Die Einsamkeit Alleinsein Was gegen die innere Einsamkeit hilft . Wie ein ungebetener Gast hatte sie sich über die Jahrzehnte eingeschlichen. Und mit ihr diese hoffnungslose, unstillbare Sehnsucht. «Die Beziehung zu meinem Mann war eigentlich schon immer eher funktional. Grosse Emotionen in Liebesdingen habe ich mit ihm nie kennengelernt. Das weiss ich heute», sagt Brigitte Bamert*. «Aber ich kannte ja nichts anderes.» 33 Jahre alt war die Ehe mit ihrem Mann, ihrem ersten und einzigen. Nicht unglücklich, aber sicher auch nicht glücklich.

«Meine Einsamkeit Einsamkeit Wege aus der Isolation übertünchte ich mit ­Onlinespielen. Ich war regelrecht süchtig. Es ging aber nicht um Geld. Es war ein Quiz, das ich in jeder freien Sekunde spielte», erzählt die 54-jährige Apothekerin. «Das Spiel verfügt auch über eine Chatfunktion. So lernte ich Karl kennen.»

Karl heisst mit Nachnamen Pleitner*. Er ist ­Österreicher und Inhaber eines mittelständischen Handwerksbetriebs. Ein Mann mit Walrossschnauz und Halbglatze, mit respektablem Bauchumfang, der von seiner Vorliebe für deftiges Essen und Bier zeugt. Und mit dem ausgeprägten Talent, Frauen den Schmäh zu bieten.

Wünsche und Träume

Die Anonymität des Webs verleitet leicht zu einer Intimität, die man im realen Leben so schnell nicht aufbauen würde. Auch der schüchternen, pflichtbewussten Brigitte Bamert, die sich ihr Leben lang zurückgenommen hatte, flossen die Worte einfacher aus dem Herzen in die Tastatur. Bald erzählte sie dem Mann am anderen Ende des Glasfaser­kabels von ihrer totgelaufenen Ehe, von ihrer Einsamkeit, ihren Wünschen und Träumen. ­Erzählte auch von ihrer schrecklichen Kindheit als Tochter alkoholkranker Eltern, von der ­Gewalt, der Angst Panikanfälle Ein dunkles Leben mit der Angst im Nacken , der Ohnmacht.

Handwerker Kurt Pleitner merkte schnell: Die Frau ist bedürftig. Unerfahren in Liebesdingen. Vereinnehmbar. Formbar. Er mimte den Einfühlsamen, Verständnisvollen. «Es war unglaublich romantisch. Monatelang haben wir nur geschrieben, zuerst unter unseren Spielerpseudonymen, dann mit unseren echten Namen.»

Am 24. Juni 2017 trafen sie sich zum ersten Mal. In Friedrichshafen am Bodensee, auf neutralem Terrain quasi. Um sie war es da schon lange geschehen.

Es entwickelte sich eine Fernbeziehung mit den typischen Zutaten einer unerlaubten Liebe: Sehnsucht, Lust, Abenteuer, Gefahr. Mit vielen Lügen und einem schrecklich schlechten Gewissen . Denn nicht nur Brigitte Bamert war in festen Händen. Auch Karl Pleitner hatte eine Partnerin. Die gemeinsame Untreue schweisste die beiden noch enger zusammen.

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Blase des Glücks

Die beiden liebten in einer ­Blase. Wussten viel Intimes voneinander, aber nicht, wie der andere lebt. Sie trafen sich nur in Hotels, zum Beispiel in Stuttgart. Oft nur für ein paar Stunden. Er flog aus Salzburg an, sie aus Zürich. Später wurden sie mutiger, trafen sich sogar nur zwei Dörfer entfernt von ihrem Zuhause. Sie sahen sich unregelmässig, manchmal innert Wochenfrist, mal lagen zwei Monate zwischen den Treffen. «Ich war glücklich. So glücklich, wie ich es noch nie in meinem Leben gewesen war.»

Nach zwei Jahren platzte die Blase. Völlig ­unerwartet. «Karl eröffnete mir eines Tages, dass seine Partnerin hinter unser Verhältnis Gerichtsurteil Mann betrügt seine Frau, fliegt auf und zeigt sie an gekommen sei», sagt Brigitte Bamert. Ihre Welt geriet aus den Fugen. «Was, wenn er mich verlässt? Was, wenn sie mich ausfindig macht und mich aus Rache bei meinem Mann verpfeift?»

Wenn es nur das gewesen wäre… «Karl ­sagte mir, er habe mit seiner Partnerin einen Deal geschlossen. Wer fremdgeht, zahlt dem andern sozusagen als Busse 200'000 Euro», erzählt Bamert. Weil sie ja zur Hälfte mit schuld sei, müsse sie die Hälfte bezahlen. Und wenn sie das Geld nicht rüberwachsen lasse, werde er sie an ihren Mann verraten. «Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Der Mann, der mich zwei Jahre lang als die Liebe seines ­Lebens bezeichnet hatte, erpresste Drohung per E-Mail Wie soll ich auf die Erpressung reagieren? mich!»

 

«Ich war glücklich. So glücklich, wie ich es noch nie in meinem Leben gewesen war.»

Brigitte Bamert

 

In ihrer Panik erzählte Brigitte Bamert ihrer Schwester, was passiert war. Die rief sofort Karl Pleitner an und erklärte ihm, ihre Schwester werde die 100'000 Euro sicherlich nicht bezahlen. Pleitner erwiderte, er habe 22'000 Euro «für Brigitte» ausgegeben, für Kleider, Schmuck, Hotels und Flüge. Mindestens die Hälfte davon wolle er zurück, ebenso alle Kleider und den Schmuck.

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Sollte sie nicht bezahlen, verfüge er über eine Liste von 50 Mailadressen, Anschriften von ihren Bekannten, ihrer Arbeitsstelle, dem Betrieb ihres Mannes. Sie alle würden dann ­erfahren, was Brigitte für eine sei.

Der 54-Jährigen fuhren schlimme Gedanken durch den Kopf. Hatte es ihr Geliebter von Anfang an auf ihr Geld abgesehen? Schliesslich wusste er aus den unzähligen Gesprächen, dass sie und ihr Mann finanziell gut gestellt sind. Hatte er wirklich zwei Jahre lang zugewartet, ihr die grosse Liebe vorgespielt, bis er schliesslich ­zuschlug? Oder war es ein spontaner Einfall, für seine mässig erfolgreiche Fliesenlegerbude frisches Kapital zu besorgen? Welche Rolle ­spielte Pleitners Partnerin in der Angelegenheit? Brigitte Bamert weiss es bis heute nicht.

Geständnis

Am Abend gestand sie ihrem Mann die Affäre. Packte Schmuck und Kleider, die sie von Pleitner ­geschenkt erhalten hatte, in einen Sack. Kramte auf die Schnelle 2000 Euro zusammen. Am nächsten Tag fuhr ihr Mann sie nach Friedrichshafen, den Ort, an dem ihre Affäre ­begonnen hatte. «Ich fühlte mich wie in einem miesen Traum, war wie betäubt.»

Die restlichen 9000 Euro überwies sie wenige Tage später. «Er schickte mir danach eine E-Mail, in der er mir mit seinem Ehrenwort versicherte, dass er alle Bilder und Texte löschen würde und das Ganze damit ein Ende habe. Und er wünsche mir viel Glück.»

Zu Hause die Eiszeit

Ein Ende mit Schrecken – wäre es denn wirklich das Ende gewesen. Kurze Zeit später meldete sich Pleitner wieder mit neuen Geldforderungen. Und verlangte zwei Blusen zurück, die Brigitte Bamert in der Hektik einzupacken vergessen hatte. «Die schickte ich ihm zurück. Geld aber keines mehr.»

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Aus Rache sandte Pleitner eine E-Mail an den Gatten seiner ehemaligen Geliebten. Der Inhalt Ehrverletzung Wir sehen uns vor Gericht! oszillierte zwischen ordinärer Pornografie, Häme für den gehörnten Ehemann, Liebesschwüren, üblen Schmähtiraden und Lügen über seine einstige Geliebte sowie Prahlereien über seine Fähigkeiten als Liebhaber und sein «bestes Stück». Das Ganze über geschlagene 14 A4-Seiten. Es war das Schreiben eines gekränkten Narzissten.

 

«Ich tue mich schwer damit, loszulassen.»

Brigitte Bamert

 

Vater und Tochter, die sich auch früher immer wieder gegen die Mutter verbündet hatten, ­liessen ihrer Verachtung für die «gefallene Sünderin» freien Lauf. Brigitte Bamert musste ausziehen und kam bei ihrer Schwester unter. «Ich kann meinen Mann völlig verstehen, bin ihm dafür auch nicht böse. Einzig, dass er behauptet, es liege wohl an den Genen, und mir vorwirft, ich sei so verkommen wie mein Vater, der untreue, gewalttätige Alkoholiker Alkoholismus Wenn der Ehepartner Alkoholiker ist , trifft mich zutiefst.»

Viel schlimmer noch fühlt sich der Verrat von Karl Pleitner an. «Ich tue mich schwer damit, loszulassen. Ich vermisse das riesige Glück, das ich mit ihm erlebt hatte, nach wie vor.» Und ­ sie macht sich Vorwürfe. Denkt, sie sei an der ganzen Misere schuld, selber schuld.

Andauerndes Stalking

Die 54-Jährige fiel in ein Loch. Ihr Ex-Lover deckt sie mit SMS ein. An einem Tag füllte er ihre Inbox mit 42 Nachrichten. Drohungen, Liebesschwüre, Beleidigungen wechseln im Minutentakt. Er will nicht akzeptieren, dass sie nach seiner Erpressung nichts mehr mit ihm zu tun haben will.

Brigitte Bamert hat sich nach dem letzten Treffen in Friedrichshafen nie mehr bei ihm ­gemeldet. Sie hat sich eine neue Handynummer besorgt. Doch das Stalking Stalking Wenn aus Liebe Wahn wird geht weiter. Per E-Mail und ganz konventionell per Post.

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Brigitte Bamert hat sich einen Rechtsbeistand genommen. Sie erwägt eine Anzeige Opfer einer Straftat Den Täter anzeigen? , unter ­anderem wegen Erpressung. Stalking hingegen ist der Schweiz kein Straftatbestand.

Mögliche Handlungen von stalkenden Personen

Allgemein wird zwischen drei Stalking-Handlungen unterschieden (nicht abschliessend)

 

Kommunikation

  • Ständige Telefonanrufe zu jeder Tages- und Nachtzeit (Telefonterror). 
  • Massenhaftes Zusenden von SMS, WhatsApp-Nachrichten oder E-Mails sowie ständige Belästigungen in Internet-Chaträumen oder sozialen Netzwerken. 
  • Unerwünschte Geschenke. 
  • Schädigung des Opfers in sozialen Netzwerken Facebook So schützen Sie Ihre Daten durch Veröffentlichung von privaten Informationen und Inhalten sowie Aufgabe von Anzeigen im Namen des Betroffenen. 
  • Kontaktversuche bei Freunden und Bekannten des Opfers. 

 

Aggression

  • Rufschädigung Ehrverletzung Wir sehen uns vor Gericht! durch Verbreiten unwahrer Aussagen gegenüber dem Betroffenen und seinen Angehörigen, Nachbarn oder Arbeitskollegen sowie Falschanschuldigungen gegen das Opfer bei Polizei oder Arbeitgeber. 
  • Beschimpfungen und Drohungen gegen das Opfer, darunter auch (mehr oder weniger) subtile Suizidandeutungen. 
  • Sachbeschädigung am Eigentum des Betroffenen (Beschädigen von Autotüren, Fensterscheiben, Briefkästen etc.). 
  • Tätlichkeiten, Körperverletzung oder sexuelle Gewalt. 

 

Verfolgung

  • Auflauern des Opfers. Stalker kundschaften im Vorfeld dessen Tagesablauf aus, auch über das Ausspionieren seiner Online-Aktivitäten.

Rechtslage – Stalking

Anders als etwa in Deutschland existiert in der Schweiz der Straftatbestand «Stalking» (noch) nicht. Allerdings erfüllen einzelne Handlungen des Stalkings andere Straftatbestände. Zu den häufigsten gehören: 

 

  • Drohung (Art. 180 StGB) 

Dabei ist es irrelevant, ob die Tatperson ihre Drohung wahr macht oder nicht. 
 

  • Nötigung (Art. 181 StGB)

Hier ist entscheidend, ob eine konkrete Handlung des Täters vorliegt, die das Opfer zu einer Verhaltensänderung zwingt. Beispielsweise zwingt das regelmässige Auflauern am Arbeitsweg das Opfer dazu, seinen Arbeitsweg zu ändern. 
 

  • Missbrauch einer Fernmeldeanlage (Art. 179 StGB)

Hier gelten nicht nur Anrufe, in denen das Opfer bedroht wird. Auch wiederholte Anrufe, bei denen der Täter nichts sagt, gelten als Belästigung.  
 

  • Ehrverletzung (Art. 173 StGB) 

Beschimpfungen sind verbal, schriftlich, durch Bilder oder Gebärden möglich und werden dem Opfer gegenüber vor Drittpersonen geäussert. Ausschlaggebend dabei ist nicht das Empfinden des Opfers, sondern wie Drittpersonen die Äusserungen wahrnehmen können. 
 

  • Hausfriedensbruch (Art. 186 StGB)

Hier ist das Wort «Haus» nicht wörtlich zu nehmen. Hausfriedensbruch fängt schon an, wenn der abgegrenzte Garten (durch Zaun, Hecke, Mauer o.Ä.) betreten wird. 
 

  • Körperverletzung (Art. 122 StGB) 

Wichtig ist hier, dass der Gewaltakt weder eine Verletzung noch bleibende Schäden verursachen muss, um als Straftatbestand zu gelten. Zudem kann eine Körperverletzung auch bei Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit vorliegen. 
 

  • Sexuelle Nötigung (Art. 189 StGB)

Diese kann in Worten, Gesten oder in Taten ausgeführt werden. Ausschlaggebend ist dabei nicht die Intention des Täters, sondern wie die Handlungen vom Opfer wahrgenommen werden. 

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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