«Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Apotheker», enden die Heilmittelwerbungen im Fernsehen. Schön wärs, denn oft verpuffen Kundenfragen im Leeren, wie ein Beobachter-Test zeigt: Nur gerade zehn Prozent der geprüften Apotheken boten eine umfassende und einwandfreie Beratung. Praktisch jede zweite Apotheke fiel im Test durch: Die Auskünfte waren unvollständig, falsch oder blieben ganz aus.

Ein erschreckendes Ergebnis, das krass mit dem Selbstverständnis der Apotheker kontrastiert. Seit Jahren fordert die Branche mehr Anerkennung für ihre Beratungskompetenz ein Anspruch, dem das neue Abgeltungsmodell für die Medikamentenabgabe nun Rechnung trägt: Ab Juli vergüten die Krankenkassen die Beratungsleistung der Apotheker unabhängig von den Medikamentenpreisen. Mit der Abschaffung der prozentualen Marge fällt für die Apotheken der Anreiz weg, möglichst viele oder teure Medikamente zu verkaufen. Mit Hilfe dieser Anpassung der Krankenversicherungsverordnung sollen die Medikamentenkosten gesenkt werden.

Beratung ist oft zu oberflächlich

Der Beobachter-Test zeigt: Die Apotheker sind ganz und gar nicht bereit für das neue Modell, das sie selber vehement gefordert hatten. Die Beratungsqualität war in über 40 Prozent der Testgespräche ungenügend. Die Beobachter-Testerinnen besuchten 52 zufällig ausgewählte Apotheken in der ganzen Schweiz. Wie normale Kundinnen betraten sie die Apotheke und stellten eine der drei möglichen Testfragen. Wie reagieren die Apothekerinnen? Sind sie gesprächsbereit, informieren sie vollständig und richtig?

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Im Testbereich Hämorrhoiden fielen sieben Apotheken durch. Die Beratung war oberflächlich und ungenügend. Das Thema schien den Fachpersonen zu peinlich, sie fragten nicht einmal nach den genauen Symptomen. «Viele Kunden möchten gar nicht genauer befragt werden», sagt die Apothekerin Daniela Wilhelm von der Coop Vitality in St. Gallen. Doch wie soll ein Apotheker das wirksamste Medikament verkaufen, wenn er die Symptome des Kunden gar nicht kennt?

Auch die mit dem Medikament mitgegebenen Auskünfte

waren zu knapp: So verkauften alle 20 getesteten Apotheken

der hämorrhoidengeplagten Testperson eine Salbe zur Linderung

der Schmerzen doch nur vier erklärten, wie lange

diese zu benützen sei. Es waren dieselben vier, die aufgrund

der genauen Befragung zum richtigen Schluss kamen, dass es

sich bei den geschilderten Beschwerden um ein Ekzem handeln

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müsse, das vom Arzt behandelt werden sollte. Eine wirklich

einwandfreie Beratung bekam die Testerin einzig in der Rathaus-Apotheke

in Baar ZG: Die Apothekerin fragte genau nach, diagnostizierte

richtig, gab zusätzlich Ernährungs- und Pflegetipps

und erklärte, dass in ein paar Tagen ein Arztbesuch angebracht

sei, wenn die abgegebene Salbe nichts nütze.

Kundin im Unwissen gelassen

Im zweiten Testbereich erreichte keine einzige der 22 getesteten

Apotheken die Höchstpunktzahl. Die Testkundin verlangte

eine Packung «Remotiv Johanniskraut- Dragées»

und erwähnte beiläufig, dass sie das Produkt das

erste Mal nehmen wolle. Nur gerade eine einzige Verkäuferin

klärte ab, ob dieses Medikament überhaupt die richtige

Therapie für die Beschwerden sei. Sechs Apotheken gaben

das Medikament ab, ohne nach der Einnahme von anderen Medikamenten

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zu fragen oder über mögliche Nebenwirkungen zu informieren.

Eine davon war die Apotheke Dr. Fasel in Luzern. Apotheker

Paul Fasel reagierte sofort auf das schlechte Testresultat:

«Ich habe angeordnet, dass künftig immer nach der

Einnahme von anderen Medikamenten gefragt werden muss.»

Er entschuldigt aber das Fehlverhalten der Pharmaassistentin:

«Manchmal reagieren Kunden ungehalten, wenn ihnen zu

viele Fragen gestellt werden.» Auch andere Apotheken

bringen in ihren Stellungnahmen zum Testresultat dieses Argument.

Dabei wären gerade bei diesem Präparat Fragen

angebracht. «Remotiv» gilt zwar als natürliches

Antidepressivum. Doch es enthält Johanniskraut, das die

Wirkung von anderen Medikamenten abschwächen kann. Deshalb

weist die Herstellerfirma Zeller auf der Packungsbeilage beispielsweise

darauf hin, dass bei gleichzeitiger Einnahme von Antibabypille

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und «Remotiv» ein Arzt konsultiert werden sollte.

Nur in neun von 22 Apotheken wurde die Kundin auf das Problem

aufmerksam gemacht. Die mehrmals genannte Begründung

dafür erstaunt: «Wir wollten die Kundinnen damit

nicht verunsichern.» Dass damit unter Umständen

eine ungewollte Schwangerschaft riskiert wird, scheint nicht

relevant.

Im dritten Testbereich wurde die Medikamentenabgabe geprüft. In zehn Apotheken verlangte die Testerin ein billigeres Nachahmerprodukt (Generikum) als Ersatz für das Schmerzmittel «Brufen 600». Generika sind ein zentrales Thema der «Denner-Initiative», über die am 4. März abgestimmt wird. Das Volksbegehren schreibt vor, dass Krankenkassen nur noch das billigste Medikament vergüten. Ärzte und Apotheker sollen bei gleichwertigen Medikamenten künftig das günstigere abgeben. Originalprodukte sind meist teurer als Generika. Die Pharmalobby macht gegen Generika mobil und behauptet, diese seien schlechter als die Originale.

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Krasse Fehlauskünfte erteilt

Ins gleiche Horn blies beim Test der St. Galler Apotheker Jürg Thaler. Dasselbe Molekül könne in einer anderen Medikamentenzusammensetzung eine schlechtere Wirkung entfalten, erklärte er der Kundin, als sie nach einem Generikum fragte. Für den Testfall ist diese Auskunft definitiv falsch: Für «Brufen 600» gibt es eine ganze Reihe gleichwertiger Ersatzpräparate und alle sind etwa 30 Prozent billiger als das Original.

Die Apotheke Dr. Fasel in Ebikon LU wollte das Generikum nicht verkaufen, weil dies verboten sei. Auch das ist falsch: Seit Einführung des neuen Abgeltungsmodells Anfang Jahr darf bei einem Rezept für ein Originalmedikament ein günstigeres Generikum abgegeben werden.

Die Testerinnen hatten ausdrücklich ein Generikum verlangt und den Apothekern so auf die Sprünge geholfen. Dennoch reagierten viele falsch: Vier Assistentinnen meinten, es gebe gar kein Generikum zum verlangten Präparat. Immerhin drei Apotheken offerierten, das Generikum zu bestellen, weil keines an Lager sei. Das ist akzeptabel, da die getesteten Apotheken in Selbstdispensationsgebieten lagen, wo Ärzte die Medikamente direkt an die Patienten abgeben dürfen und die Apotheken ein kleineres Medikamentensortiment führen. Nur eine Apotheke händigte ein Generikum aus: die Metalli-Apotheke in Zug. Hier ist man auf der Höhe der Zeit.

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