Die meisten Frauen wollen im Voraus nicht über Geld sprechen. Sie lernen mich lieber erst persönlich kennen, whatsappen, telefonieren oder gehen einen Kaffee mit mir trinken. Manche sind so aufgeregt, dass sie in der Nacht vor unserem ersten Treffen nicht richtig schlafen können. Wenn wir uns dann sehen, merken sie, dass ich ein ganz normaler Mann bin, und können sich entspannen.

Trotzdem plane ich mindestens eine halbe Stunde ein, um das Eis zu brechen, mit ihnen zu plaudern und eine gute Stimmung zu kreieren. Das ist nicht wie bei Männern, die hopp, hopp, zack, zack schnell mit einer Prostituierten ins Bett hüpfen und nach einer Stunde wieder verschwinden. Mein Business funktioniert anders.

Die meisten meiner Kundinnen haben keine ausgefallenen sexuellen Wünsche. Natürlich will sich seit «Fifty Shades of Grey» die eine oder andere die Augen verbinden oder sich sanft fesseln lassen, das ist dann aber auch schon alles. Eine, die härter angefasst werden will, würde sich kaum mich aussuchen. Ich bin eher der Softie, biete Zärtlichkeit, Leidenschaft, Vertrauen und Kuscheliges.

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Einen Mann aus dem Katalog buchen

Manchmal gibt es Frauen, die sich einfach hinlegen, die das Gefühl haben, als Profi müsste ich ihre Gedanken lesen können und genau wissen, was ihnen besonders gut gefällt. Natürlich habe ich mittlerweile viel Erfahrung im Verführen, trotzdem würde ich mir wünschen, dass sich Frauen trauen, das Zepter in die Hand zu nehmen und klar sagen oder zeigen, was ihnen gefällt.

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Für Sex zu bezahlen fällt vielen Frauen immer noch ziemlich schwer. Ich kann die Hemmungen nicht ganz nachvollziehen. Schliesslich zahlt man ja auch, um sich professionell die Haare schneiden, sich massieren zu lassen oder im Restaurant zu essen. Doch sobald es um Liebe, Sex und Zärtlichkeit geht, ist es ihnen peinlich, Geld für schöne Stunden auszugeben.

«Nachdem ich mein erstes Sackgeld verdient hatte, gefiel mir mein Job immer besser.»

Renato, 36, Callboy

Es geht allerdings auch anders. Immer häufiger gibt es junge, erfolgreiche Frauen, die einen Callboy buchen, weil sie es reizvoll finden, sich einen Mann aus dem Katalog auszusuchen. Aber, um ehrlich zu sein, das ist noch die Minderheit. Der Grossteil meiner Kundinnen sind Frauen über 40, die wieder single sind oder in einer Beziehung stecken, die sie nicht mehr vollständig glücklich macht.

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Es sind Frauen, deren Körper durch die Schwangerschaft gezeichnet sind, die sich aber dennoch wieder einmal begehrt fühlen möchten. Oder Frauen, die von ihren Männern vernachlässigt werden und sich wieder einmal vollkommen als Frau fühlen möchten. Und genau das gebe ich ihnen. Mir gefällt es, Frauen, die sich nach Zärtlichkeit sehnen und sexuell ausgehungert sind, unvergessliche Momente zu bescheren.

«Sex ohne Kondom kommt nicht in Frage»

Wenn ich das anders sehen würde, könnte ich diesen Job kaum machen. Denn schliesslich muss ein Callboy – anders als eine weibliche Prostituierte – immer funktionieren. Bis jetzt war das allerdings nie ein Problem. Ich sehe in den meisten Frauen etwas, was mich reizt. Letztlich ist es aber wie bei jedem anderen Job auch: Es gibt Aufgaben, die einem Spass machen, und solche, die weniger reizen. Es gibt aber auch Grenzen. Beispielsweise dann, wenn eine Frau Sex ohne Kondom will. Das kommt nicht in Frage. Auch Sadomaso und Ähnliches ist nicht mein Ding. Falls eine Frau gänzlich ungepflegt und unhygienisch wäre, würde ich wohl ebenfalls die rote Karte ziehen. Bis jetzt musste ich allerdings noch nie eine Kundin abweisen, obwohl ich schon seit vier Jahren im Business bin und durchschnittlich drei bis vier Kundinnen pro Woche empfange.

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Ein Gütesiegel für Callboys

Eigentlich bin ich gelernter Lebensmittelverkäufer. Auf der Suche nach einem lukrativen Nebenjob bin ich auf eine Callboy-Seite gestossen. Nachdem ich damit mein erstes Sackgeld verdient hatte, gefiel mir der Job immer besser. Später habe ich dann die Plattform Callboy-Schweiz übernommen, auf der mittlerweile über 40 Boys ihre Dienste anbieten, Tendenz steigend. Im nächsten Jahr wollen wir ein Callboy-Gütesiegel einführen, das sie nach einem HIV-Test und einer Persönlichkeitsanalyse bekommen. Das Geschäft läuft immer besser, die Klickzahlen zeigen steil nach oben. Sogar mein Zwillingsbruder ist mittlerweile miteingestiegen. Manchmal werden wir auch gemeinsam für einen Dreier gebucht.

Das muss sich eine Frau natürlich leisten können. Drei Stunden bei mir kosten 600 Franken, für uns beide sind es 1200. Die meisten buchen mich drei, vier Stunden, maximal eine Nacht. Einige gönnen sich aber ein Wochenende oder eine ganze Ferienwoche mit mir. Das sind Frauen mit gutbezahlten Jobs, eigenem Vermögen oder reichen Ehemännern. Mit einer Kundin an einem exotischen Ort in einem Fünfsternehotel liegen und für Zärtlichkeit und guten Sex bezahlt zu werden, ist definitiv der Ritterschlag im Callboy-Business.

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Ihre Meinung ist gefragt!

Was halten Sie von Callboys? Haben Sie schon eigene Erfahrungen gemacht? Oder es sich zumindest schon einmal überlegt?

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.

Autorin: Nicole Krättli
Bild: Basil Stücheli
Illustration: Thilo Rothacker