Auf Facebook haben wir Sie, liebe Leserinnen und Leser gefragt, welches Ding Sie aus der brennenden Wohnung retten würden. Auf den Bildern sehen Sie Ihre Antworten.

Marie Kondo ist ein ­Rätsel. Mit ihrem ­puppenhaften Gesicht und ihrer kind­lichen Stimme wirkt die Japanerin wie ein artiges Schulmädchen. Dabei zählt sie das US-Nachrichtenmagazin «Time» zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten, gemeinsam mit Angela Merkel, Kim Jong-un und dem Papst. Anlass war Kondos Ratgeberbuchreihe «Magic Cleaning», die sich weltweit mehr als sieben Millionen Mal verkaufte und in 27 Sprachen übersetzt wurde. Sie handelt vom Aufräumen.

Sie habe schon immer gern Ordnung in die Dinge gebracht, so Kondo. Als kleines Mädchen räumte sie in den Pausen das Bücherregal im Schulzimmer auf, während die anderen draus­sen spielten. Ihren Vater brachte sie einmal in Rage, weil sie einen Anzug weggeschmissen hatte – mit der Begründung, er habe ihn noch nie getragen. «Aufräumen bedeutete für mich loswerden», sagt die «Zen-Nanny».

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Kondo war 16, als sie ihr Er­weckungserlebnis hatte. Sie war allein zu Hause und überlegte, was sie wegschmeissen könnte. Sie griff sich einen Abfallsack und stapfte in ihr Zimmer. «Ich fühlte mich unglaublich gestresst, sah mich um und fühlte den Drang, gleich alles loszuwerden. Der Stress war so heftig, dass ich ohnmächtig ­zusammenbrach.»

Zwei Stunden sei sie ohne Bewusstsein geblieben. Als sie erwacht, hört sie eine Stimme: «Betrachte die Dinge mit grösserer Sorgfalt!» Ob die Stimme von aussen kam oder aus ihr heraus, wisse sie heute nicht mehr. «Ich glaube, es war der Gott des Aufräumens, der zu mir gesprochen hat.» Dieser Moment sei die Inspiration für die Konmari-Methode gewesen. Wer seine Wohnung aufräumt, bringt auch sein Leben in Ordnung, so die Erkenntnis, die mittlerweile offenbar von vielen rund um den Globus geteilt wird.

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Sie habe die Dinge plötzlich aus ­einer anderen Perspektive betrachtet, sagt Kondo. Sie konzentrierte sich nicht länger auf das, was sie loswerden, sondern was sie behalten wollte. Was ihr ­Freude bereitete, durfte bleiben, der Rest wanderte in den Müll. Oder, wie es Kondo ausdrückt, wurde ver­abschiedet.

Das meint sie wörtlich. Die Japanerin, die damals in einem Schinto-Tempel arbeitete, empfiehlt, sich vor dem Wegwerfen bei den Dingen für die geleisteten Dienste zu bedanken. «Danke, liebe Jacke, dass du mich vor der Kälte geschützt hast.» Wenn ein Kleidungsstück wegmuss, weil es zu gross oder zu klein ist, soll man danke sagen, weil es gezeigt hat, was einem nicht passt. «Dinge haben eine Seele, das ist für uns Japaner natürlich und selbstverständlich», sagt Kondo.

«Der Gott des Aufräumens hat zu mir gesprochen.»

Marie Kodo, Aufräum-Guru

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Auf Europäer wirken solche Ideen zunächst bizarr. Wir wissen: Dinge ­haben keine Seele, da ist kein Platz für Magie. Dinge sind Dinge. Nur Lebe­wesen sind einzigartig, Dinge sind ­reproduzierbar.

Wenn wir uns da mal nicht täuschen.

Da ist René, ein Mann in den ­späten Fünfzigern. Er sieht sich als ­Rationalist. Vernunft ist ihm wichtig, ge­sichertes Wissen beruht auf Fakten. René besitzt eine Umhängetasche, gefertigt aus braunem Nylon mit einem ledernen Schultergurt. An den Kanten beginnen sich die Nähte zu lösen. Die Tasche ist Dutzendware. Ausser für René. Er hat sie in Marokko gekauft, vor 21 Jahren. Seither hat er sie dreimal reparieren lassen, immer beim selben Händler in Marrakesch.

Die Reparatur war sogar der Hauptgrund für seine letzte Marokko-Reise. So viel Aufwand für eine banale ­Tasche? «Ich habe seither halt nichts Vergleichbares gefunden», sagt René. Nein, Dinge ­haben keine Seele, für uns Europäer nicht.

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Erkenntnis aus der «Kopiermaschine»

Im Namen der Wissenschaft machten die Psychologen Bruce Hood und Paul Bloom ein fieses Experiment. Sie nahmen zwei Kisten, ersetzten die Deckel durch einen Vorhang und befestigten daran viele farbige Blinklämpchen. Das Ganze nannten sie Kopiermaschine. Dann luden sie Eltern mit ihren Kindern ein. Die Kinder sollten ihre Schmusedecke mitbringen.

Zuerst demonstrierten Hood und Bloom den Kindern die magischen ­Fähigkeiten ihrer «Kopiermaschine». Sie legten etwa eine Tasse in die erste Kiste, liessen die Lämpchen blinken und hoben den Vorhang der zweiten Kiste. Dort befand sich eine identische Tasse – die Forscher hatten sie zuvor dort hineingelegt. Das wussten die ­Kinder nicht, die Kopier­maschine aber fanden sie toll.

Das änderte sich, als Hood und Bloom die Kinder aufforderten, ihre Schmusedecke in die Kiste zu legen. Eins von vier Kindern lehnte rundweg ab. Die Psychologen fragten die andern, was sie nach dem «Kopieren» ­lieber mit nach Hause nähmen, die Kopie oder das Original. Die meisten wollten ihre echte, schmuddelige Schmusedecke wiederhaben.

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Quelle: Christian Schnur

«Das ist der Pign Pign. Mein Grossvater hat ihn mir geschenkt, als ich noch ein Kind war. Der Pign Pign kam sogar mit auf die Philippinen, wo wir ein paar Jahre gelebt haben.»

Veronica Karbe

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Kinder sind halt so. Doch wenn wir erwachsen werden, wird unser Verhältnis zu Dingen viel bewusster und rationaler. Natürlich verfallen wir ab und an noch ihrem Zauber. Aber wir sind uns völlig im Klaren, warum das so ist. Einen teuren Wagen oder eine exklusive Uhr legen wir uns zu, weil wir beeindrucken wollen. Es geht um Status. Wir kaufen ein schickes Kleid, weil das unsere Stimmung hebt oder weil wir gern attraktiv wirken. Das ­alles ist zuweilen unvernünftig, aber weder magisch noch rätselhaft.

Des Klavierspielers Klappermöbel

Wie aber sollen wir die Beziehung ­erklären, die Glenn Gould mit seinem Stuhl verband? Gould gilt als einer der herausragendsten Pianisten des letzten Jahrhunderts. Am Flügel nahm er eine Kauerstellung ein. Das lag am nur 33 Zentimeter hohen Klappstuhl, den sein Vater gezimmert hatte, als Gould 21 Jahre alt war. Seither begleitete ihn der Stuhl auf jeder Konzertreise.

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Einmal sprach ihn ein Musikkritiker auf das seltsame Klappermöbel an. Gould wurde ungehalten: «Sie wollen sich doch nicht etwa über meinen Stuhl lustig machen? Ohne ihn kann ich nicht spielen, er ist für mich wie ein Familienmitglied.» Der Journalist fragte den Pianisten, dessen Ruhm auf seinen einzigartigen Bach-Interpretationen beruht: «Sie meinen, er steht Ihnen fast so nah wie Bach?» Darauf antwortete Gould: «Oh! Nein, nein. Noch viel näher.»

Gould schien zu glauben, der Stuhl ­habe eine magische Kraft, ohne die sich sein künstlerisches Genie nicht entfalte. Das könnte man als Marotte eines verschrobenen Künstlers abtun. Doch Psychologe Paul Bloom sagt: «Wir orientieren uns nicht so sehr an der sinnlichen Wahrnehmung. Vielmehr reagieren wir auf das, was wir für die tieferen Eigenschaften der Dinge halten, für ihre Essenz.»

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Quelle: Christian Schnur

«Ich würde meine Nike-Schuhe aus einer brennenden Wohnung retten, damit ich im Treppenhaus und auf der Strasse nicht auf etwas Brennendes oder auf Glasscherben trete.»

Senel Üzel

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Wie uns magisches Denken beeinflusst

Der Glaube, dass Dinge tiefere Eigenschaften ­haben, die über ihre Gegenständlichkeit hinausgehen, ist tief in uns verankert. In einem Experiment fragten die US-Forscher Carol Nemeroff und Paul Rozin Studienteilnehmer: Wie würde es sich anfühlen, eine neue Haarbürste zu benutzen? Und wenn diese von einem engen Freund benutzt worden wäre? Vom Partner oder von der Partnerin? Von jemandem, den man nicht mag oder unappetitlich findet?

Die Studienteilnehmer sollten ihr Erleben beurteilen. Resultat: Wenn ein enger Freund oder die Partnerin die Bürste benutzt, wird die Erfahrung als neutral eingeschätzt. Bei einer Person, die man nicht mag, und beim unappetitlichen Typen waren die Ergebnisse tief im negativen Bereich. Selbst wenn den Studienteilnehmern erklärt wurde, die Bürste werde vorher gereinigt und desinfiziert. Die tieferen Eigenschaften der Dinge lassen sich offensichtlich nicht so leicht entfernen.

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Darauf fragten die Psychologen, wie es sich anfühlen würde, wenn man die eigene Haarbürste, gereinigt und desinfiziert, an jemanden weitergibt. Bei der Freundin oder dem Partner wurde der Akt eher positiv bewertet. Als sehr unangenehm wurde die Idee empfunden, die Bürste einem «bösen Buben» geben zu müssen.

Nemeroff erklärt dieses Phänomen mit magischem Denken und dem Gesetz der Ansteckung. Dieses lautet ganz einfach: einmal in Kontakt, immer in Kontakt. «Wir befürchten, dass jemand über die Haarbürste in irgendeiner Art auf uns Einfluss nimmt, weil wir immer noch mit ihr verbunden sind. Die Haarbürste und wir waren in Kontakt, unsere Essenzen sind verschmolzen», sagt Nemeroff.

«Wir reagieren auf das, was wir für die Essenz der Dinge halten.»

Paul Bloom, Psychologe

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Das Gesetz der Ansteckung geht zurück auf den schottischen Anthropologen James George Frazer. In seiner Studie zu Magie und Religion, «Der goldene Zweig», entwickelte er das Konzept der sympathetischen Magie. Demnach beeinflussen sich Dinge über die Distanz durch eine «geheime Sympathie», entweder durch das Gesetz der Ansteckung oder durch das Gesetz der Ähnlichkeit (Ähnliches ­bewirkt Ähnliches). Sie verbindet eine Art geistiger Leim.

Das mag rätselhaft und abgehoben klingen. Doch nicht minder verblüffend sind die Resultate einer weiteren Befragung Nemeroffs und Rozins. Die Teilnehmer sollten bewerten, wie es sich anfühlt, den gereinigten Pulli eines Tuberkulosekranken zu tragen, eines Mörders oder einer Person, die bei einem Unfall ein Bein verloren hat. Alle drei Varianten wurden als ähnlich unangenehm beurteilt.

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Eigenschaften, die durch das Gesetz der Ansteckung übertragen werden, können somit physikalischer, moralischer oder psychischer Natur sein. Ein Ergebnis ist allerdings auch ohne dieses Wissen gut nachvollziehbar: Als äusserst unangenehm beurteilten die Probanden die Vorstellung, ein Hemd anzuziehen, das Hitler gehört hatte.

Wie viel «Seele» steckt in den Dingen?

Die «Essenz» der Dinge macht sie unverwechselbar und steht mit uns in einem Austausch. Das erinnert sehr an die ­«Seele der Dinge» von Marie Kondo. Doch wie viel unserer «Seele» steckt eigentlich in unseren Dingen?

Um das herauszufinden, tat der texa­nische Psychologe Sam Gosling etwas, was nicht eben als fein gilt: Er schnüffelte in anderer Leute Besitz herum. Auf die Idee dazu kam er als Student. Sein Betreuer haderte damals mit ­einem der grössten methodischen Probleme der Psychologie: Wer etwas über die Einstellungen, Motive und Charakterzüge von Personen wissen will, lässt sie einen Fragebogen ausfüllen und zieht seine Schlüsse daraus. Was aber, wenn die Befragten mit ­ihren Antworten nur einen guten Eindruck schinden wollen oder sie ein schlechtes Gedächtnis haben?

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Studenten auf Schnüffeltour

Die Lösung fand Gosling, als er in einem Kurs für Umweltpsychologie mit seinen Studenten ein Zimmer im Studienhaus aufsuchte. Eigentlich wollte sich die Gruppe mit dem Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung befassen. Doch Gosling erkannte, wie viel eine Wohnung über die Persönlichkeit ihres Bewohners aussagt.

Er schickte seine Forscher auf Schnüffeltour in 80 Studentenbuden. Sie sollten Fragen zu den ab­wesenden Bewohnern beantworten: «Ist er gesprächig?», «Hat er künstle­rische Interessen?», «Macht er sich oft Sorgen?». Die gleichen Fragen liess Gosling von den Bewohnern selbst und ihren engsten Freunden beantworten. Das Ergebnis war spektakulär: Die Einschätzungen der Forschungsgruppe kamen der Selbsteinschätzung viel näher als diejenigen der Freunde.

Quelle: Christian Schnur
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«Ich bewahre fast alle Briefe in einer Kiste auf. Sie stammen von den Eltern und Grosseltern, von einem Sandkastengspäändli oder von Brieffreunden. Ein Kondolenzschreiben zum Tod meines Vaters, der Abschiedsbrief einer grossen Liebe. Eigentlich das ganze Leben.»

Marianne Kürsteiner

Russell Belk, kanadischer Pionier der Konsumforschung, prägte den ­Begriff des erweiterten Selbst. Damit bezeichnete er den Umstand, dass wir die Dinge als Teil unserer Person er­leben – wir sind, was wir haben. Laut Belk haben unsere vielen Besitztümer einen tieferen Sinn. Sie zeugen von unserer Geschichte, stiften Identität. Die Dinge sagen uns, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Zwei Prinzipien, so Belk, prägen unsere ­Gesellschaft: die Säkularisierung des Sakralen und die Sakralisierung des Säkularen – das Heilige wird entweiht und das Profane heilig. Das Mittel, mit dem wir das Heilige erleben, ist der Konsum. Kaufen wird Ausdruck von heiligen Werten und Zeichen unserer Bindung an die Gesellschaft.

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Bei diesen Ideen stehen Kritikern der Konsumgesellschaft die Haare zu Berge. Doch in Belks Konzept steckt eine Konsumkritik, die tiefer geht. Nur wer diesen Prozess versteht, kann wirklich kritisch konsumieren. Und Belk lässt in unserer Beziehung zu den Dingen viel Raum für Spiritualität.

Das ist gar nicht so weit entfernt von Marie Kondos Welt, in der die ­Dinge beseelt sind und unser Inneres spiegeln. So kann Aufräumen ein Akt innerer Erneuerung werden.

Frohe Botschaft für Faule

«Bei der Entscheidung, ob wir etwas behalten oder wegwerfen, sollen wir uns einzig davon leiten lassen, ob das Ding Freude bereitet oder nicht», sagt Kondo. Sie empfiehlt, nach Kategorien vorzugehen. Zuerst Kleider, dann Bücher, Dokumente und zuletzt Objekte mit sentimentalem Wert. Wichtig sei, dass man jede Kategorie in einem Zug durcharbeite: «Machen Sie aus dem Aufräumen ein Festival, eine Party.»

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Kondo hält noch eine frohe Botschaft bereit. Es dürfte für manche sogar die wichtigste sein: Niemand müsse sich zum Aufräumen gezwungen fühlen. «Der richtige Moment kommt von allein. Wenn man den inneren Drang verspürt, das Gerümpel loszuwerden. Wenn man spürt, dass man viele Sachen angehäuft hat, und trotzdem ein Gefühl der inneren Leere verspürt, dann ist die Zeit gekommen, mit dem Aufräumen zu beginnen.»