Als der Hausarzt nicht mehr weiterwusste, empfahl er Mara Bühler wegen der Gliederschmerzen einen Psychiater. Sie suchte sich aufs Geratewohl Kontakte heraus. Die Oltner Psychiaterin Elke Sippel meldete sich als Erste. Schnell habe sich eine enge Bindung zur Therapeutin entwickelt. «In den Therapiestunden entstand eine grosse, freundschaftliche Nähe. Wir umarmten uns zur Begrüssung», erzählt Mara Bühler.

Irgendwann habe ihr Sippel – unter dem Siegel der Verschwiegenheit – spezielle Sitzungen angeboten. Dort käme LSD Drogen legalisieren Wie schlimm sind Drogen wirklich? zum Einsatz, das Blockaden löse.

Elke Sippel ist Mitglied von Avanti, einer Gruppe von Psychiatern und Psychotherapeuten aus dem engsten Kreis der sektenähnlichen Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen-Nennigkofen SO.

Gegründet wurde die esoterische Gruppierung vom 2017 verstorbenen Psychiater Samuel Widmer. Ihre Anhänger leben polyamor und befürworten die Psycholyse, eine quasi-therapeutische Methode, bei der psychoaktive Substanzen wie LSD und Meskalin verwendet werden. Sie sollen helfen, zum wahren Ich zu finden. Auch die Jugendlichen der Gemeinschaft werden mit «Ritualen» an die Psycholyse herangeführt. Widmer gründete auch die «Therapeutisch-Tantrisch-Spirituelle Universität», die den Jüngern zu «sexueller Befreiung» verhelfen soll.

Samuel Widmer und seine Anhänger behaupteten lange Zeit, bei der Psycholyse kämen nur legale Substanzen zur Anwendung. 2015 bewies ein Reporter des ARD das Gegenteil. Er hatte inkognito an einer Sitzung teilgenommen und Drogenproben rausgeschmuggelt. Es handelte sich um Meskalin und MDMA. Eine laut Katrin Faber von Tox Info Suisse potenziell lebensgefährliche Mischung.

Üble Vorgeschichte

Vor der Sitzung mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Vertrag unterschreiben mit dem Passus, dass sie während der Veranstaltung nicht sterben dürften. Das klingt absurd, ergibt aber aus Sicht der Kirschblütler durchaus Sinn.

2009 war es während einer psycholytischen Sitzung in Deutschland zu zwei Todesopfern gekommen. Ein Dritter überlebte mit schweren Schäden. Ursache war eine Überdosis MDMA. Der veranstaltende Arzt Garri Rober war ein Schüler Widmers.

2015 waren im deutschen Handeloh 160 Rettungskräfte und 7 Notärzte nötig, um 29 mit Amphetamin zugedröhnte Teilnehmer einer Psycholysesitzung mit starken Vergiftungserscheinungen in medizinische Obhut zu verfrachten. Auch hier bestand ein Bezug zur Kirschblüte.

Anzeige

2016 erlitt die Münchner Kirschblütlerin Sabine Bundschu während einer Sitzung eine Hirnblutung. Sie hatte Fluoramphetamin 4-FMP geschluckt. Die anderen Teilnehmer weigerten sich über 50 Stunden lang, sie ins Spital zu bringen – möglicherweise, um den Konsum der Droge zu verschleiern. Bundschu lag zwei Wochen auf der Intensivstation, überlebte nur knapp.
 

«Es vergessen alle, dass die tollen Gefühle ja gerade nicht die Realität wiedergeben, sondern dem Drogentrip geschuldet sind.»

Ariela Bogenberger, ehemalige Kirschblüten-Anhängerin


Auch die Tantrasitzungen sollen unter Drogeneinfluss stattfinden, berichten Aussteiger. Sie sollen dazu dienen, die persönlichen sexuellen Grenzen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufzulösen. Die Folge: Koitus nach dem Zufallsprinzip. Wer nicht mitmacht oder einen schlechten Trip hat, dem wird vorgehalten, sich gegen die Heilung zu wehren. Man werde dafür abgekanzelt, auch in der Gruppe und unter Drogeneinfluss. Erzählen Ehemalige.

Die Drogen werden Sakramente, Medizin oder Helfer genannt. «Dabei vergessen alle, dass die tollen Gefühle ja gerade nicht die Wahrheit, die Realität wiedergeben, sondern dem Drogentrip geschuldet sind», sagt die ehemalige Kirschblüten-Anhängerin Ariela Bogenberger. Sie war vor über 20 Jahren ursprünglich als Patientin für den Kult rekrutiert worden.

Der «liebevolle Inzest»

Widmer und seine Anhänger stehen auch wegen ihrer Inzesttheorie in der Kritik. «Da Eltern mit inzestuösen Liebesregungen zwischen ihnen und ihren in die Pubertät kommenden Kindern nicht umgehen können und einen Übergriff ihrerseits verhindern wollen, weisen sie das Kind zurück», schrieb er. Das sei nicht gut für das Kind und führe etwa zu einem Verlust von Selbstwertgefühl und Urvertrauen. Besser sei eine liebevolle Annäherung, der «liebevolle Inzest».

Anzeige

Von sexuellen Beziehungen zwischen Therapeut und Patient Psychotherapie Des einen Freud... distanzieren sich die Avanti-Mitglieder nicht. Die Rede ist dann vom «verantworteten Inzest». Ein grober Verstoss gegen die Standesregeln. Und schwere Kost für Patienten wie Mara Bühler, die in ihrer Kindheit Missbrauch und Gewalt erlebte. Doch ausgerechnet das sollte sie vor Schlimmerem bewahren. «Elke Sippel wollte mich im Rahmen der Therapie massieren. Doch ich ertrage es nicht, angefasst zu werden. Und vor Drogen habe ich schrecklich Angst.»
 

«Gebracht hat die Therapie nichts, ausser dass ich emotional so abhängig war, dass ich mich nach dem Austritt wie eine Verräterin fühlte.»

Mara Bühler, ehemalige Patientin


Die meisten aus ihrer Therapiegruppe machten laut Bühler bei den Drogensitzungen mit. Sie selber weigerte sich, trat aus der Gruppe aus. Die Folge: Vorwürfe und Liebesentzug. Sippels Interesse an ihrer Patientin sei danach gegen null geschrumpft. «Mehrmals schlief sie sogar in der Sitzung ein», erinnert sich Bühler.

Sechs Jahre lang hatte Bühler die Psychiaterin aufgesucht, bezahlt wurde die Therapie von der Krankenkasse. «Gebracht hat es nichts, ausser dass ich emotional so abhängig war, dass ich mich nach dem Austritt wie eine Verräterin fühlte», sagt Bühler.

Elke Sippel gibt auf Anfrage zu, dass sie «schon mal während einer Therapiestunde eingenickt» sei. Sie habe aber nie eine drogenunterstützte Therapie angeboten.

Mara Bühler, die heute weiss, dass Weichteilrheumatismus Rheuma Schmerzen bis an die Grenzen an ihren Schmerzen schuld ist, brach die Therapie ab. Sie suchte sich eine neue Psychiaterin. Gelandet ist sie bei Alexandra Horsch-Beyerle. Die Ärztin betreut etliche ehemalige Kirschblüten-Patienten, die in der Gemeinschaft zu ihren ursprünglichen Traumata weitere psychische Verletzungen erlitten haben. «Bei vielen meiner Kollegen sieht es ähnlich aus.»

Anzeige

Im Notfalldienst

Trotzdem praktizieren Ärzte und Therapeuten aus dem Umfeld der Kirschblüten weiterhin und sind auch für den Notfalldienst eingeteilt. Mit traumatischen Folgen für Benno Müller*.

Am 14. November 2016, spätnachts, fand er sich in Handschellen in der Notaufnahme der psychiatrischen Klinik Solothurn wieder. Man nahm ihm die Kleider und alle persönlichen Gegenstände ab und verabreichte ihm ohne vorgängige Abklärungen und ohne sein Einverständnis ein Beruhigungsmittel. Wenige Stunden später war er wieder auf freiem Fuss.

Was war geschehen? Benno Müller* und seine Frau Anna* hatten sich zwar heftig, aber ohne körperliche Gewalt oder Drohungen gestritten. Um 20.44 Uhr griff Anna Müller zum Telefonhörer und wählte die Nummer der Notfallarzt-Zentrale. «Ich wollte, dass eine neutrale Person uns half, den Knopf zu lösen», sagt sie.

Es kam Psychiater Sebastian Weidenbach. «Er versuchte sofort, meine Frau von mir abzusondern, sagte ihr, sie solle ihre Sachen packen, und befahl mir, das Haus zu verlassen. Weder meine Frau noch ich wollten das und sagten ihm das auch wiederholt.» Den Arzt kümmerte das nicht. Irgendwann fuhr Benno Müller entnervt mit dem Auto zu seiner Schwester. Als er nach einer Stunde zurückkam, war Weidenbach noch immer da.

Um 23.40 Uhr traf die Polizei ein. Sie legte Müller in Handschellen. Eine Ambulanz brachte ihn in die psychiatrische Klinik. Ein rechtsgültiges Schreiben für die Einweisung fehlte – was Müller und einer der Sanitäter erfolglos bemängelten.

Das Papier wurde um 5.45 Uhr nachgereicht. Kurz nach 10 Uhr morgens wurde Müller entlassen. Die fürsorgerische Unterbringung Fürsorgerische Unterbringung In die Klinik – und dann? habe «bei fehlender Selbst- und Fremdgefährdung» nicht bestätigt werden können, heisst es im Klinikbericht.

Anzeige

Anna Müller erzählt, am nächsten Morgen habe Weidenbach angerufen und sie dazu bewegen wollen, mit ihren Kindern in eine Klinik oder «an einen Platz, den er für sie finden wollte», umzuziehen. «Ich sagte ihm, dass ich das nicht wolle. Er wirkte beleidigt.»

«Jemanden ohne schriftlichen Entscheid einzuweisen, ist absolut rechtswidrig» 

«Die ärztliche Anordnung ist bei fürsorgerischer Unterbringung Pflicht und muss gesetzliche Mindestvoraussetzungen erfüllen. Jemanden ohne einen schriftlichen Entscheid einzuweisen, ist absolut rechtswidrig», sagt Aner Voloder vom Rechtsdienst der Stiftung Pro Mente Sana. Sebastian Weidenbach liess eine Anfrage des Beobachters zu den Vorgängen damals unbeantwortet.

Das Verhalten des Psychiaters liess Benno Müller keine Ruhe. Er googelte und fand heraus, dass Weidenbach ein führendes Mitglied der Kirschblüte ist. Auf der Website der-verbotene-weg.de hatte Weidenbach zudem ein Bild von sich gepostet.

«Mein Trip gehört mir», steht dabei. Und: «Psycholyse in Frage zu stellen (…), ist Ausdruck eines verirrten und korrumpierten Geistes.» Seine Frau Kasia Weidenbach, ebenfalls Psychiaterin, liess sich so zitieren: «Ohne MDMA, LSD und Meskalin wären mein Leben und meine Arbeit nicht das, was sie heute sind.»

Die Website ist heute vom Netz. Und mit ihr Beispiele von Dutzenden weiteren Anhängern, die die Psycholyse und Drogen verherrlichen. Darunter etwa die Jugend- und Familienberaterin von Münchenstein BL, die Leiterin des Sozialdienstes Möhlin BL und die Heilpädagogin der Schule in Wynau BE.

Hängige Verfahren

«Es ist für mich und meine Fachkollegen nicht nachvollziehbar, dass der Fall Kirschblüte die Behörden nicht zu interessieren scheint», sagt Alexandra Horsch-Beyerle. Sie kämpft zusammen mit Thomas Ackermann, dem Präsidenten der Solothurner Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie GPPSO, gegen die Praktiken der Kirschblüte. Ende Dezember 2018 reichten die beiden eine aufsichtsrechtliche Anzeige beim Solothurner Gesundheitsamt ein. Das Verfahren ist hängig.

Anzeige

Auch Benno Müller unternahm juristische Schritte, bislang ohne Erfolg. Seine Frau wurde von der zuständigen Behörde zu den Hergängen in jener Nacht noch nicht einmal befragt.


* Name geändert

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Andres Büchi, Chefredaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter