Wenn Saga Lungthok an seine Ankunft in der Schweiz denkt, sieht er weisse Menschen an langen Tischen vor sich. Die Männer stecken ihre Nasen in Krüge voller Schaum. Das ist jetzt fast 40 Jahre her. Saga Lungthok war damals 13 Jahre alt. Er hatte noch nie eine Schule besucht und kannte weder beheizte Räume noch Toiletten. Und auch biertrinkende Männer hatte das tibetische Flüchtlingskind zuvor nie gesehen.

Heute trinkt er manchmal selber eines. Wenn auch aus kleineren Gläsern. In allen Dingen des Lebens versucht Saga Lungthok den mittleren Weg zu gehen. Nicht zu viel, nicht zu wenig. So will es seine Religion, der tibetische Buddhismus. Von Extremen wie Askese oder übertriebenem Hedonismus halten sowohl der Buddhismus als auch Saga Lungthok nichts.

Fahle Sonnenstrahlen fallen an diesem Sonntagnachmittag ins Wohnzimmer der Familie Lungthok. Am Balkongeländer flattern bunte Gebetsfahnen. Die Liebe zur ­tibetischen Kultur ist in der hellen Maisonnettewohnung im Stadtzentrum von Flawil nicht zu übersehen. Sie sind überall, die Erinnerungen an die alte Heimat. Auf den Fotos an den Wänden. In der traditionellen Kleidung, die die Ehefrau Palzom Lungthok, die 15-jährige Tochter Pema und der neunjährige Kunga Nyinje zu Ehren des Besuchs tragen. Und besonders eindrücklich im hauseigenen Andachtsraum.

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Die Lungthoks sind praktizierende Buddhisten. Rund 21'000 Buddhistinnen und Buddhisten leben in der Schweiz. Sie kommen aus Thailand, Japan, China oder wie Lungthoks aus Tibet. Mit Saga Lungthok über seinen Glauben zu sprechen, ohne zu erwähnen, warum er ihn hier und nicht in seinem Herkunftsland praktiziert, ist unmöglich: Als Sechsjähriger ist er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern geflohen. Zu Fuss über Berge, durch den Dschungel und über wacklige Hängebrücken. Er wirkt heiter, wenn er von den Yaks spricht, die sie mitgenommen haben. Er lacht, wenn er erzählt, dass ihr kleines Zelt im indischen Flüchtlingslager unter den Schneemassen zusammengebrochen ist.

Die Fakten seiner Anekdoten erzählen eine Geschichte, die er so oder ähnlich mit vielen Exiltibetern teilt: Von den chinesischen Besatzern vertrieben, verlassen seine Eltern ihren Bauernhof im Südosten Tibets. Endlich in Nordindien angekommen, werden sie in ein Flüchtlingslager eingewiesen. Dort arbeiten seine Eltern im Auftrag der indischen Regierung im Strassenbau. Was sie verdienen, reicht knapp zum Überleben. Die Winter im Zelt sind kalt. Viele der Flüchtlinge werden krank. Saga verliert seine zwei- und achtjährigen Geschwister. «Auch andere Kinder sind gestorben», sagt Lungthok in seiner ruhigen, scheinbar unbewegten Art. Gelassenheit? Disziplin? Wer Saga Lungthok zuhört, sucht, ohne es zu wollen, nach Begriffen, die helfen, dieses scheinbar Unerschütterliche einzuordnen. Diesen Willen, das Schicksal zu meistern. Gleichmut? Oder einfach Gottvertrauen?

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Familie Lungthok hält die Kultur ihrer Heimat lebendig: Pema, Palzom, Saga und Kunga Nyinje (von links)

Quelle: Antoine Taveneaux

«Fragen Sie meine Frau»

Über seine Religion zu sprechen fällt ihm nicht leicht. «Wir beten regelmässig zusammen», sagt er, und sie feierten die wichtigen tibetischen Feste. «Aber reicht das, um Fragen zu meiner Religion beantworten zu können?» Für solche Dinge seien die Mönche im Kloster Rikon zuständig, sagt er und lacht wieder sein ansteckendes Lachen: «Oder fragen Sie meine Frau.» Sie praktiziere viel intensiver als er. Und dann versucht er es trotzdem. «Buddhismus ist hier», sagt er und zeigt auf seine Brust: «Im Herzen.»

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Seine Frau Palzom serviert Tee und Kuchen. Normalerweise sitzen die Lungthoks um diese Zeit zusammen auf den schweren Wollteppichen im Altarraum und lesen in den heiligen Büchern. «Das Beten ist uns wichtig, weil man durch das Rezitieren der Texte dazulernt», sagt Palzom Lung­thok in einem Mix aus Deutsch, Englisch und Tibetisch. Es gehe darum «to change your mind». Tochter Pema übersetzt: «Als Mensch muss man lernen, negative Ge­fühle wie Neid, Hass und den Egoismus zu überwinden und lernen, allen anderen Lebewesen mit Respekt zu begegnen», sagt sie. «Auch den Feinden.»

Zehntausende fliehen vor den Chinesen

Im Sommer 1950 marschiert die chinesische Armee in Tibet ein. Sie verbietet den Tibetern die Ausübung ihres Glaubens und nimmt ihnen das Recht auf freie Meinungsäusserung. Neun Jahre später kommt es zu einem blutigen Aufstand gegen die Besatzer. Er wird niedergeschlagen. 80'000 Tibeter flüchten nach Indien, Nepal und Bhutan. Sie folgen ihrem geistigen Oberhaupt, dem damals 24-jährigen Dalai Lama, ins Exil. Viele sind monate-, andere jahrelang unterwegs. Tausende sterben.

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Die Schweizer Bevölkerung solidarisiert sich mit dem «Bergvolk», das sich gegen das kommunistische China auflehnt. Im Herbst 1960 treffen die ersten Flüchtlinge in der Schweiz ein. Die höflichen und fleis­sigen Männer und Frauen zeigen sich als fähige Arbeitnehmer, und verschiedene Firmen, allen voran die Pfannenfabrik Kuhn Rikon im zürcherischen Tösstal, bemühen sich um sie.

Auch auf Saga Lungthoks Eltern wartet 1973 am Flughafen Zürich bereits ein Firmenbesitzer. Jener der Textilfabrik Habis in Flawil. Er bietet dem Vater eine Stelle an und der Familie eine Wohnung. «Mit mehreren Zimmern», erinnert sich Saga Lungthok, «und einem WC mit Spülung.»

Rund 4000 Mitglieder umfasst die tibetische Gemeinschaft in der Schweiz heute. Viele tibetische Familien sind nach wie vor eng verbunden mit den Unternehmen, die ihnen damals Arbeit gaben. Auch Saga Lungthok steigt nach Abschluss der obligatorischen Schule in der Textilfabrik Habis ein. Er absolviert eine Lehre und eine Weiterbildung zum Textilmeister. Fragen wie «Hatten Sie nie das Bedürfnis, etwas anderes zu machen?» kommen bei Saga Lung­thok nicht an. Solche Dinge fragt man sich nicht, wenn man dankbar ist für die Hilfe, die man bekommen hat, und wenn man ­eine grosse Verantwortung trägt. «Wir Exil­tibeter sind die Hoffnung der Menschen, die in Tibet geblieben sind», sagt Saga Lungthok. Und: «Wer sonst sollte sich für die Befreiung unseres Landes einsetzen und tibetische Kultur und Religion lebendig erhalten?»

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Wie macht man das, wenn man in der Textilfabrik arbeitet oder wie Pema die Kantonsschule besucht? «Zeit zum Beten bleibt mir neben den Hausaufgaben nur wenig», sagt die 15-Jährige, deren Name übersetzt Lotusblüte heisst. «Leider.» Sie versuche einfach, ein gutes Leben zu leben. «Freundlich mit allen Klassenkameraden zu sein und den Lehrern Respekt zu zollen.» Nicht gerade das, was man von einem quirligen Teenager erwartet, der gern mit Freundinnen shoppen geht, Leichtathletik macht, als Bollywood-Tänzerin auftritt und kürzlich an der Schweizer Meisterschaft im Hip-Hop teilgenommen hat.

Vielleicht ist es aber genau dieses Bemühen, das Pema dereinst hilft zu erreichen, was das höchste Ziel aller Buddhisten ist: den Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt zu überwinden. Praktizierende versuchen, durch eine ethische Lebens­führung und Selbsterkenntnis Erleuchtung zu erlangen und ins Nirwana einzugehen. Obwohl es laut Saga Lungthok keine festen Regeln gibt, die ihren Alltag prägen, so gibt es für Buddhisten doch Gebote, die es zu befolgen gilt: Keine Lebewesen zu töten oder zu verletzen etwa, oder: «Nichtgegebenes nicht nehmen» oder «keine unheilsamen sexuellen Beziehungen pflegen».

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«Nur Tibeter haben eine Chance»

Und was, wenn die schöne Lotusblüte plötzlich einen Freund heimbringt? Pema wartet gar nicht erst auf die Antwort ihrer Eltern. «Dafür bin ich noch zu jung», sagt sie bestimmt. Und in Frage käme sowieso nur ein Tibeter. Und nur einer, der ihren Glauben respektiere. «Alle anderen», sagt Pema, «haben eh keine Chance.» Ihr Vater amüsiert sich sichtlich: «Wenn sie so anspruchsvoll bleibt, wird sie keine grosse Auswahl haben.»

Der Zusammenhalt in der Gemeinschaft ist gross. Man trifft sich regelmässig, um religiöse Feste oder den Geburtstag des Dalai Lama zu feiern. «Aber», sagt Palzom Lungthok, «in der Generation von Pema und Kunga Nyinje gibt es viele, die nur wenig über die Traditionen ihrer Eltern wissen.» Umso glücklicher sei sie, dass ihre Kinder grosses Interesse am Buddhismus hätten. Jedes Jahr fliegt die 43-Jährige darum mit ihren Kindern nach Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung im Norden Indiens. Dort lebt das religiöse Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama. Für die Kinder ist diese Reise der Höhepunkt des Jahres. Pema sagt, sie geniesse es, andere Jugendliche zu treffen, die ähnlich seien wie sie, und ihr Bruder schwärmt für die indische Küche. «Wir haben viel Spass dort», strahlt er und rückt die Medaille, die er über seinem gelben Seidenhemd trägt, ins rechte Licht. Die Plakette ist sein ganzer Stolz. Er hat sie vor kurzem mit seiner Fussballmannschaft gewonnen.

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Ein besonderes Foto im Andachtsraum: Kunga Nyinje Lungthok mit dem Dalai Lama

Quelle: Antoine Taveneaux

Ohne die Medaille geht Nyinje an diesem Nachmittag nirgendwo hin. Nicht einmal im Andachtsraum kann er sich von ihr trennen. Dort steht in der Mitte des Raumes ein Foto, das ihn zusammen mit dem Dalai Lama zeigt. Nyinjes Vater zögert. «Ich muss das erklären.» Nicht jeder tibetische Junge werde von Seiner Heiligkeit empfangen, sagt er leise, aber Nyinje sei bereits als Vierjähriger als Inkarnation eines Lamas, als Wiedergeburt eines geistlichen Lehrers, erkannt worden. Das heisse, dass er auserkoren sei, dessen Nachfolge anzutreten. Will er denn Mönch werden? Vielleicht. Aber zuerst Profifussballer.

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Saga Lungthok, der selber mehr als 30 Jahre beim FC Flawil aktiv war, hat volles Verständnis. Muss er denn Mönch werden? «Es kommt, wie es kommen muss», sagt Saga Lungthok. So will er es, und so will es seine Religion. Von blinder Autoritätsgläubigkeit und Zwang halten sowohl der Buddhismus als auch Saga Lungthok nichts.