Die Message auf dem Anrufbeantworter war kurz und klar: «Chrispeli, mir geht es gut.» Die junge kaufmännische Angestellte aus Basel erstarrte vor Schreck, denn die Stimme, die sie hörte, war unverkennbar jene ihrer Mutter - und die war vor zwei Wochen im Spital gestorben. Oder: Eine 46-jährige Psychologin aus Bern sah ihren tödlich verunfallten Freund auf dem Motorrad, gerade als sie auf dem Weg zu dessen Beerdigung war. Wie sollte sie sich von jemandem verabschieden, dem sie eben noch begegnet war? Dass Tote nicht spurlos von dieser Welt gehen, davon ist die Bernerin zutiefst überzeugt, denn ihr Freund habe sich noch oft gemeldet und sei ihr eine Lebenshilfe.

Hirngespinste und Sinnestäuschungen? Oder ganz normale Kontaktaufnahmen von Wesenheiten rund um uns? Sicher ist, dass immer mehr Menschen an die energetische Weiterexistenz der Verstorbenen glauben. Gemäss einer Umfrage in 16 europäischen Staaten ist jedem zehnten Menschen schon ein Verstorbener erschienen. Rechnet man noch andere paranormale Phänomene dazu, erhöht sich die Zahl rasant. Der Schweizer Physiker und Parapsychologe Alex Schneider ist überzeugt, dass bereits jeder vierte Westeuropäer schon einmal mit der «anderen Welt» auf Tuchfühlung gewesen ist: von ausserkörperlichen Jenseitserfahrungen über mediale Botschaften sowie geisterhafte Erscheinungen und Spuk bis hin zu rätselhaften Grüssen von Toten auf Computermonitoren, Tonbändern und Anrufbeantwortern.

Wir hier - wer dort?
«Schauderhaft? Warum denn?» Für das Medium Evelyn Schweizer sind solche Kommunikationsversuche aus dem Jenseits weder beängstigend noch paranormal, sondern ganz gewöhnlicher Alltag. Schon als sechsjähriges Mädchen habe sie sich regelmässig mit einer verstorbenen Nachbarin unterhalten, die jeweils auf ihre Bettkante gesessen sei. Im Lauf der Jahre gesellten sich weitere Besucher aus dem Jenseits dazu.

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Seltsam hätten das immer nur Aussenstehende gefunden, und irgendwann hat sie aufgehört, von ihren Zwiegesprächen zu erzählen. Eine Zeit lang habe sie sein wollen wie alle anderen und sich gegen die Kontaktaufnahmen gewehrt - was aber regelmässig zu einem körperlichen Kollaps geführt habe. «Heute verstehe ich mich mit den "geistigen Helfern" viel besser. Sie sind zwar ständig da, aber ich kann den Zeitpunkt und die Dauer unseres Dialogs mitbestimmen.»

Vor vier Jahren hat Evelyn Schweizer ihre Berufung zum Beruf gemacht. Sie wollte ihre Energien und ihr «geistiges Team» nicht mehr nur als persönliche Wegweiser nutzen, sondern auch in den Dienst anderer Rat- und Trostsuchenden stellen. Die Zürcherin betrachtet sich als Dolmetscherin zwischen den beiden Welten. Und dazu braucht sie keine Trance: Während ihrer Sitzungen ist sie zwar «online», aber voll da, während sie Botschaften von verstorbenen Ehemännern, Kindern, Grosseltern, Tanten, ja selbst von altem Hochadel empfängt - alles Menschen, die sie zu Lebzeiten nie gesehen hat.

Über mangelnde Nachfrage kann sie sich nicht beklagen: Sie ist auf Monate hinaus ausgebucht. Evelyn Schweizer ist eines von vielen Medien in der Schweiz. Wie viele es genau sind, weiss niemand; selbst die Schweizerische Vereinigung der Parapsychologie hat auf dem rasant wachsenden Markt die Ubersicht verloren und traut sich keine Schätzung zu. Poltergeister und Tischerücken sind nicht mehr in Mode - Channeling nennt sich die zeitgemässe Kontaktaufnahme mit den höheren Wesen. Das jeweilige Medium dient als Sendekanal für transzendentale Botschaften.

Klar, dass sich in der Dämmerzone rund um die mystische Erleuchtung auch zahlreiche Irrlichter tummeln. Irrlichter, die eine Menge Geld am Leid und der Orientierungslosigkeit ihrer Mitmenschen verdienen. Eine zuverlässige Qualitätssicherung wird im Bereich des Feinstofflichen wohl nie möglich sein. Trotzdem plant die Vereinigung für Parapsychologie eine Liste aller Medien und eine Anlaufstelle für mediale Kunden, die sich geprellt fühlen.

Evelyn Schweizer weiss von Kunden, die ein halbes Vermögen bei zwielichtigen Medien und Gurus liegen gelassen haben. Und wie stehts um ihre eigene Glaubwürdigkeit? Dass ihr Erfolg auf reiner Mund-zu-Mund-Propaganda basiert, spricht für sie - ebenso wie die Tatsache, dass sie auf mystischen Firlefanz à la Uriella verzichtet. Im Gegenteil: Sie ist eine irdische Durchschnittserscheinung mit einem bodenständigen Humor.

Keine Garantie für Wunder
Von ihrer Kundschaft wünscht Evelyn Schweizer vor der Sitzung keinerlei Angaben über Person oder Lebenssituation, das zu erspüren gehöre zu ihrer Arbeit als hellsichtiges Medium. Und: «Ich verspreche keine Wunder, mache keine Seelenspionage und biedere mich nicht energetisch an.» Im Klartext heisst das: Sie macht keine Wahrsagerei, verspricht keine Heilung, arbeitet nicht mit schlechten Energien - sie nennt sie «Güselenergien» -, sie beteiligt sich nicht an okkulten Rachefeldzügen gegen Dritte. Und sie räumt ein, dass sich die Geister der Verstorbenen nicht immer auf Abruf melden. «Manchmal würde ich so gerne einem Trauernden den Kontakt mit einem Verstorbenen schenken. Aber geistige Wesen lassen sich nicht wider Willen herbeizitieren. Einige melden sich jahrelang nicht - vielleicht weil sie mit ihrer eigenen Weiterentwicklung im Jenseits beschäftigt sind.»

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Zu Evelyn Schweizer kommen Menschen jeglicher Couleur: strenge Katholiken in Seelennot, Paare mit Beziehungsstress, Scheidungswillige, Juristinnen, Bankdirektoren, Schwangere, Vereinsamte, Suchende, Kranke. Manchmal geht es um verstrickte Lebenssituationen, manchmal um höchst banale Fragen, die die Kunden von der geistigen Welt beantwortet haben wollen. «Aber weder meine geistigen Helfer noch ich selbst nehmen den Menschen Entscheidungen ab. Wir liefern höchstens Impulse und Hinweise zu möglichen Lösungswegen.»

Drängt sich die Frage auf, warum mittelmässig intelligente Sterbliche als Geister plötzlich zu weisen und klugen Lebensberatern mutieren sollten? Evelyn Schweizer bezeichnet die dreidimensionale Sicht von uns Diesseitigen als sehr beschränkt: «Wir sind wie Reisende, die am Bahnhof unschlüssig vor einem Zug stehen. Einsteigen oder nicht? Die höheren Wesen hingegen sehen mehrdimensional. Aus ihrer Vogel- respektive Geisterperspektive erkennen sie, woher der Zug kommt und wohin die Reise gehen wird.»

Dichtung oder Wahrheit? Einträglicher Humbug oder echte Bewusstseinserweiterung? Zweifler werden es wohl nie wissen, denn an der Frage rund um die «zweite Wirklichkeit» scheiden sich irdische Geister seit je. Für viele Naturwissenschaftler, Theologen und rational denkende Skeptiker gehört der Spuk ins Reich des menschlichen Aberglaubens und damit ins finstere Mittelalter.

Die ausserordentlich schnell wachsende «Glaubensgemeinschaft» der Esoteriker und ihre spirituell-mystischen Erkenntnisse irritieren die akademische Welt. Hartnäckig beruft sich diese auf die fünf guten alten menschlichen Sinne und verlangt nach stichhaltigen Beweisen für jenen diffusen sechsten und alle weiteren Uber-Sinne. Doch eine handfeste Beweisführung fehlt nach wie vor. Hüben wie drüben.

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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Balz Hosang und Monika Zinnenlauf