chefjurist der Schadensabteilung der Allianz – die Personifizierung eines unpersönlichen Kontrahenten. «Immer, wenns ans Lebendige ging, hat er unterschrieben», sagt Schwab.

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«ALEA IACTA EST!!!» – «Ihr Gutachter verdient sich eine goldene Nase, ohne jegliche Verantwortung über Leben und Tod!» – «Es ist für mich stossend, dass ein so grosses Assekuranz-Unternehmen für kalkulierte Verzögerungen auch noch fürstlich belohnt wird, indem dadurch viel Geld zuungunsten eines kleinen Versicherten eingespart wurde!!»

Auszüge aus der grimmigen Bilanz von Valentin Schwab

Der eigentliche Anlass für die Wutschrift liegt 34 Jahre zurück. Eine Lernfahrerin hat Gas- und Bremspedal verwechselt. Damals, im April 1986, ist Valentin Schwab ein junger Polizist. Er ist privat mit seinem Toyota Corolla unterwegs. Am Steuer neben ihm eine Kollegin, die gerade Auto fahren lernt. Hinten sitzt Marlies, Schwabs Freundin. «Die Verlobung war schon geplant.»

Daraus wird nichts – wie aus allen anderen Plänen, die der damals 27-Jährige gefasst hat. Am Birsbrüggli bei Laufen verliert die Lenkerin durch den Bedienungsfehler die Kontrolle über das Fahrzeug. Der Toyota rutscht die Uferböschung der Birs hinunter, überschlägt sich und versinkt. Der Fluss führt Hochwasser. Die Lernfahrerin kann sich retten, die Freundin stirbt im Auto. «Meine Marlies musste jämmerlich ertrinken!», notiert Schwab später.

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Sein linkes Bein ist eingeklemmt, er versucht verzweifelt, aus dem Wagen zu kommen und zugleich Marlies zu helfen. Als ihm die Luft ausgeht, muss er sie gehen lassen. Im letzten Moment kann sich Schwab durchs zerborstene Seitenfenster zwängen. Erst am Ufer realisiert er: Sein Unterschenkel besteht fast nur noch aus Haut und Knochen. Viele Muskeln wurden bei der Befreiungsaktion weggerissen. Im Spital verhindern die Ärzte nur knapp eine Amputation. Durch den Unterschenkel des einstigen 3.-Liga-Fussballers führt heute nur noch eine Vene, der Blutrückfluss ist beeinträchtigt. Vor allem bei kaltem Wetter schwillt das Bein schnell an.

Alles kommt wieder hoch

Schmerzen sind seither ständige Begleiter im Leben des Valentin Schwab – auch seelische. Marlies’ Tod plagt ihn: «Ich fühlte mich schuldig.» Noch jetzt, wenn er mit seinem Roller Richtung Jura fährt, kann er nicht anders, als am Unfallort anzuhalten. Dann kommt alles wieder hoch.

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Nach dem Spitalaufenthalt will er sich zurück ins Berufsleben kämpfen. «Ich wollte auf keinen Fall ein Krüppel sein.» Auf eine Anmeldung bei der Invalidenversicherung verzichtet Schwab deshalb. Das holt er später nach, als offensichtlich ist: Mit seinen körperlichen und psychischen Problemen wird er beruflich nie mehr richtig Tritt fassen.

Die Kantonspolizei entlässt ihn nach zwei Jahren. Dann folgt für den gelernten Radio- und TV-Elektriker eine Job-Odyssee: Er arbeitet als Monteur, Laborant, bei der Post, auf dem Steueramt. Die Pensen werden kleiner, der Verdienst schmilzt. Seine letzte Anstellung endet 2013, da ist er Weibel am Gericht in Liestal. Zwischendurch ist er 46 Monate lang arbeitslos und lebt von der Sozialhilfe. Um Geld zu sparen, kehrt Valentin Schwab mit 45 zu seiner Mutter ins Solothurnische zurück. «Plötzlich habe ich zu den Kleinen in der Gesellschaft gehört.» Eine bittere Erkenntnis für einen, der als Polizist Karriere bei der Kriminalpolizei machen wollte.

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Mit seinem Bein wird es nicht mehr gut, trotz weiterer Eingriffe. Im April 2002 meldet Schwab die immer stärkeren Schmerzen bei den Versicherungen an, als Spätfolgen des Unfalls in den Achtzigerjahren. Von da an geht es um die Renten. Bei der IV klappt es mit Verzögerung: 2009 bekommt Schwab mit Rückwirkung bis 2003 eine halbe Rente zugesprochen. Die Unfallversicherung, die Allianz, sendet von Beginn weg ganz andere Signale. Nach einer ersten Abklärungsrunde lehnt sie es 2004 ab, Rentenleistungen auszurichten. Damit startet das juristische Hickhack, das sich über Jahre hinziehen sollte.

Die Methode «Ausbluten»

Das Muster ist vorgestanzt: Entscheid, Beschwerde, Rückweisung, Gutachten, Gegengutachten, Neubeurteilung – Endlosschleife. Gestritten wird um Restarbeitsfähigkeit, Invaliditätsgrad oder leidensbedingte Abzüge. Es werden Satzungetüme gebaut wie «die Verwertbarkeit der verbleibenden Arbeitsfähigkeit ist allein bezogen auf die auf dem allgemeinen ausgeglichenen Arbeitsmarkt mutmasslich bestehenden Arbeitsmöglichkeiten einzuschätzen». Damit lassen sich Bundesordner im Dutzend füllen. Und weil dieses Hin und Her nicht gratis zu haben ist, hat der Grosse üblicherweise den längeren Schnauf als der Kleine. «Ausbluten» heisst das im Jargon.

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Mit der Causa Schwab vs. Allianz befassen sich drei verschiedene Kantonsgerichte und gleich viermal das Bundesgericht. Gewisse Winkelzüge, mit denen die Allianz beim Gang durch die Instanzen ihre Muskeln spielen lässt, ärgern Valentin Schwab besonders. Etwa: Für jede ihrer Eingaben reizt die Versicherung die Frist bis zum letzten Tag aus – oft gar bis zum letzten Tag einer eigens noch erstreckten Frist. «Eine Machtdemonstration, um mich mürbe zu machen.»

Oder der Poker mit den Gutachten. So erstellt das Universitätsspital Zürich umfassende Beurteilungen aus neurologischer und orthopädischer Sicht. Sie zeigen detailliert die gravierenden Beeinträchtigungen auf, mit denen das Unfallopfer leben muss. Die Juristen der Allianz finden aber leichthin: nicht relevant genug. Das Gutachten wird im weiteren Verfahren einfach nicht berücksichtigt. Das bringt Valentin Schwabs Anwalt auf die Palme.

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«Deutlicher können Gutachter doch nicht sein, wenn sie auf wiederholte Nachfrage hin erklären, dass sich der Gesundheitszustand von Herrn Schwab seit 2004 verschlechtert und die Leistungsfähigkeit abgenommen hat.» – «Dass die Allianz dafür bis anhin keine entsprechenden Leistungen erbracht hat, kann nur als stossend bezeichnet werden.»

Auszüge aus einem Schreiben an die Versicherung

Die Wende im Schlagabtausch bringt im letzten Herbst ein Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Basel-Stadt. Es verpflichtet die Allianz dazu, Schwab eine unfallbedingte Invalidenrente zu entrichten. Die Versicherung erhebt nochmals Beschwerde beim Bundesgericht. Dieses schraubt zwar den Invaliditätsgrad noch etwas herunter, sorgt aber ansonsten dafür, dass die Akte geschlossen wird.

Allianz Suisse, Prämienvolumen 3,8 Milliarden Franken, kommentiert den Fall Schwab und dessen Dauer nur ausweichend. «Das Verfahren zog sich in die Länge, weil beide Parteien sich mit den jeweils zulässigen Rechtsmitteln zur Wehr setzten.» Klingt nach Courant normal.

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Genau das – Normalität – ist in Valentin Schwabs Alltag zurückgekehrt: «Endlich habe ich keinen Stress mehr.» Dass er wieder an diesem Punkt sei, verdanke er der Unterstützung seiner Familie, auch finanzieller Art. Und der Zuversicht seines Anwalts, der ihm stets zur Seite gestanden hat. Ist die Entschädigung, die er sich erstritten hat, auch eine Genugtuung für die verlorene Gesundheit? Langes Schweigen. Dann: «Ich will das nicht gegeneinander aufrechnen.»

Kürzlich hat Schwab alle Ordner mit den Unterlagen, die sich in den letzten 18 Jahren angesammelt haben, weggeräumt. Ein Mann macht reinen Tisch und schaut wieder nach vorn. «Ich mag nicht mehr hadern.»

Um 11.03 Uhr traf die Nachricht ein, auf die Valentin Schwab so lange gewartet hatte.

Um 11.03 Uhr traf die Nachricht ein, auf die Valentin Schwab so lange gewartet hatte.
Quelle: Kornel Stadler
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