Was lange Zeit unfassbar schien, ist nun traurige Realität: Im Wohnzimmer von Konrad Schafer in Möriken AG steht zwischen Blumensträussen und Erinnerungsfotos eine Urne. «Das sind die sterblichen Überreste meines Lebenspartners Andy», sagt Schafer.

Das Paar wurde während der Weihnachtsferien im thailändischen Khao Lak Opfer des Tsunami-Seebebens. Während Schafer «wie durch ein Wunder» überlebte, blieb sein Freund verschollen. Erst Anfang April wurde seine Leiche identifiziert. Schafer reiste nach Thailand, um den Toten vor Ort kremieren zu lassen und die Asche in die Schweiz zu holen. «Mir ist noch nicht klar, ob meine tiefen Wunden je heilen werden», schreibt er an Freunde und Angehörige.

Profitables Jahr für Versicherungen
Doch als ob das psychische Leid nicht schon genug wäre, müssen Konrad Schafer und weitere Tsunami-Betroffene nun auch noch gegen die Mühlen der Versicherungsbürokratie ankämpfen. In einer Medienmitteilung vom Januar, geschmückt mit Beileidsbekundungen, hatte der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) noch versprochen, die Überlebenden könnten «mit rascher und unbürokratischer Hilfe» rechnen.

Das schien glaubhaft, denn es handelte sich um einen überschaubaren Kreis von Geschädigten: Rund 1600 Dossiers sind bei den Versicherern eingegangen. Die Zahl der Schweizer Todesopfer beträgt 82 (Stand Mitte Mai), die Zahl der Vermissten rund 30. Für die Versicherungen war 2004 ein profitables Jahr; viele schrieben Millionengewinne, so etwa die Bâloise-Gruppe (220 Millionen Franken, plus 143 Prozent gegenüber dem Vorjahr) oder die Mobiliar (237 Millionen Franken, plus 15 Prozent). Der SVV bilanzierte: «Der Aufwärtstrend setzt sich fort.»

Davon spüren die Tsunami-Opfer herzlich wenig. Denn inzwischen ist das anfängliche Mitgefühl wieder dem knallharten Geschäft gewichen. Konrad Schafer und sein Partner zum Beispiel haben in den Fluten das gesamte Reisegepäck verloren: Ausweise, Kreditkarten, Kleider, Wertsachen, Foto-, Video-, Tauchausrüstung und mehr. In einer detaillierten Auflistung bezifferte Schafer die Verluste auf rund 23000 Franken. Als er die Schäden der Vaudoise meldete, kam ein Brief zurück, er müsse «die üblichen Belege (Quittungen, Fotos und so weiter)» einreichen. Dies empfand der Tsunami-Überlebende als Zumutung: «Wir haben die meisten Sachen auf Reisen gekauft und hatten kaum Belege. Wo es noch welche gab, sind sie von der Flutwelle mitgerissen worden.»

Nach einigem Hin und Her zahlte die Vaudoise schliesslich 6800 Franken – nach Abzug des Selbstbehalts. «Haben Sie wirklich den Eindruck, dass ich nach den traumatischen Erlebnissen nun Versicherungsbetrug begehen möchte?», antwortete Schafer enttäuscht.

Ähnlich erging es René Herzog aus Langwiesen ZH. Im Tsunami starb seine Ehefrau, er überlebte. Bei der «Basler» reichte er eine fein säuberliche Schadensliste ein – insgesamt beliefen sich die Sachverluste auf rund 8800 Franken. Die «Basler» aber zückte den Rotstift: «Für Schäden, die auf ein Erdbeben zurückzuführen sind, besteht grundsätzlich keine Deckung», hiess es. Man würde ihm aber, «freiwillig und ohne Präjudiz», 2000 Franken überweisen. Als Herzog reklamierte, erhöhte die «Basler» den Betrag – auf 3000 Franken. «Ich war sehr enttäuscht», sagt Herzog. «Wie können die nur so geizig sein. Am liebsten hätte ich das Geld gleich wieder zurückgeschickt.»

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Keine Deckung bei Erdbebenschäden
Ein weiterer Geschädigter, der bei der Mobiliar war und keine Zusatzversicherung hatte, wurde sogar mit nur 1000 Franken abgespeist – obwohl er und seine verstorbene Partnerin Gepäck im Wert von über 10'000 Franken verloren haben. «Es ist eine Frechheit, dass man mir für ein so tragisches Unglück bloss ein solches Trinkgeld anbieten wollte», sagt der Betroffene gegenüber dem Beobachter.

Die Versicherer weisen die Vorwürfe zurück. SVV-Sprecher Beat Krieger verschanzt sich hinter den Paragrafen: «Bei Hausratversicherungen sind Erdbebenschäden in der Regel nicht gedeckt. Jede Gesellschaft entscheidet selber, ob sie Entschädigungen erstattet und in welcher Höhe. Bei Reise- und Assistanceversicherungen gibt es Produkte mit und ohne Deckung für Erdbebenschäden.» Rund 43 Millionen Franken hat die Branche im Zusammenhang mit dem Tsunami ausbezahlt; davon entfiel aber nur der kleinste Teil (rund sechs Millionen Franken) auf Reise- und Hausratversicherungen, inklusive Annullierungen und Rückführungen. Hätte man den Opfern die paar tausend Franken an Gepäckverlusten nicht restlos vergüten können, wie es die versprochene «Kulanz» erhoffen liess? Krieger: «Die Versicherer haben freiwillige Zahlungen geleistet.»

Die Mobiliar zahlte zwar zum Teil die tatsächlichen Verluste aus, behandelte aber die Versicherten, die in der Police keine Deckung für auswärts hatten, äusserst streng: Es gab nur 1000 Franken – «freiwillig». Mediensprecherin Patricia Däpp: «Es kann nicht erwartet werden, dass Versicherer Schäden aus Ereignissen übernehmen, die von der Deckung ausgeschlossen sind.» Auch bei der «Basler» wehrt man sich dagegen, die Tsunami-Opfer im Stich gelassen zu haben. Sprecherin Martina Hilker zu den Maximalleistungen von 3000 Franken: «Wir legten diesen Betrag in der Annahme fest, dass damit in etwa der Wert für die Gegenstände abgedeckt wird, die üblicherweise für einen Urlaub in einem südlichen Land im Gepäck sind.»

Die Vaudoise will ebenfalls nichts von mangelnder Kulanz wissen: «Wir haben die Anfragen von Fall zu Fall geprüft und die Kunden entsprechend entschädigt», sagt Sprecherin Cristina Gaggini. Schafer blickt durch die Fenster ins Weite. Mit seinen Gedanken ist er in Thailand, wie so oft seit den Weihnachtstagen. Als er sich mit einem Ruck wieder in die Gegenwart holt, klingt Resignation aus seiner Stimme: «Leider müssen wir Tsunami-Opfer hier in der Schweiz um jeden Rappen und um jede Hilfeleistung kämpfen.»

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