Aufgezeichnet von Jasmine Helbling:

Ich habe Geschichten auf Lager, da stehen den Leuten die Haare zu Berge. «Der Alex, der hat sieben Leben», sagen sie. Und es stimmt! Immer wieder klopft der Tod an die Tür, aber herein kommt der mir nicht. 

Im letzten Juni wars wieder so weit – da bin ich auf die Schnauze gefallen. In einer Lagerhalle war das. Ich rede mit der Nachbarin, übersehe ein Palett, bleibe hängen, wumms. Als alter Handballer hab ich mich abgerollt, wehgetan hats trotzdem. Man kennts ja vom Sport: Verletzungen, Verstauchungen, Voltaren.

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Doch beim Wandern hatte ich plötzlich Schwierigkeiten beim Atmen. Also gings zum Hausarzt, ins Spital, ins Lungenzentrum. Angeknackste Rippen, dachte ich, doch denen ging es gut. Dafür hatte ich einen Fleck auf der Lunge. «Herr Schierle, sind S mer ned bös, aber das könnte Lungenkrebs sein», sagte der Arzt. Und so wars. Ein bösartiger, aggressiver Tumor. 

Ob ich Angst hatte? Nicht vor dem Krebs, aber vor der Chemo. Als man mir von einer amerikanischen Studie erzählte, war ich sofort dabei: fünfmal pro Woche Doppelbestrahlung, dafür keine Chemo. Die Prognosen waren gut, die Ärzte positiv. Also war ichs auch. 

Bis das nächste Unglück passierte. Ein paar Tage vor der ersten Bestrahlung drehte mein Bauch durch. Darmverschluss, Notoperation. Aber nicht in Wetzikon, denn da waren alle Notfallbetten belegt – Corona-Rückkehrer aus dem Ausland. Telefon ans Unispital, dasselbe in Grün. In Winterthur kriegte ich das letzte Bett, operiert wurde nachts um drei. 

In die Tiefe gestürzt

Knapp wars bei mir öfter. Zum ersten Mal mit 19, da wohnte ich noch in Deutschland. Mitten im Wald kam ein Auto aus dem Nichts. Ich wich aus, schlitterte, rutschte über einen Hang. Mein Auto überschlug sich mehrfach, die Scheiben zersplitterten, ich wurde vorn rausgeschleudert. Gurten gabs da keine. Meine kleine Schwester hatte tiefe Schnittwunden und musste ins Spital. Ich hatte einen zerkratzten Rücken, sonst nichts.

Ein Jahr darauf zog ich in die Schweiz, um als Schriftsetzer und Grafiker zu arbeiten. Vielleicht bekam der Tod das nicht mit – über 20 Jahre liess er mich in Ruhe. Dann donnerte ich wieder einen Wald runter, diesmal auf Skiern. Ich überschlug mich, zerriss mir den Skianzug, haute mit dem Helm gegen Bäume, landete im Bach. Dann stand ich auf und wischte mich ab. 

Nicht mal eine Lawine stoppt den Schierle. Das war in Kanada, 1990, Heliskiing. Der Guide vor mir bremste, ruderte mit den Armen, rief unverständliches Zeugs. Und schon brach der Boden unter meinen Füssen weg. Ich fiel 60 Meter in die Tiefe und landete mitten im Puderschnee. Auf einer schiefen Ebene, das rettete mein Leben. Eine kleine Lawine riss mich mit, begrub mich aber nicht. Die Freunde fanden mich sofort. Und wieder war nichts, absolut nüt. Also wirklich: Was ist eigentlich los mit mir? Das ist doch irre! 

Marronicake und Gipfeli

Eine Lebensmittelvergiftung hatte ich auch mal. Die war so schlimm, dass ich keinen Ruck mehr machte. Die Studis standen an meinem Bett und beglotzten mich wie ein Tier im Zoo. 

Oder eine Hirnblutung. 2005 war das. Als mich meine Frau Miria zu Hause fand, war ich kaum noch ansprechbar. Neun Stunden wurstelten die Chirurgen in meinem Kopf herum, zum Glück ging alles gut. In den Nächten nach der OP schnarchte ich die Intensivstation derart zusammen, dass ich ins Schlaflabor musste: Schlafapnoe, Atemaussetzer – zufällig entdeckt. Seither brauche ich zum Schlafen ein Beatmungsgerät. Ein irres Ding!

Wo war ich? Darmverschluss. Am 30. August gings nach Hause, zwei Tage später zur Bestrahlung. Doofes Timing, aber verschieben war nicht möglich. Sechs Wochen fuhr ich von Wetzikon nach Zürich, Montag bis Freitag. Bald sagte die Ärztin: «Herr Schierle, der wird kleiner!» 20 Gipfeli brachte ich dem Team dann mit. Schon nach sechs Wochen gings mir wieder gut, zum Abschluss gabs Marronicake. «Ich will euch nicht mehr sehen, Tschuldigung, das Thema ist beendet», sagte ich. 

So ganz stimmt das nicht, im Februar ist Kontrolle. Manchmal kommt der Krebs ja zurück, das weiss man nie. Aber jetzt gerade fühle ich mich sauwohl.

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Jasmine Helbling, Redaktorin
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