Germaine Sophie Sollberger wäre bereit. Die 25-Jährige hat fast bis zum Umfallen geprobt, sie kennt ihre Rolle in- und auswendig. «Der Köcher ist gefüllt, jetzt warte ich darauf, die Pfeile abschiessen zu dürfen.»

Zunächst aber ist Warten angesagt. Geduld üben statt Choreografien. Im Berner Theater an der Effingerstrasse sind sämtliche Veranstaltungen abgesagt. Wie in den meisten Kulturbetrieben im Land bleibt der Vorhang bis auf weiteres zu. Und die Frage offen: Wie weiter? Das Coronavirus hat der jungen Schauspielerin buchstäblich die Bretter unter den Füssen weggezogen, die für sie die Welt bedeuten.

«Was einem im Herzen brennt, muss irgendwann raus», sagt Sollberger, die an der Hochschule der Künste in Bern Theater studiert und im Sommer mit dem Master abschliessen wird. Manchmal macht ihr die Absurdität zu schaffen, dass sie in ein paar Monaten mit einem Diplom im Koffer in eine Welt hinausgeschickt wird, die gerade nicht auf sie wartet. «Was soll das für ein Beruf sein, wenn es keine Orte mehr gibt, wo man ihn ausüben kann?»

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Faktisches Berufsverbot

Wie Germaine Sophie Sollberger geht es derzeit vielen jungen Menschen, die vor dem Abschluss stehen. Sie haben alles investiert – und stehen jetzt vor einer grossen Ungewissheit statt einer grossen Karriere. Ausgebremst auf den letzten Metern, sozusagen. Hochtalentiert, bestens qualifiziert, aber quasi mit einem Berufsverbot belegt.

Kommt man da nicht ins Hadern? «Ich lasse den Frust nicht an mich heran», sagt die Schauspielerin. «Solange die vier Wände nicht zusammenbrechen, die mich umgeben, geht es schon irgendwie weiter.»

Bereits vor Corona war es schwierig, als Schauspielerin Fuss zu fassen. Jetzt, da sich der gesamte Kulturbetrieb im Lockdown befindet, ist alles noch viel komplizierter geworden. Es finden keine Aufführungen statt, wo man Leute treffen und wichtige Kontakte knüpfen kann. Vorsprechen sind abgesagt oder verschoben, Flüge ins Ausland gestrichen.

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Wenn Sollberger sich mit anderen Schauspielerinnen und Schauspielern unterhalte, schwelge man voller Sehnsucht in Erinnerungen. An grossartige Premieren und die rauschenden Feiern danach, wo man irgendwann in den frühen Morgenstunden betrunken auf einer Toilette einschlief.

Sie sei ein positiv denkender Mensch. Dass im Moment viele Kurse der Hochschule nur virtuell stattfinden, habe durchaus spannende Aspekte, sagt Germaine Sophie Sollberger. So sei das Theater ja stets darum bemüht, jahrhundertealte Traditionen zu durchbrechen. Jetzt sei man quasi gezwungen, neue Wege zu beschreiten. «Die digitale Landschaft bietet ganz viele Möglichkeiten.» Dennoch freut sie sich auf den Moment, wenn der Vorhang wieder aufgeht. «Beim Theatermachen geht es um Begegnungen, darum, sich gegenseitig auszuhalten und gemeinsam einen Raum zu erforschen. Das ist in einer Videokonferenz kaum möglich.»

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«Irgendwie muss man Geld verdienen, um die Miete bezahlen zu können.»

Luca Lässer, angehender Pilot

Luca Lässer (26), angehender Pilot

Quelle: Salvatore Vinci

Luca Lässer trägt einen Schnauz wie Chesley Sullenberger. Dem Wunderpiloten «Sully» gelang im Januar 2009 nach einem Vogelschlag eine spektakuläre Notwasserung auf dem Hudson River in New York. Mit einem Airbus A320. Die Bilder gehen einem nicht mehr aus dem Kopf. Alle Passagiere und die Besatzung überlebten.

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Luca Lässer war damals noch ein Teenager. Mit Flugzeugen im Bauch – und vor allem im Kopf. In seinem Leben drehte sich alles um die Fliegerei.

Heute ist Lässer 26 und kurz davor, selber Linienpilot zu werden. Oder besser: Er war kurz davor. Im letzten Frühling hatte er gerade seine zweite Praxisphase in Florida begonnen. Dann kam Corona, die Rückführung, das lange Warten. Vor ein paar Wochen hat Lässer die Ausbildung in Grenchen SO wieder aufgenommen. Statt im April 2021 schliesst er nun im Herbst 2022 ab.

Dabei kann er sich noch glücklich schätzen. Seine Schule, die European Flight Academy, hatte ihren Schülerinnen und Schülern in Deutschland und in der Schweiz im November empfohlen, sich beruflich neu zu orientieren. Die Pandemie hat die Jobaussichten um 180 Grad gedreht. Hierzulande entschied man sich, bereits gestartete Kurse fortzuführen, bei denen es sich wirtschaftlich und fachlich begründen lässt.

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Option Lokführer

Eine Garantie auf einen Job gibt es für Luca Lässer nicht. Bloss die Absicht der Airline, ihn anzustellen. Das heisst: Wenn Edelweiss im übernächsten Herbst Bedarf an Piloten hat, kann sich Lässer seinen Traum erfüllen. Ansonsten? Einen Plan B will er erst aus der Schublade ziehen, wenn es nicht anders geht. Sicher ist: Es sind keine einfachen Zeiten für Fluglinien und deren Angestellte.

Lässer wohnt in einer WG mit anderen Piloten. Auch sie: seit Wochen gegroundet. In der Schweiz werden sich darum etliche arbeitslose Pilotinnen und Piloten demnächst zu Lokführerinnen und Lokführern umschulen lassen. Für Lässer eine Option? «Irgendwie muss man Geld verdienen, um die Miete bezahlen zu können.»

So weit denkt der Zürcher aber noch nicht. Das Fliegen ist seine Leidenschaft. Sein Vater flog für die Swiss, als Teenager checkte er immer die Flugradar-App, wenn ein Jet über seinen Kopf donnerte.

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Als während des ersten Lockdowns die gegroundeten Swiss-Maschinen in Dübendorf aufgereiht standen, tat ihm der Anblick weh: «Flugzeuge gehören in die Luft.» Zweifel an seiner Berufswahl hat das Bild aber nicht ausgelöst. Er sei überzeugt, dass die Airlines genügend flexibel sein werden, sich der neuen Marktsituation anzupassen.

Zu viel über die Zukunft nachzugrübeln, lohne sich nicht, sagt Lässer. Er konzentriert sich ganz auf sein Ziel: die Lizenz zum Fliegen. Dafür trainiert er, wann immer möglich, im Cockpit – und zwischendurch am PC, wo er mit dem Flight-Simulator die grossen Metropolen an der US-Westküste und in Asien anfliegt. Die Fliegerei, sagt Lässer, sei schon immer ein Auf und Ab gewesen. «Ich mache diesen Job nicht wegen des Geldes oder des Ansehens, sondern weil es das ist, was ich machen will. Es ist der schönste Beruf der Welt.»

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«Jede Schliessung eines Betriebs spült Fachkräfte auf den Markt.»

Fee Blass, angehende Hotelière

Fee Blass (22), angehende Hotelière

Quelle: Salvatore Vinci

Business Casual – so lautet der Dresscode für Fee Blass während des Lockdowns. Lieber würde sie wieder den Anzug anziehen und die weisse Bluse, sich das Foulard um den Hals binden und das Namensschild ans Revers stecken. In dieser Uniform besucht sie normalerweise den Unterricht an der Hotelfachschule Belvoirpark in Zürich.

Die 22-Jährige steht kurz vor dem Abschluss, am 27. März findet die Feier statt. Dann ist sie diplomierte Hotelière. Eine hochqualifizierte Frau in einer Branche mit eher düsterer Zukunft.

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Dass sie ins Hotel oder in die Gastronomie will, wusste sie bereits als Kind. Ihr Vater arbeitet fürs Theater und nahm sie manchmal mit zu den Vorstellungen. Eine fand im Grandhotel Victoria-Jungfrau in Interlaken statt. Sie durfte die Darsteller durch die Küche in den Saal schleusen. So sah sie hinter die Kulissen einer Welt, die sie nicht mehr losliess. «Es heisst, die grössten Partys finden in den Küchen statt», sagt Fee Blass.

Diese Lebendigkeit vermisse sie jetzt. In den eigenen vier Wänden, wo sie von acht bis siebzehn Uhr die Lektionen vor dem Bildschirm verfolgt. Aber auch im Tram, wo man das Lächeln der Leute hinter den Masken nur noch erahnen kann.

«Ältere Semester sagen: Es kommt alles gut. Dieses Vertrauen fehlt uns jungen Menschen leider. Es ist ja die erste grosse Krise in unserem Leben.»

Fee Blass (22), angehende Hotelière
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Die Unsicherheit, die in der Branche herrscht, bekommt sie auch in der Schule zu spüren. Dozentinnen fragen regelmässig, ob die Absolventinnen und Absolventen bereits einen Job hätten. Fee Blass weiss von Kommilitonen, die eine Zusage hatten, wegen eines Konkurses aber jetzt wieder vor dem Nichts stehen. Sie selber hat Aussicht auf eine Stelle in einem Gastro-Start-up, das sei aber noch nicht spruchreif.

«Jede Betriebsschliessung spült zahlreiche Fachkräfte auf den Markt», sagt Blass. Die Konkurrenz wird grösser, die Restaurants und Hotels können aus einem Pool von erfahrenen Leuten die besten auswählen. «Das macht es für Studienabgängerinnen nicht gerade einfacher.»

Verlorene Jahre

Die Jahre zwischen 20 und 30 prägen einen Menschen. Es ist die Zeit, in der man Erfahrungen sammelt, sich die Hörner abstreift und Wagnisse eingeht. Es ist die Zeit, in der man so viel erlebt wie selten zuvor und kaum mehr danach. Die Coronakrise, heisst es, treffe deshalb die junge Generation ganz besonders. Nicht gesundheitlich vielleicht, aber in ihren Lebensentwürfen.

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Wenn Fee Blass mit ihren Eltern spricht, hört sie oft, wie lässig sie die Zeit zwischen 20 und 30 empfunden hätten. Die Freiheit, jeden Abend rausgehen zu können, Leute zu treffen, sich ein Netzwerk aufzubauen. Zu lernen. «Ältere Semester sagen: Es kommt alles gut», sagt Blass. «Dieses Vertrauen fehlt uns jungen Menschen leider. Es ist ja die erste grosse Krise in unserem Leben.»

Hoffen auf den Frühling

Dennoch ist Blass optimistisch. Sie könne gar nicht anders, Gastronomen seien Optimisten, sagt sie und lacht. «Wir gehen davon aus, dass es im Frühling wieder losgehen kann. Ich hoffe, es gibt dann etwas zu tun für mich.» Bis dahin müsse man Sorge tragen, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werde, andere und sich selber schützen. «Und dass wir das alle zusammen durchstehen.»

Als Kind machte Fee Blass einmal Ferien in einem Hotel auf Sylt. Die Möbel im nordischen Stil beeindruckten sie. Die kühlen Farben, die wilde See draussen. Sie schlich ehrfürchtig durch die Lobby, schaute zu, wie Hotelangestellte auf magische Weise überall auftauchten – und irgendwo hinter den Kulissen wieder verschwanden. Und sie stellte sich vor, dass sie es wäre, die da durch die Gänge geht. Heute weiss Fee Blass: Dieser Tag wird kommen.

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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