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VersicherungsdetektiveDie falsche Frau überwacht – in Australien

Die «Mobiliar» observiert ein Unfallopfer über Monate. Doch Bilder zeigen ihre Schwester in Australien.

Eigentlich sollte das Unfallopfer überwacht werden – stattdessen wurde die Schwester der Frau in Australien gefilmt.
von aktualisiert am 22. November 2018

Das Auto krachte ungebremst in das Heck der damals 43-Jährigen. Ihr Kopf knallte zuerst auf die Kopfstütze, schnellte dann nach vorn. «Zuerst war alles ganz normal, ich füllte sogar korrekt das Unfallprotokoll aus. Später spürte ich dieses Surren und Summen im ganzen Körper», erinnert sich Heidi Müller*. Dann kamen die Kopf- und Nackenschmerzen, die sie bis heute quälen – 10 Jahre nach dem Unfall. Die Diagnose nach vielen ärztlichen Untersuchungen: ein Schleudertrauma. Die Suva bezahlt der Frau heute 2500 Franken Rente wegen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit zu 48 Prozent.

Zahlen musste auch die Haftpflichtversicherung der Unfallverursacherin, die «Schweizerische Mobiliar». Doch die folgte nicht einfach den ärztlichen Einschätzungen, sondern liess die Frau während Monaten von Detektiven überwachen. 2011 bezahlte sie dann einen Schadenersatz Schmerzensgeld Was erhalten Geschädigte als Genugtuung? von bescheidenen 50'000 Franken. Vergleichbare Fälle kosten meist ein Vielfaches. «Mein damaliger Anwalt sagte mir, die Versicherung habe Überwachungsmaterial, die Verhandlungen seien schwierig. Ich hatte weder eine Ahnung von angemessenen Beträgen noch die Bilder gesehen.» Dann wurde schnell ein Vergleich mit der «Mobiliar» unterzeichnet.

Standbild aus dem Überwachungs-Video
Der Detektiv filmte in die Wohnung des Unfallopfers.
Quelle: ZVG

Die Schwester überwacht

Fünf Jahre später verlangte Müller alle Akten aus ihrem Fall, darunter auch die Überwachungsvideos. «Es war ein Schock. Neben meinen Bildern waren da auch zwei Berichte über eine Observation in Australien aus dem Jahr 2010.» Doch Müller war zu dieser Zeit nie dort, wie dem Beobachter vorliegende Unterlagen zeigen. Sie hatte ihre Mutter dort zwei Jahre zuvor besucht. Die Mobiliar beharrt dagegen in einer schriftlichen Stellungnahme darauf, die richtige Person observiert zu haben. Gemäss dem australischen Movement Records hat Müller das Land allerdings 2009 verlassen und seither nie mehr besucht. Auf den Bildern ist vielmehr ihre Schwester zu sehen, die in Australien lebt. Der nicht nachvollziehbare Bericht der «Mobiliar» floss in die Beurteilung für den Schadenersatz ein.

Eine Neuverhandlung des Falls kommt für die Mobiliar nicht infrage:

«Die Frau war anwaltlich vertreten. Der damalige Anwalt hatte die Überwachungsergebnisse auch eingesehen und das Vergleichsangebot von 2011 unterschriftlich anerkannt.»

Schriftliche Stellungnahme der Mobiliar

Frau wurde beim Kaffeetrinken gefilmt
«Erwischt» beim Kaffeetrinken: Nichtssagendes Bild aus dem Überwachungsvideo.
Quelle: ZVG

Noch schlimmer für die Frau: Seit sie das Überwachungsmaterial gesehen hat, leidet sie unter einem eigentlichen Verfolgungswahn. «Ich wurde ja selber über Monate intensiv beobachtet. Der Detektiv hatte mich überall abgepasst Sozialdetektive «Observationen werden Tür und Tor geöffnet» und auch durch das Fenster in meine Wohnung gefilmt. Vielleicht war ich dort auch mal nackt unterwegs.» Für Müller ist es darum stossend, dass für die Observation von Frauen nicht zwingend Frauen beauftragt werden.

Die Überwachungsparanoia holt Müller heute manchmal noch ein. «Es kommt vor, dass ich Passanten zur Rede stelle, weil ich überzeugt bin, dass sie mir folgen. Andere habe ich selber verfolgt, um herauszufinden, wohin sie gehen.» In ihrer Wohnung übernachtet sie nicht mehr. «Das ist nicht mehr möglich. Ich komme jeweils bei Bekannten unter.» Wegen ihres Traumas geht sie mittlerweile in eine Psychotherapie.

Movement Records der australischen Behörden
Movement Records der australischen Behörden – Müller hatte das Land bereits 2009 verlassen.
Quelle: ZVG

«Der Fall zeigt, wie unprofessionell und vor allem unkontrolliert private Versicherungen Observierungen anordnen und durchführen», sagt ihr neuer Anwalt Philip Stolkin, der sich auch gegen das neue Überwachungsgesetz Sozialdetektive Um was es bei der Abstimmung wirklich geht engagiert. «Und er demonstriert, wie allein auf Grund der Tatsache, dass Überwachungsmaterial existiert, Leistungen an Opfer gekürzt werden Leistungskürzung bei Unfall Da knausert die Versicherung können. Und das völlig unabhängig davon, ob die Bilder etwas Belastendes zu Tage gefördert haben.» Auf den Videos von Heidi Müller ist zu sehen, dass sie unauffällig zu Fuss unterwegs ist, mit einem Rollkoffer den Zug nach Zürich nimmt, einen Bankomat bedient und in einem Lokal Kaffee trinkt. Erhellendes zu ihren Kopf- und Nackenschmerzen bieten die Filme nicht.

Das Überwachungsmaterial hat die «Mobiliar» laut Anwalt Stolkin auch der Suva zugänglich gemacht. «Das zeigt, wie freizügig der Datenaustausch abläuft und wie akribisch die Versicherungen dabei vorgehen.» Und mit dem neuen Überwachungsgesetz würde dieser Austausch von geheimsten Daten sogar legalisiert.»

Wie viele Observationen private Versicherungen mit welchen Ergebnissen durchführen, ist nicht genau bekannt. «Wir haben es mit einer Black-Box zu tun», sagt Stolkin. Der Schweizerische Versicherungsverband erwähnte im Juli gegenüber «10vor10» jährlich rund 100 Observationen durch Private. Mit welchen Ergebnissen legte der Verband nicht offen. Invalidenversicherung Invalidenversicherung Das müssen Sie über die Invalidenrente wissen und Suva überwachen durchschnittlich 225 Personen pro Jahr. Zwischen 2009 und 2017 waren es insgesamt 2021 Personen. Bei 1037 von ihnen wurden darauf die Renten gekürzt oder gestrichen.

Überwachungsopfer Heidi Müller hat eine klare Meinung dazu: Bei einem begründeten Betrugsverdacht sei eine Observierung nötig. «Bei mir und wohl vielen andern war das aber nicht der Fall. Überwachungen sollten darum immer von einem Richter bewilligt und von der Polizei durchgeführt werden müssen.» Anders als es das neue Überwachungsgesetz vorsieht.


* Name geändert

Klage gegen «Mobiliar»

Der Anwalt des überwachten Unfallopfers prüft rechtliche Schritte gegen die «Schweizerische Mobiliar». Seine Mandantin sei durch die Haftpflichtversicherung auf unzulässige Weise observiert worden, sagt Anwalt Philip Stolkin. Es geht um Filmaufnahmen durch Detektive. In Australien wurde zudem eine falsche Person ­– die Schwester des Unfallopfers – observiert (siehe oben)

Befürworter des Überwachungsgesetzes, über das am 25. November abgestimmt wird Sozialdetektive Um was es bei der Abstimmung wirklich geht , betonen, dass der «Fall Mobiliar» nichts mit der Vorlage zu tun habe. «Es ist keine Sozialversicherung, welche die Observation angeordnet hat, sondern eine Privatversicherung», schreibt Befürworterin Ruth Humbel (CVP) auf Twitter. Und bereits heute seien Überwachungen im Privatbereich durch Sozialversicherungen nicht zulässig, betont Andreas Dummermuth, Geschäftsführer der IV-Ausgleichsstelle Schwyz, in einem Schreiben an den Beobachter. Dies werde auch in Zukunft – mit dem neuen Gesetz – so sein.

Das Gesetz erlaubt und regelt aber auch den Austausch von Überwachungsmaterial zwischen privaten und Sozialversicherungen. Suva und IV dürften zum Beispiel das von einer Haftpflichtversicherung angefertigte Überwachungsvideo verwenden, sofern bei der Herstellung die Auflagen erfüllt wurden, die für Sozialversicherungen gelten. Dazu gehören ein Anfangsverdacht, dass die überwachte Person unzulässige Leistungen bezieht oder zu erhalten versucht. Die Observation ist auch zeitlich beschränkt und Detektive dürfen – wie erwähnt – nicht in private Räumlichkeiten filmen.

«Ob solche Auflagen auch eingehalten werden, sollen die Versicherungen gemäss der Vorlage gleich selber kontrollieren», kritisiert Dimitri Rougy vom Komitee gegen Sozialdetektive. Er befürchtet einen wilden Materialaustausch zwischen allen Versicherungen. Und: «Was mit den gesammelten Daten später einmal geschieht, wann sie zum Beispiel gelöscht werden müssen, ist weder im schludrigen Gesetz noch im Entwurf zur Verordnung geregelt.»

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1 Kommentar

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fcoster*******
Versicherungsbetrug ist sehr oft auch umgekehrt. Dass viele Versicherungen ihre Versicherten betrügen ist bekannt. Es geht den Versicherungen immer darum Leistungen zu kürzen oder nichts zu bezahlen. Das Überwachungsopfer Frau Müller sollte diese Schweizerische Versicherung vor dem europäischen Gericht verklagen. Genau aus solchen Gründen braucht es die "sogenannten fremden Richter".

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